Kultur Dessau kam bis Bujumbura

„Net a Neuf" in Bujumbura, Burundi, gebaut 1940.
»Net a Neuf« in Bujumbura, Burundi, gebaut 1940.

14 Jahre existierte das Bauhaus, eine der wichtigsten Bau-, Design- , Lebens- und Kunstschulen der Moderne. 1919 in Weimar gegründet, dann in der Ludwigshafener Partnerstadt Dessau weitergeführt. Schluss war 1933 in Berlin. Das Bauhaus ist ein Mythos, dem wir von A bis Z auf die Spur kommen wollen. Unter B geht es um einen Bildband des Fotografen Jean Molitor, der Gebäude im Bauhausstil weltweit dokumentiert. Titel: „bau1haus – die moderne in der welt“.

Für US-Autor-Dandy Tom Wolfe war die deutsche Kunstschule eine Kolonialmacht, die ihre Mission des Hellen & Grellen & Reinen & Feinen & Leeren & Hehren mit Wucht in der Welt verbreitete. Ihre Vertreter hätten den Amerikanern architektonisch ein für alle mal die „Diktatur des Rechtecks“ aufgedrängt, ätzt Wolfe in seinem berühmten Buch über das Bauhaus. Und das, schreibt er in „Mit dem Bauhaus leben“ („From Bauhaus to our House“ im Original), ausgerechnet in einer Blütezeit des „vollblütigen, engtanzenden, leck-mich-am-Arschwahoo-yahoo-holdrio, jugendlich-beschwingten Herumtollens“. In den 1930er-Jahren bis weit in die Nachkriegszeit also. Tatsächlich allerdings dürfte die Wirkgeschichte der deutschen Bau-, Kunst-, und Designschule weiter reichen als in die USA. „Vom Bauen der Zukunft – 100 Jahre Bauhaus“ heißt so ein Film von Niels Bolbrinker und Thomas Tielsch. Er bringt die 1919 in Weimar begründete Denk-, Lehr- und Lernschule mit den neuesten internationalen Stadtentwicklungsideen der Gegenwart in einen Zusammenhang. Also zum Beispiel mit der Seilbahn, deren Gondeln die berüchtigte Comuna 13 im kolumbianischen Medellin kreuzen und Stadt und Armenviertel verbinden. Ein anderes Werk, das die weltweite Allgegenwart des Bauhauses dokumentiert, ist der Bildband des Berliner Fotografen Jean Molitor. „bau1haus“ zeigt Tankstellen, Bootshäuser, Schulen, Wohnanlagen, Fabriken. Von Bujumbura, der größten Stadt des ostafrikanischen Staates Burundi, bis Sydney. Von Bandung, Hauptstadt der indonesischen Provinz West-Java, bis Zürich. Die Verbreitung hat mit der von Anfang an gepflegten Internationalität der Bauhäusler zu tun. So öffnete schon 1922 in Kalkutta eine Bauhausausstellung, bei der westliche Moderne und indische Kunst aufeinandertrafen. Und als die Nazis die Macht übernahmen und das jetzt Berliner Bauhaus schloss, mussten viele auswandern, die Bauhaus- oder verwandten Ideen mitnahmen. Walter Gropius, Josef Albers und Lyonel Feininger etwa verschlug es nach North Carolina ans Black Mountain College, eine Art Nachfolgeinstitution des Bauhauses. Max Cetto, ein Koblenzer, wirkte in Mexiko-Stadt. Ernst May öffnete erst in Tangajika (Ostafrika), später in Nairobi (Kenia) Architekturbüros. Bruno Taut und Margarete Schütte-Lihotzky siedelten in Istanbul. In Tel Aviv, einem Zentrum der Einwanderung damals, stehen mehr als 4000 Häuser im Bauhausstil. So viele wie nirgends sonst. Aber auch In Guatemala City wird heute noch eine Kfz-Werkstatt auf Stelzen betrieben, gebaut 1935, die stilistisch einem Restaurant in Dessau aus den Jahren 1929 bis 1930 ähnelt. In Battambang, Kambodscha, gibt es ein Kino, Baujahr 1940, das sehr nach Gropius aussieht. Das Haus Gomez in Havanna könnte auch Marcel Breuer entworfen sein. In rund 100 Ländern, heißt es, werde die Moderne made in Germany sichtbar. Aus 30 zeigt Fotograf Jean Molitor hochwertige dokumentarische Bilder. Mess-Bildtechnik nennt er sein angewandtes Verfahren. Ein Verweis auf historische Vorbilder. Sein Ziel ist ein weltweites Fotoarchiv der Gebäude-Moderne, die neben Bauhaus auch unter den Begriffen Internationaler Stil, Art déco oder Neue Sachlichkeit firmiert. Sein Haupt-Gegner dabei ist die Vergänglichkeit. „Ich verstehe meine Arbeit“, sagt Fotograf Molitor, „als Wettlauf gegen die Zeit“. Lesezeichen Jean Molitor: „bau1haus - die moderne in der welt“, herausgegeben von Nadine Barth; Hatje Cantz, Berlin; 160 Seiten, 40 Euro.

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