Pfalzgeschichte(N)
Die Akten der Mönche: Was der Weißenburger Codex aus Speyer alles verrät
Augsburg um 1820, ganz genau lässt sich der Vorgang nicht mehr datieren: In einer Buchhandlung der Fuggerstadt liegt ein Schatz aus dem Mittelalter– eine oder womöglich sogar zwei ausgesprochen wertvolle Handschriften. Es handelt sich um „Kopialbücher“, Abschriften von Urkunden aus dem Skriptorium des Klosters St. Peter und Paul im elsässischen Weißenburg.
Ob die beiden in Schweinsleder und Buchenholz eingebundenen dicken Bände erst 1789, im revolutionären Frankreich, mit der Aufhebung des seit 1524 als weltliches Kollegiatsstift fortbestehenden ehemaligen Benediktinerklosters aus dem Archiv verschwanden, lässt sich wie so vieles in diesem Fall nicht mit Sicherheit sagen. Es ist wahrscheinlich, dass sie bis zum Schluss dort aufbewahrt wurden. Allerdings landeten bereits nach den Wirren des Dreißigjährigen Krieges über 100 theologische und liturgische Handschriften aus der Klosterbibliothek auf verschlungenen Wegen 1689 in der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel, wieder andere in der Österreichischen Nationalbibliothek Wien. Handschriften aus dem Weißenburger Skriptorium befinden sich heute auch in Rom, Paris, Berlin, Heidelberg, in der Humanistenbibliothek von Schlettstadt (Sélestat) und in Speyer.
Erbstück aus Augsburg
In den Speyergau, zu dem im Mittelalter auch das elsässische Weißenburg zählte, ist 1830 der eingangs erwähnte mittelalterliche Schatz des Augsburger Buchhändlers zurückgekehrt, allerdings nicht vollständig. Nur ein Band gelangte zu Beginn der 1830er-Jahre in den Besitz des auf Betreiben Königs Ludwig I. und unter Federführung des bayerischen Regierungspräsidenten in der Pfalz, Joseph von Stichaner, gegründeten, noch jungen „Historischen Vereins des Rheinkreises“, seit 1837 Historischer Verein der Pfalz.
Unter den vielen bayerischen Staatsbeamten, die ihre berufliche Laufbahn in den linksrheinischen Landesteil des Königreichs verschlug, war auch der Sohn jenes Augsburger Buchhändlers und Antiquars, der den Wert mittelalterlicher Handschriften wohl richtig einzuschätzen wusste. Als „Erbstück“ gelangte ein Band also nach dem Tod des Vaters in den Besitz des Sohnes und damit zurück in die Nähe jenes Ortes, an dem er fast 1000 Jahre zuvor entstanden war. Unser geschichtsbewusster bayerischen Beamter, nun Eigentümer der wertvollen Inkunabel, vermachte sie schließlich, als engagiertes Mitglied, dem Historischen Verein der Pfalz. Dem gehört sie heute noch. Und der zweite Band? Niemand weiß, was aus ihm geworden ist.
Er könnte irgendwo in einem versteckten Regal noch vorhanden sein und eines Tages wieder auftauchen, sagt Franz Maier, im heutigen Landesarchiv Rheinland-Pfalz in Speyer verantwortlich für das historisches wie nichtstaatliches Archivgut und die Sammlungen. Dort wird, gut verschlossen und klimatisiert, der Schatz mittelalterlichen Schrifttums heute aufbewahrt. Die Spur des verschwundenen Buchs verliert sich, weiß Maier noch, irgendwo in Mainz, wo auch der bekannte Band aufgetaucht war, bevor er nach Augsburg gelangte. Was ihn so sicher macht, dass es ein Gegenstück gegeben hat und vielleicht sogar noch gibt?
Es ist das, was – mit schwarzer Tinte geschrieben und mit roten Initialen und Überschriften versehen – in dieser als Älterer Weißenburger Codex bekannten, auch Codex Traditionum genannten und zwischen 855 und 860 im Skriptorium des Klosters Weißenburg entstandenen Handschrift zu lesen ist. Dies in Verbindung gebracht mit dem, was man über die Geschichte des 661 erstmals urkundlich erwähnten Klosters weiß, lässt keinen anderen Rückschluss zu als den, dass da ein Band fehlt.
Die Schreibwerkstatt-Elf
Elf Schreiberhände kann man unterscheiden, elf Kopisten, die sich daran machten, Abschriften von 263 Urkunden und 13 Zweitausfertigungen aus dem damaligen Klosterarchiv anzulegen, die bis ins 7. Jahrhundert zurückreichen und von denen heute keine mehr im Original vorhanden ist: Ein Fenster öffnet sich, weit zurück, bis in die merowingische Epoche vor der Thronbesteigung von Pippin, Vater Karls des Großen und erster Karolingerkönig des fränkischen Reiches, als die Abtei zum Territorium des Reichsteils Austrasien gehörte. Man blickt auf den ausgedehnten Besitz des Klosters, das nach dem heutigen Stand der Forschung wohl eine Gründung des Speyerer Bischofs Dragobodo war und zur Zeit von Abt Grimald (833-837/38 und 847-870) eine erste Blüte erlebte.
