Zum Weihnachtsfest RHEINPFALZ Plus Artikel Der Marathonmann: Eine Weihnachtsgeschichte

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Kann man vor Weihnachten davonlaufen? Vor seiner Familie? Vor seinen Dämonen? Der Marathonmann, der alles andere als ein Held ist, versucht es zumindest.

Weiter, immer weiter“, dachte er. Die Oberschenkel brannten schon seit einigen Minuten. Die Knie schmerzten bei jedem Schritt. Das ließ sich nicht mehr wie früher einfach rauslaufen. Dazu war er definitiv zu alt. Er sollte umkehren. Fühlte aber noch immer nicht jenen Grad der Erschöpfung, der wie eine Droge für ihn war. Noch eine weitere Schleife, noch einmal abbiegen. Noch weiter von zu Hause weg. Ein Film- und Buchtitel fiel ihm ein, den er einmal in einem Werbeslogan verarbeitet hatte: „So weit die Füße tragen“.

Das war in einer anderen Zeit. Ihm kam es vor wie in einem anderen Leben. Der Alte, wie sie den Chef der Werbeagentur, die zu den größten in München gehörte, nannten, hielt damals noch alle Fäden in der Hand. Und er, der es mehrfach abgelehnt hatte, in eine andere Agentur zu wechseln, um dort selbst die Leitung zu übernehmen, er war, wie der Alte es formulierte, dessen bestes Pferd im Stall. Der unumstrittene Star.

Er hatte sein eigenes Büro, war offiziell Leiter jener Truppe, die für die Texte zuständig war. Aber er war immer nur montags und freitags in der Agentur, um seine Post zu sichten und mit der Sekretärin oder den jüngeren Kolleginnen zu flirten. Er war der Star, der kreative Kopf. Konnte quasi auf Knopfdruck seine Inspiration anschalten und Texte schreiben, die in fast 100 Prozent aller Fälle von den Kunden sofort akzeptiert wurden. Er musste nicht korrigieren, anpassen, nachjustieren oder wie auch immer man das nennen wollte. Er erlaubte sich nur einen Versuch, einen ersten und letzten. Alles andere wäre Scheitern gewesen.

Es war kalt an diesem Morgen. Eisig kalt. Außer ihm waren kaum Läufer im Englischen Garten unterwegs. Er hatte sich dick eingepackt, ausführlich gedehnt, wobei ihm seine Gelenke und Muskeln Warnsignale ausgesandt hatten. Es zwickte und knirschte an Körperstellen, von denen er vorher gar nicht geahnt hatte, dass man hier Schmerzen empfinden konnte. Eigentlich sah er lächerlich aus. Doch, schon, er war noch immer in Form. Aber war es nicht affig am Morgen, an diesem Morgen zumal, mit hautengen Laufklamotten durch die Gegend zu hetzen und im Gesicht die Sehnsucht nach einem ausführlichen Frühstück, nach Croissants, Kaffee, nach Eiern mit Speck nicht verbergen zu können? Die wenigen Blicke der Bewunderung waren vergiftet durch den Zusatz, der da immer mit an ihn ausgesendet wurde „Alle Achtung! Und das in Ihrem Alter.“

In seinem Alter – vor dem er eben nicht davonlaufen konnte. Vor allem anderen schon. Vor seiner Tochter, deren Großvater er eigentlich sein könnte. Vor seiner Frau, die ihm jeden Tag den Eindruck vermittelte, ihn zu heiraten, sei der Fehler ihres Lebens gewesen. Vor seiner Arbeit, der Agentur, den Kolleginnen und Kollegen. Vor seinen Dämonen. Vor der Flasche. So lange er lief, konnte er wenigstens nicht trinken. Musste er nicht trinken. Und so tief gesunken wie sein bester Kumpel, der sich auf seinem Mountainbike ähnlich quälte wie er in seinen Laufschuhen, war er noch nicht. Der bereitete seine Bergtouren immer am Tag zuvor akribisch vor. Verteilte unter Steinen, hinter Bäumen, manchmal sogar in kleinen Gewässern, seine Flaschen. Er fuhr nüchtern los. Und kam betrunken zurück, wobei glücklicherweise noch nichts passiert war. Ihm nicht und vor allem anderen nicht.

Der Alte hatte ihm vor einigen Jahren die Agentur übergeben wollen. Sie ihm quasi schenken wollen. „Zu deinen treuen Händen.“ Was für Hände dies denn sein sollten, hatte er sich damals schon gefragt. Und abgelehnt. Mit einer Arroganz, die verletzen musste. Und sollte. „Ich brauche keine Agentur. Aber jede Agentur in München braucht mich.“ Der etwa zehn Jahre ältere Freund war tief getroffen, er hatte es ihm angesehen. Doch ihm war das egal. Er hatte seine Freiheit bewahren, seine Genialität zur Schau stellen müssen. Freundschaften waren etwas für Romantiker. Er verdiente gut. Und die Agentur verdiente noch besser – dank ihm. Das war nur gerecht. Man war quitt.

