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Verlorene Jugend: Leon (Michelangelo Fortuzzi) ist zwar begabt, muss aber seine arbeitslose, alkoholkranke Mutter mit über die R
Verlorene Jugend: Leon (Michelangelo Fortuzzi) ist zwar begabt, muss aber seine arbeitslose, alkoholkranke Mutter mit über die Runden bringen. Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) sorgt sich um ihn.

Von „kosmischem Irrsinn“ ist einmal die Rede im neuen Murot-„Tatort: Angriff auf Wache 08“ – dass fasst auch den Inhalt des starken neuen HR-Beitrags zur alteingesessenen Krimireihe schön zusammen. Die Weltpremiere dieser Hommage ans Kino der 1970er Jahre kam auf der Parkinsel bestens an. Heute folgt die Uraufführung des ebenfalls überzeugenden, aber ungleich ernsteren neuen SWR-„Tatorts: Leonessa“ aus Ludwigshafen.

„Ich kann ihn förmlich hören, den Sound of the Revolution“, feixt eine Stimme im Radio. Da naht schon der Showdown im „Tatort: Angriff auf Wache 08“, und mindestens drei Dutzend Figuren sind tot. Der neue HR-Krimi aus der Murot-Reihe ist erneut nicht zimperlich. Und – fast schon erwartbar inzwischen, im Vorjahr gab es ja sogar den Hauptpreis des Festivals – eine große Show, die mit Insidergags und Anspielungen auf die Kinogeschichte gespickt ist.

„Angriff auf Wache 08“ ist ein bluttriefender Offenbach-Western, der sich eng anlehnt an einen John-Carpenter-Thriller aus dem Jahr 1976, der als ein Lieblingsfilm von Quentin Tarantino gilt: „Attac on Precinct 13“ (Deutsch: „Assault – Anschlag bei Nacht“), der sich wiederum an „Rio Bravo“ orientierte. Drehbuchautor und Schriftsteller Clemens Meyer („Als wir träumten“), der hier wie schon im ungleich zärtlicheren Kinofilm „In den Gängen“ für Regisseur Thomas Stuber arbeitet, hat sich mit Stuber eine schillernde Hommage an die 70er – und 80er – mit doch eigenen Akzenten ausgedacht. So gibt es, anders als im Vorbild, immerhin zwei starke Frauenfiguren, die durchaus gut mit Waffen umgehen können.

Meyer tritt auch selbst auf: als Moderator Eckie von „Radio Offenbach“, ein Cowboy am Mikro, der alte Countryschnulzen spielt, martialische Sprüche auf Denglisch liebt, und der Polizei auf den Zahn fühlt (zum Schenkelklopfen: sein Gespräch mit Jimmy Hartwig als Stimme des Polizeisprechers).

Und der Fall? Ist verworren: Offenbacher Gangs rotten sich zusammen, um Rache zu üben. Ein brutaler Polizeieinsatz, bei dem ein Hund ein Blutbad auslöste , hatte drei Tote in ihren Reihen gefordert. Ihre Wut richtet sich auf die titelgebende stillgelegte Wache 08, die nun als „Polizeimuseum Offenbach“ fungiert. Dorthin hat sich ein potenzielles Opfer geflüchtet, das selbst gerade gerächt hat: Jenny (Paula Hartmann), deren Vater von der Gang getötet wurde. Die Insassen eines liegengebliebenen Gefangenentransports sind auch da. Ebenso Murot (Ulrich Tukur), der just an diesem Tag, an dem auch noch eine Sonnenfinsternis ansteht, seinen strafversetzten Kollegen (Peter Kurth) besuchte, der hier mit Kollegin Cynthia (Christina Große) die Stellung hält.

Bald muss sich die Schicksalsgemeinschaft gegen die heftige Belagerung von außen (Murot: „Als hätten sich Islamisten und Nazis verbündet“) bewaffnen. Und ja, Handys und Internet fehlen. Dafür gibt es ein paar Hannibal-Lecter-Momente, als sich einer der Gefangenen, der nun Tukur zur Seite steht, als „Kannibale von Peine“ entpuppt. Immerhin weiß er, wie man einen Flammenwerfer aus Insektenspray baut.

