Kino
Der Oscargewinnerfilm „Nomadland“
Eine Frau Anfang 60, Aushilfslehrerin, gerade Witwe geworden, von Schicksalsschlägen gebeutelt, gibt ihr Haus auf, fährt im Transporter durchs Land und beantragt keine vorgezogene Rente, sondern lebt lieber von grausamen Gelegenheitsjobs: Das ist „Nomadland“ – ein Film über ein Leben, das in Deutschland eher unbekannt ist. Das Drama hat so ziemlich alle wichtigen Filmpreise einkassiert, die es gibt (223 bis heute), den Oscar als bester Film natürlich auch. Das ist ein Wunder, denn er lebt von einer Grundkonstellation, die weltweit im Arthouse-Kino eher schädlich ist.
Nomaden der Arbeit
„Mit 65 werde ich mich Fern nennen, Lucky Strike rauchen, ein Wohnmobil kaufen und durchs Land fahren“, sagte Frances McDormand (64) vor 20 Jahren zu ihrem Mann. Da gab es das dem Film zugrundeliegende Sachbuch über die modernen Nomaden, Jessica Bruders „Nomaden der Arbeit. Überleben in den USA im 20. Jahrhundert“, noch gar nicht. Eine Figur namens Fern darin auch nicht. Regisseurin Chloe Zhao (39) erfand diese auf Bitten von McDormand, die die Verfilmungsrechte kaufte, den Film als Produzentin überhaupt erst möglich machte und die Hauptrolle mehr als nur spielt. Sie ließ sich auch im echten Leben von Amazon als Päckchenpackerin im Weihnachtsgeschäft anheuern und von einer Fast-Food-Kette als Kloputzerin, sie lebte wirklich in dem Kleintransporter, mit dem ihre Filmfigur kreuz und quer durch die USA fährt. Nur die Liebesgeschichte mit dem so verständigen zeitweiligen Mit-Nomaden (David Straithairn, 74), die der Film bewusst im Anfangsstadium versanden lässt, ist Fiktion.
Die älteren modernen Nomaden, die Fern unterwegs trifft, sind alle echt, sie spielen sich selbst. Aber ein Dokumentarfilm ist „Nomadland“ trotzdem nicht. Er ist ein aktueller Spielfilm mit realen Bezügen voller Gegensätze und Brüche, die gar nicht zusammenkommen wollen. Er spannt einen Bogen von den klassischen US-Hollywood-Western zu den aktuellem Befindlichkeitsdarstellungen eines zerrissen und dennoch traumhaften Landes.
Auf der Suche nach Freiheit
Als in der US-Kleinstadt der einzige, große Arbeitgeber seine Fabrik schließt und damit der Ort stirbt, gibt Fern, der dazu noch der geliebte Mann weggestorben ist, ebenfalls den Ort auf, der Jahrzehnte ihre Heimat war. Ihr kleines Haus lässt sie zurück, sie nimmt ihren Transporter, der fortan ihr Heim ist, und fährt durchs Land. „Ich brauche das Arbeiten“, sagt Fern, die sanfte Frau mit den kurzen lockigen Haaren, zur Frau im Arbeitsamt, die ihr vorschlägt, lieber Rente zu beantragen. Was Fern nicht sagt: Sie will keinen Rückzug.
Sie will die absolute Freiheit. Ein Privileg, das sich die Pioniere Amerikas nahmen – und die einsamen Cowboys à la John Wayne in den Hollywood-Klassik-Western von John Ford. Doch die Vergangenheit, auch die des (männlichen) Hollywood-Kinos hilft nicht weiter. Sicher, Zhaos US-Stamm-Kameramann Joshua James Richards schafft wunderschöne poetische Sonnenaufgänge in der weiten Prärie-Landschaft, die mit John-Ford-Western mithalten können, und der Italiener Ludovico Einaudi eine einlullende Musik, die nie peinlich wirkt.
Aber „Nomadland“ ist ein moderner Frauenwestern durch und durch. Regisseurin Chloé Zhao schrieb auch das Drehbuch, neben McDormand analysieren Nomadenfrauen wie Linda May präzise ihr Leben. Die Kultfigur Carl. R. Hughes, der Nomadentreffen organisiert, hat dagegen vor allem einen Spruch auf Lager, mit dem er alle verabschiedet: „Wir sehen uns auf der Straße.“ Trotz oft nur kurzer Begegnungen sind indes die Solidarität und die Intimität, mit der man über heikle Themen spricht, unter den auf der Straße Lebenden überraschend groß.
Erst die zweite Frau, die einen Regie-Oscar gewonnen hat
Zhao und McDormand holen das Genre in ein Land und eine Zeit, der sich jeder fragen muss, ob er lieber die größtmögliche Freiheit haben möchte oder abhängig sein will. Fern sagt ja zur Freiheit und lebt ihren Traum, so gut geht. Sie lächelt viel und lacht oft herzlich. So sieht keine typische Außenseiterin und Verliererin aus. Obwohl sie kein Geld übrig hat. Rückschläge kommen, sie muss ohne ihren Transporter auskommen, der irgendwann den Geist aufgibt. Das Geld für die Reparatur oder gar für einen neuen Wagen hat sie nicht, aber sie gibt nicht auf.
Immer wieder lässt der Film das Publikum staunen. McDormand und Zhao – die in den USA lebende Chinesin ist nach Kathryn Bigelow erst die zweite Frau, die den Regie-Oscar bekam, – fesseln auch männliche Zuschauer mit ihren ungewöhnlichen, mutigen im Film versteckten Geschichten über Amerika zwischen Mythos und Realität, über ein Land voller Widersprüche in einem Film voller Widersprüche, der gerade deswegen keine Sekunde langweilig ist und jeden zum Nachdenken bringt. Manchmal sogar zum Träumen.