Aufgezählt im Codex sind die weit verstreuten Klostergüter in drei Gauen: in weiten Teilen des Elsassgaus sowie dem Saar- und dem Seillegau, im heutigen Lothringen also. Auch einige pfälzische Besitzungen sind genannt, aber längst nicht alle, und es fehlen Ortsangaben aus dem heutigen Rheinhessen ebenso wie von der anderen Seite des Rheins. Auch hatte das prosperierende Kloster Eigentum. Der vermisste zweite Codex-Band dürfte genau diese Angaben enthalten.
Ein einnehmender Herzog
Aus einer späteren, Ende des 13. Jahrhunderts unter Abt Edelin entstandenen Handschrift, dem nach ihm benannten Codex Edelini, weiß man von 17 Gauen, in denen das Kloster Weißenburg Güter besaß, und von Streubesitz bis an Saale, Main und Lahn und in Oberschwaben. Damals hatte sich Herzog Otto, Großvater des späteren Salierkaisers und Domgründers Konrad II., wohl durchaus mit Billigung des Reichsadels, bereits einiger Besitztümer des wohlhabenden Klosters bemächtigt, was dort verständlicherweise Empörung hervorrief und als „Salischer Kirchenraub“ von 985 in die Geschichte einging. Beim einen wie beim anderen Codex handelt es sich um Güterverzeichnisse, um frühe Verwaltungsakten auf Pergament also. Sie glänzen nicht mit aufwendiger künstlerischer Gestaltung und Ausmalung mit kostbaren Farben, weswegen sie – verlassen sie einmal ihre Schutzräume – ein wenig stiefmütterlich neben prachtvoll illuminierten Evangeliaren ihr Dasein fristen. So wie derzeit der Ältere Weißenburger Codex in Mainz, wo er in seiner über 1000-jährigen Geschichte nun zum zweiten Mal ist.
Für die Dauer der Landesausstellung „Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht“ hat das Landesarchiv Speyer seine älteste hier im gesicherten Magazin verwahrte Archivale auf die Reise in die Landeshauptstadt geschickt. Wie immer, wenn so etwas geschieht, nicht unbegleitet, sondern behütet von Mitarbeitern aus der Restaurierungsabteilung, die wissen, was alte Handschriften brauchen. Wohltemperiert bei nicht mehr als 18 Grad und im Dämmerlicht liegt der Ältere Weißenburger Codex jetzt gerade in einer Vitrine im Landesmuseum – und es ist im Grunde wie immer: Niemand kann ihn sehen, denn noch immer sind die Museen wie alle anderen Kultureinrichtungen im Land geschlossen.
Ein Aktenschreiber als Dichter
Allein ist er jedoch dort nicht, sondern umgeben von prominenter Nachbarschaft. Dem Prümer Urbar etwa, um 893 entstanden, das die Güter des Klosters Prüm mit den Diensten und Abgaben von über 100 Landgütern und 1700 Bauernstellen in 400 Orten verzeichnet. Erhalten ist allerdings „nur“ seine bebilderte und kommentierte Abschrift von 1222, „aufgehübscht“ mit karolingischer Buchmalerei, denn immerhin waren die Abgebildeten – König Pippin und sein Sohn, Kaiser Karl der Große, – die Stifter des Klosters, in das sich Karls Enkel, Kaiser Lothar I., 855 zurückzog und wo er als einfacher Mönch begraben wurde.
Gleich daneben dann der Lorscher Codex, dessen Existenz auch unzählige Pfälzer Orte ihre Ersterwähnung und damit diverse Jubiläumsfestlichkeiten verdanken. Fast alle Originale der 3800 im 763 gegründeten Benediktinerkloster Lorsch gefertigten Urkundenabschriften sind verloren. Auch das Güterverzeichnis der Reichsabtei Lorsch ist eher nüchtern gehalten – aber als historische Quelle auch für pfälzische Ortschroniken von unschätzbarem Wert. Die andere wichtige Quelle ist der Ältere Weißenburger Codex, denn auf dem Gebiet der heutigen Pfalz trafen sich die Einflussgebiete der beiden mächtigen Klöster. Man versteht, weshalb der Verlust des zweiten Bandes so zu bedauern ist.
Aber der Codex aus dem Kloster im Elsass hat noch etwas, das andere nicht haben: Einer der Klosterkanzlisten, die an dieser doch eher trockenen Verwaltungsaufgabe der Dokumentation von Schenkungsurkunden, Verkäufen und Verträgen mitwirkten, war Otfrid von Weißenburg: jener Mönch, der als erster deutscher Dichter gilt, zwischen 863 und 871 Verfasser einer „Evangelienharmonie“ („Liber Evangeliorum“), einer Evangeliendichtung über das Leben und Wirken Jesu nicht in lateinischer, sondern in althochdeutscher Sprache, nicht in Stab-, sondern mit Endreimen. Otfrids Handschrift ist als die des Kopisten F identifiziert. Er hat nicht nur Akten, sondern auch Literaturgeschichte geschrieben.