Dieser „Tatort“ ist wieder keineswegs ernst zu nehmen, aber ungemein amüsant – auch dank der gewitzten Dialoge des Drehbuchteams Meyer/Stuber sowie des coolen Soundtracks. „Musik kann eine Waffe sein“, darf die beeindruckende Paula Hartmann (bekannt durch die Rolle der aufmüpfigen Tochter in „Der Nanny“) sagen, bevor sie „Upside Down“ erklingen lässt. Und als Eckie philosophiert Clemens Meyer: „Vielleicht bricht ja eine neue Zeit an – bis dahin: Truck Stop.“

Sozialkritischer fällt der neue SWR-„Tatort: Leonessa“ (Regie: Connie Walther) aus, der in Ludwigshafen spielt, im sozialen Brennpunkt, und von einer verlorenen Jugend erzählt: Ein Wirt, Betreiber des in einer tristen Passage gelegenen „Saloon bei Hanne & Hans“, wurde erschossen. Verdächtig sind unter anderem drei Teenager, die ebenfalls ein tristes Leben führen: Leon (Michelangelo Fortuzzi) und Vanessa (Lena Urzendowsky), zusammen als titelgebendes Paar „Leonessa“ bekannt, verkaufen sich offenbar, um an Geld zu kommen. Ihre Eltern sind desinteressiert („es ist, wie es ist“, meint Vanessas Mutter nur) oder lebensuntauglich (Karoline Eichhorn spielt Leons alkoholkranke Mutter). Und da ist Samir (Mohamed Issa), der in Vanessa verliebt ist.

„Leonessa“ ist kein klassischer Krimi, in dem die Ermittlungen im Vordergrund stehen, obwohl Kommissarin Odenthal schon mal einen halben Apfel nach Ihrer Kollegin wirft. Der Westpfälzer Drehbuchautor Wolfgang Stauch zeichnet vielmehr ein berührendes Porträt junger Menschen am Abgrund, denen eine Zukunftsperspektive, Halt und Liebe fehlen. Fortuzzi und Urzendowsky spielen Leon und Vanessa aufwühlend gut. Montagabend ist Weltpremiere der teils in einem Hochhaus in der Stefan-Zweig-Straße in Oggersheim-West gedrehten Krimifolge. Lisa Bitter vertritt das Kommissarinnenduo, auch Wolfgang Stauch kommt und ist sicher offen auch für Fragen zum Schauplatz.

Ein wichtiges gesellschaftspolitisches Thema greift auch der neue „Spreewaldkrimi: Zeit der Wölfe“ auf. Es geht um die Angst in Ostdeutschland, dass sich „Fremde“ hier breitmachen. Symbolisch dafür steht der titelgebende Wolf, auch wenn es mehr darum geht, wie Menschen zu Tieren werden können. Gedreht wurde mit einem echten Wolf, verriet Hauptdarsteller Christian Redl im Parkinselgespräch. In einigen Szenen kam er dem Tier sehr nah: „Man hat mir dafür vorher Leber in den Nacken geschmiert, und der Wolf hat mich original abgeleckt, ein sehr spezielles Gefühl.“

Termine

  • „Tatort: Angriff auf Wache 08“: Dienstag, 27. August, 15 Uhr, Freitag, 30. August, 16.30 Uhr. Mitte/ende Oktober im Ersten.
  • „Tatort: Leonessa“: Montag, 26. August, 21 Uhr, Dienstag, 27. August, 21.30 Uhr, Mittwoch, 28. August,14.30 Uhr; erst 2020 in der ARD

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Verlorene Jugend: Samir (Mohamed Issa) , Vanessa (Lena Urzendowsky) und Leon (Michelangelo Fortuzzi.  Foto: SWR/Jaqueline Krause
Verlorene Jugend: Samir (Mohamed Issa) , Vanessa (Lena Urzendowsky) und Leon (Michelangelo Fortuzzi.
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