Eine junge Frau tauchte vor ihm auf. Sie musste von einem Seitenweg auf seinen eingebogen sein. Zügig war sie unterwegs. Und ihr Sportoutfit war ein Traum. Wie eine zweite Haut, trotz der Funktionsunterwäsche, die sie sicherlich trug bei diesen Temperaturen. „Hört das denn nie auf“, hörte er sich plötzlich laut sagen. Und versuchte, mit der jungen Frau Schritt zu halten. Vergeblich. Natürlich. Er blieb stehen, atmete durch. Dann weiter, immer weiter.

Doch irgendwann war er dann zu weit gegangen. Zu mutig gewesen. Zu forsch. Zu fesch. Affären hatte seine erste Frau akzeptiert. Doch diese Sache mit der jungen Assistentin der Geschäftsführung, die ihn gebeten hatte, ihr doch einmal das eigentliche Geschäft, das Erschaffen, Erdenken, Erfinden von Slogans, von Werbebotschaften näherzubringen, die hatte ihm Marianne, so hieß seine Ex, verübelt. Zu Recht. Er konnte ja niemandem erklären, was er da so tat. Verstand es ja manchmal selbst nicht. Er ließ sich treiben – und trieb sich in der Stadt herum. Seine Texte entstanden in Cafés und Bars, an Tischen von noblen Italienern. Nie nüchtern. Aber immerhin auch nie, wie bei so vielen seiner Kollegen, auf Koks.

Er hatte die viel jüngere, unfassbar attraktive Frau einfach mitgenommen auf seine Streifzüge durch die Stadt, auf denen er geniale Sätze ebenso fand wie er schreckliche Abstürze erlebte. Umsonst ist nur der Tod. Und war nicht jede neue Nacht mit einer Frau wie ein kleiner Tod? Doch aus diesem war so viel mehr entstanden, vor dem er heute davonlief, Tag für Tag. Seine Söhne aus erster Ehe hatten mit ihm gebrochen, die Scheidung war so schmutzig, dass sie es sogar in den Boulevard der Münchener Presse geschafft hatten. Er war nun wirklich wie auf Drogen gewesen. Wer auch hätte ihm noch Grenzen setzen sollen? Doch der Neid der Kollegen war nur ein flüchtiger Augenblick. So jung er sich auch bei seiner zweiten Hochzeit gefühlt hatte, so schnell war er danach gealtert.

Er hatte vergessen, das rechte Knie mit Voltaren einzucremen. „Einzuschmieren wäre passender“, dachte er. Denn dieses Knie war im Grunde nur ehrlich zu ihm. Sein Gesicht, dank regelmäßiger Besuche am Chiemsee – ein Freundschaftsdienst des Schönheitschirurgen, für den er sich mit immer neuen und offensichtlich immer erfolgreicheren Werbeslogans revanchierte – war eine glatte Lüge. Ein Blick in den Spiegel, genau in diesem Moment, mit diesen Schmerzen, die nun auch noch in den Rücken hochzogen, er hätte ihn vernichtet. Wer sich selber nicht leiden kann, der mag sich auch nicht mehr sehen. Er hatte sich einen Bart wachsen lassen, der mittlerweile grau war. Im vergrößernden Rasierspiegel wäre er erstarrt.

Da war die Hochzeit gewesen, die zweite. Viel kleiner, mit dem Alten als Trauzeugen, ein paar Kollegen. Es war nicht billig gewesen, aber er hatte sie alle in ein Landhaus in der Toscana eingeladen, wo seine zweite Frau Ivonne und er im Anschluss an die Feierlichkeiten auch ihre Flitterwochen verbracht hatten. Und wo ihre gemeinsame Tochter Antonia gezeugt worden war. Ein italienischer Name hatte es sein müssen. Doch die Erinnerung an diese schöne Zeit, diese wenigen Wochen, war dann auch schon schnell verblasst. Spätestens mit der Geburt des Mädchens war ihm klar geworden, dass er dem allem nicht gewachsen war. Das unschuldige Kind war ihm immer mehr zur Belastung geworden. Und seine junge Frau zur Überforderung. Da konnte er laufen, so viel er wollte.

Die junge Joggerin war jetzt schon fast außerhalb seiner Sichtweite. Unsinnig, ihr weiter hinterherzurennen. Und wozu auch? Er hatte nie einen Jagdinstinkt besessen. Ihm war alles immer irgendwie zugefallen. Er hatte immer nur zugreifen müssen. So wie jetzt mit seiner rechten Hand an seine Brust. Sein Arzt hatte ihn doch gewarnt vor den winterlichen Temperaturen und der sportlichen Anstrengung: „Denken Sie an Ihr Alter“, war dessen Mahnung gewesen. Als wenn man dies – in seinem Alter – jemals vergessen könnte!

