Literatur
Dichter dran: Ein Buch aus dem privaten Fundus des Genieautors Wilhelm Genazino
Landstuhl, „schöner deutscher Ortsname“, heißt es da. Seine Lieblingsworte früher: „Pauspapier, Wolkenbruch, Prasselkuchen“; heute (im Februar 1992): „Habseligkeiten, Wirrwarr“. Manchmal kauft er Mortadella, weil das so gut klingt. Auch der Tiername Gnu gefällt ihm. Wie er so durch Frankfurt läuft, sieht er eine Frau, die ihren rechten Fuß aus dem Schuh zieht und mit der bestrumpften Sohle über die verstaubten Schuhe des Mannes wischt, der neben ihr steht.
Er notiert sich auf unbeschriebene Zettel, die er sich beim Erholungsspazieren in der Stadt in die Brusttasche geschoben hat, dass ihn die schaukelnden Enten auf dem Main an „Badezimmertiere“ erinnern. Aufgezeichnet wird auch, dass dienstags ein Pfälzer Kartoffelbauer mit seiner Glocke in der Straße herumlärmt, „bis die Hausfrauen kommen“. Von einem gewissen Punkt an, so schreibt er sich den Gedanken auf, sei Bescheidenheit hassenswert. „Ab 70“, schießt es ihm in den Kopf, „braucht man nur eines: eine milde Form der Tapferkeit“.
Faule Jahre bei der Zeitung
Wilhelm Genazino, einer der wichtigsten Schriftsteller der vergangenen Jahrzehnte, der Großmeister der komischen Tristesse, der so leise sarkastisch klagend, melancholisch und böse über die Seelennot geknickter, eingebildeter Schmerzensmänner schrieb, wäre heute 80 Jahre alt geworden. In Mannheim geboren, hat er bis auf ein Intermezzo in der Dantestraße in Heidelberg, in Frankfurt gelebt. 2018 ist der Büchnerpreisträger gestorben. Jetzt ist ein Buch erschienen, das aus seinem Fundus schöpft und einen hochamüsanten wie lehrreichen Einblick in seinen Schreibprozess gewährt. Tiefgründige Unterhaltungsliteratur für alle.
46 Jahre lang hat Genazino literarisch Buch geführt. Von seinen Schreib-Anfängen bei der RHEINPFALZ und der „Rhein-Neckar-Zeitung“ – „das waren faule und doch recht schöne Jahre“ – bis kurz vor seinem Tod. Hat Eindrücke auf Notizzettel gekritzelt, Ideen und Fantasien, vieles Romanprojekten zugeordnet, sie eins zu eins verwendet. Oder oder auch einfach für sich stehen lassen – als Erinnerung. Der lapidare Genazino-Sound, voll vorhanden. Er durchzieht die Notate genauso wie die „Abschaffel“-Trilogie, Werke wie „Leise singende Frauen“, „Die Liebesblödigkeit“, „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“ oder – der Titel schon alles sagend, – „Mittelmäßiges Heimweh“. Dem Ausspruch seiner Mutter, gibt er in dieser Art von höherem Tagebuch zu, verdankt er den poetischen Titel: „Das Licht brennt ein Loch in den Tag“.
Notizen gegen die Mutlosigkeit
Er hat Fotos aufgehoben, Konzertprogramme, Flugblätter. Abtippen sei wie schreinern, schreibt er zu seinem mehrstufigen Verfahren der literarischen Verarbeitung des Rohstoffs. „Die Aufzeichnungen sind oft nur deshalb entstanden, weil ich meiner inneren Mutlosigkeit irgendetwas entgegenhalten wollte“, zu seiner Motivation. Und: „Ohne diese Vornotizen wären die ,eigentlichen’ Werke nie entstanden.“
7000 Schreibmaschinenseiten sind übrig geblieben, akribisch beschriftet und in 38 handelsüblichen Ordnern gesammelt, die das Literaturarchiv in Marbach aufbewahrt. Das von Jan Bürger und Friedhelm Marx herausgegebene „Traum“-Buch versammelt Auszüge davon auf 450 Seiten. Bei der auf mehreren Ebenen und für viele Ansprüche lohnenden Lektüre kommt man ihm und seinem Werk ungeahnt nah.
