Literatur RHEINPFALZ Plus Artikel Die Österreicherin Judith W. Taschler überzeugt mit ihrem Generationenroman „Über Carl reden wir morgen“

Judith Taschler wurde 1970 in Linz geboren.
Judith Taschler wurde 1970 in Linz geboren.

Die Österreicherin Judith W. Taschler hat sich in den vergangenen Jahren einen glänzenden Ruf als Erzählerin erarbeitet. Ihr neuer Roman „Über Carl reden wir morgen“ ist noch ein Stück ambitionierter als der Vorgänger „Das Geburtstagsfest“ von vor drei Jahren.

Über Carl reden wir morgen, aber über Judith sprechen wir heute. Mit der „Deutschlehrerin“ erreichte Judith W. Taschler 2013 zum ersten Mal ein größeres Publikum. Ihr Spezialgebiet sind Familienromane, und die 1970 in Linz geborene Schriftstellerin betätigt sich erneut als literarische Archäologin. Auch in ihrem neuen Roman reist sie weit in die Vergangenheit, gräbt und forscht und überblickt von Anfang des 19. Jahrhunderts über rund 100 Jahre das Schicksal von drei Generationen einer Familie.

Die Schrecken des Ersten Weltkriegs

Die Geschichte endet mit Eugen und Carl. Eugen und Carl sind Zwillinge. Sie tauschen nach dem Ersten Weltkrieg mehrmals die Rollen. Denn während Eugen vor Jahren nach Amerika auswanderte, um dort als Unternehmer seinen Erfolg zu suchen, und jetzt (vorübergehend) zurückkehrte, musste Carl in den Ersten Weltkrieg ziehen. Nach einer Explosion desertierte er aus gutem Grund, und versteckte sich nach der Flucht in der Mühle seiner Eltern. Nach dem jungen Mann wird gefahndet. Er lebt in dem Dorf fortan als ein früherer böhmischer Soldat namens Thomas Danek, hinkend und bucklig und wortkarg. Zum Schluss heiratet Carl (als Eugen) Luzia, die Tochter von Hedwig Brugger und Emil Wagner.

Und schon sind wir bei einem wichtigen zweiten Strang des Romans. Die Eder-Familie, bei der Emil Wagner als uneheliches Kind des alten Eder aufwuchs, und die Bruggers verbindet einen jahrzehntelange Feindschaft, die erst bei der Hochzeit beigelegt wird.

Carl und Eugen sowie Elisabeth und der im Krieg gefallene Gustav sind die Kinder von Albert und Anna, zwei der ganz zentralen Figuren des Romans. Albert ist der Sohn von Anton Brugger, mit dem der Generationenroman beginnt. Als seine Ehefrau stirbt und er eher recht als schlecht durch das Leben in der Hofmühle in Putzleinsdorf kommt, gibt Rosa, seine Schwester, ihr Leben in Wien auf und kehrt zu ihm zurück. Sie opfert sich.

Würde oder wollte man den Roman auf ein ganz entscheidendes Motiv reduzieren, dann wäre es das der „Täuschungen“. Fortwährend täuschen in diesem Roman die Figuren andere: um zu überleben, aus gekränkter Eitelkeit, aus Trotz, oder um ganz egoistisch ihre Ziele zu erreichen. Judith W. Taschler setzt sich mit den Gegensätzen zwischen Stadt und Land auseinander, sie beschreibt eine Welt im Wandel, eine Welt, die untergegangen ist. „Die Welt ist verrückt geworden“, sagt Carl zu Eugen. Aber das ist sie ja heute auch ...

Der Roman hat einen kunstvollen Aufbau

Wie in anderen ihrer Romane nutzt sie auch in diesem Werk den Perspektivwechsel, so erfährt der Leser zuweilen erst viel später, warum dies oder das geschah. Die versierte Autorin weiß, wie Romane raffiniert zu komponieren sind.

Der Grund für Eugen, nach Amerika auszuwandern, gehört zu den überraschendsten (und überragenden) Sequenzen dieser wuchtigen und verzweigten Geschichte. Eugen, in dem Moment gekränkt, begeht einen schrecklichen Fehler, da erinnert der Roman an Ian Mc Ewans Meisterwerk „Abbitte“, in dem eine falsche Aussage ebenfalls fatale Folgen hat ...

Im „Geburtstagsfest“ schickte Judith W. Taschler ihre Figuren in den Dschungel Kambodschas, und erzählte von den Gräueltaten der Roten Khmer. Sie hat auch hier ihren Stoff, die fürchterlichen Erlebnisse der jungen Männer während des Ersten Weltkrieges, im Griff. Judith W. Taschler ist eine große Erzählerin.

Lesezeichen

Judith W. Taschler: „Über Carl reden wir morgen“; Roman; 558 Seiten; 24 Euro; Paul Zsolnay Verlag.

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