Der Chef hatte sich gerächt für die schnöde Zurückweisung. Er hatte irgendwann seinen Neffen, der in der Agentur als Model für Fotostrecken bestens bekannt war, als seinen Nachfolger präsentiert. Und hatte diesem eine Mannschaft, gebildet aus verdienten älteren Mitgliedern des alten Agenturteams, die ihm schon immer seinen Erfolg missgönnt hatten, zur Seite gestellt.

Er gehörte von heute auf morgen nicht mehr dazu. Und der neue Chef, in seiner unverschämten jovialen Freundlichkeit, hatte ihn als Legende der Agentur bezeichnet. Heute wusste er, dass es nur ein kleiner Schritt von der Legende zum Fossil ist. Zum alten, lächerlichen weißen Mann. Für ihn begann damals eine Zeit der Demütigungen, die ihm vor allem von der Führungsriege tagtäglich zugefügt worden waren. Kein Einzelbüro mehr, Präsenzpflicht an mindestens vier Tagen. Sogar seine pauschalen Spesen, die er sonst im Münchner Nachtleben aufgebraucht hatte, hatte man ihm gestrichen. Jeder neue Tag in der Agentur war ihm ganz plötzlich zur unerträglichen Belastung geworden. Sein Stern war nicht nur verblasst. Er war erloschen. Eigentlich schlichtweg ausgelöscht worden. Und er hatte sich noch nicht einmal gewehrt. Dabei können sterbende Sterne doch zu alles vernichtenden schwarzen Löchern werden. Er nicht. Er leider nicht.

Einfach weiterlaufen. Davonlaufen. Wegrennen. Vor Weihnachten auch noch. Davor ganz besonders. Dann wurden die Stiche in der Brust immer heftiger, pochender. Er blieb stehen, suchte eine Bank auf, griff mit zitternder Hand zu der Flasche mit dem warmem isotonischen Getränk an seinem Bauchgurt. Und ihm wurde schwarz vor Augen.

Seine Frau hatte ihn fassungslos angestarrt. Er hatte sich am Wohnzimmer vorbeistehlen wollen, wo sie mit den Vorbereitungen für den Abend beschäftigt war. Er in seiner Laufmontur, von der er mindestens zehn besaß. Jede so teuer, dass er damit seinem Kind fast alle Wünsche hätte erfüllen können, wenn das Mädchen nicht schon seit Jahren darauf verzichtet hätte, ihm irgendetwas von seinen Wünschen, Träumen, Sehnsüchten zu erzählen. Von seinem Leben.

„Warum musst Du denn selbst am Weihnachtsmorgen zum Laufen raus!“, hatte seine Frau ihm entgegengeschleudert, als er die Türklinke der Haustüre schon in der Hand hatte. „Weil ich muss“, hätte er antworten müssen. Stattdessen sagte er nur: „Bin doch gleich wieder da.“ War er natürlich nicht. Und dem Blick aus den ebenso traurigen wie zornigen Augen seiner Frau wollte er so schnell wie möglich entfliehen. Der gemeinsamen Tochter war er an diesem Morgen des Heiligen Abends zum Glück noch nicht begegnet. Bevor er losgelaufen war, war er einen Moment stehengeblieben und hatte sich gefragt: Wann hatte er überhaupt die Kleine zum letzten Mal gesehen?

Also noch eine Runde. Weiter, immer weiter. Auch die Herzbeschwerden rauslaufen. Nichts weiter als eine kleine Schwächeattacke.

Dann dieser kleine Baum vor ihm. Er glitzerte in der Wintersonne. Oder war etwas mit seinen Augen? Er blieb stehen. Der Schweiß brannte. Die teure Funktionsmütze hatte doch nicht alles aufgesaugt. Es tropfte von seiner Nase. Einmal Drüberwischen, dann weiter. Doch das Glitzern blieb. Kugeln hingen an dem Baum und reflektierten das Licht. Dazwischen ein Brief, beschrieben mit einer Kinderschrift: „An das Christkind“.

Er war nicht zugeklebt. Man konnte ihn öffnen, wenngleich das eigentlich gemein war. Doch irgendetwas trieb ihn an, als könnte in diesem Brief eine Antwort auf all die Fragen liegen, die er sich schon gar nicht mehr stellte. Dieselbe Handschrift, dazu ein von Kinderhand gemalter Weihnachtsbaum. Und eine Krippe. „Liebes Christkind, ich wünsche mir nur, dass mein Papa heute einmal bei mir zu Hause ist.“ „Sonst nichts“, stand da auch noch. Sonst nichts wünschte sich dieses Kind.

Er kehrte um. Sofort. Und dieses Mal wirklich. Nur, wohin?

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