„Leidbeobachter“, „Sofortanalytiker“, „Postfeind“
Seinen ihm – zumindest vom Lebensgefühl her, wie sich aus dem Nachlass lesen lässt – teils ähnelnden Antihelden, zeitlos zielunsicheren Umherlaufern mit Lebensaufschiebungshang, die um die Scham und die banale Tragik ihres Schicksals wissen. Als „Überwinder“ sind sie prekär gelegenheitsbeschäftigt. Als „Apokalyptiker“ oder „Schuhtester“, der Genazino selbst war. Im Buch ist die Anzeige der Firma Bata und die positive Antwort auf seine Bewerbung abgedruckt. Jetzt weiß man, dass für ihn auch Beschäftigungen wie „Sofortanalytiker“ für seine Figuren denkbar waren, „Leidbeobachter“, „Zeitpunktforscher“, „Zukunftspädagoge“, oder „Postfeind“. Wunderbar auch die innovativen Ideen des Schulversagers Genazino für einen neuen Lehrplan mit den Unterrichtsfächern Würde, Scham, Aufmerksamkeit, Nachdenklichkeit, Reflektieren, Enttäuschungslehre und -praxis. Und: Verliebtsein. Rührend, wie er beschreibt, dass es ihn wie seine Figuren nach Höherem drängt, weswegen er mit 39 Jahren und als erfolgreicher Autor das Begabten-Abitur nachholt („Ich bestand mit der Note eins„“). Wie der Kleinbürgersohn, der seine Eltern leise wegen ihrer Ambitionslosigkeit mit schlechtem Gewissen verachtet, im Wintersemester 1982/83 dann anfängt Philosophie, Germanistik und Soziologie zu studieren.
Wie erwürgt von Marmorkuchen
Den 18. Februar 1993 resümiert er: „Ein merkwürdiger Tag im Leben eines Fünfzigjährigen: Am Morgen (11.00 Uhr) mündliche Nebenfach-Prüfung (Soziologie) bei Prof. Kellner; am Nachmittag (16.00 Uhr) Krebs-Vorsorgeuntersuchung.“. Mehr und mehr nimmt der demütigende Prozess des Alterns Raum in seinen Gedankennotizen ein. Daneben, wichtige Beobachtungen wie, dass dicker Marmorkuchen, der in den Zähnen hängen bleibt, einem das Gefühl vermittelt, als würde man auf angenehme Weise erwürgt. Oder Aphorismen à la: „Nur die unwichtigen Städte verlangen von ihren Bewohnern keine Wichtigtuerei.“ Oder: „Man kann sich nicht erinnern, ohne sich gleichzeitig dem Tod zu nähern.“ Dessen Vorstufe, das Altern, jedenfalls wird ausführlich analysiert.
Das Problem sei, meint er, dass die Jugend entschwindet, was sich „wie eine Erkrankung anfühlt, aber keine ist“. Wer alt wird, spricht langsamer, fällt ihm auf. Das Schlimmste am Altsein sei: die Überzeugung, für nichts je geeignet gewesen zu sein. „Nie ist klar“, beschreibt er (s)einen mit den Lebensjahren größer werdenden Angstzustand: „Hab ich am nächsten Tag einen Einfall oder einen Schlaganfall.“ Letzterer ereilt ihn nicht.
Am 1. September 2008 notiert er: „Bald bin ich übrigens tot“ Fast zehn Jahre später dann datiert sein letzter Eintrag: „Engelartig herabsegelnde Blätter.“ Er ist gültig auch für dieses Buch.
Lesezeichen
Wilhelm Genazino: „Der Traum des Beobachters“, herausgegeben von Jan Bürger und Friedhelm Marx; Hanser, München, 465 Seiten, 34 Euro.