Filmfestspiele Cannes Der Mann, der in die Filme springt

Der britische Regisseur Mark Cousins nimmt nach der Vorführung in Cannes im Kinosaal den Applaus entgegen.
Der britische Regisseur Mark Cousins nimmt nach der Vorführung in Cannes im Kinosaal den Applaus entgegen.

Mark Cousins zeigt, wie das geht

Er schafft es immer wieder, mit Häppchen die Leute dazu zu bringen, sich komplette Filme anzusehen, so auch in seiner neuen Doku „The Story of Film – A New Generation“: der Brite Mark Cousins (56). Vor zehn Jahren hat er nur aus Clips einen Gang durch die Weltkinogeschichte unternommen (15 Stunden, auf DVD/Blu-ray und im Streaming bei Amazon prime). Am Dienstag, noch vor die offizielle Eröffnung, hat Festivalleiter Thierry Frémaux kurzfristig Cousins neuen Film gelegt, „weil er Lust macht, Filme zu sehen“. Die Fortsetzung befasst sich nur mit den letzten zehn Jahren, „weil da so viel passiert ist“, erklärte Cousins. Um dann doch weiter auszuholen: „In der Pandemie musste ich an eine Szene aus Billy Wilders „Apartment“ denken. Shirley MacLaine rennt. Wenn Sie die Augen schließen, können Sie sehen, wie sie zu Jack Lemmon rennt. Diese Art von Kino ist nicht in Gefahr, weil es in uns ist, in unserem Kopf.“

Damit noch mehr Filme in unseren Kopf kommen, zeigt Cousins Innovation und ungewöhnliche Bilderfindungen in der Filmsprache. Wissen Sie noch, dass Denis Lavant in „Holy Motors“ (2012) von Leos Carax auf der Straße entlang, plötzlich an einer Wand mit Birken vorbeikommt, dort einen Schlitz sieht, durchschlüpft und in einer anderen Welt ist? Diese symbolische Szene taucht am Anfang und am Ende des neuen, nur 160 Minuten langen Cousins-Films auf. Und Cousins erinnert daran, dass es so einen ähnlichen Sprung in eine andere Welt in „Das Blut des Dichters“ von Jean Cocteau schon gab.

Aber auch die Treppe in New York, auf der „Joker“ (USA 2019) im gleichnamigen Film von Todd Phillips herunterläuft. Dazu kommen Szenen von Touristen, die extra nach New York kommen, um auf dieser Treppe genauso herunter zu tänzeln wie der Joker. Denn das ist das neue: Cousins bezieht diesmal die Außenwelt mit ein, neue Kinosäle wie die in Madrid eröffnete Kinemathek, ein wunderschöner golden glänzender Glitzerraum.

Er setzt den dunklen neuen Horror in „The Babadook“ von Jennifer Kent (2014, Australien) dem sonnenhellen in „Midsommar“ von Ari Aster (2019, Schweden) gegenüber. Vor allem aber stellt er uns Filme aus Asien vor, von denen wir noch nie etwas gehört haben, obwohl sie Millionen Zuschauer dort haben: Filme wie „PK“ (2014, Indien) von Rajkumar Hirani, in dem Aamir Khan, einer der berühmtesten Schauspieler des Landes, ein Alien spielt. Um den Menschen auf der Erde näher zu kommen, muss er ihre Hände halten. Was er auch tut.

Es gibt einen Dokumentarfilm, „Proganda“ (Neuseeland 2014) von Slavo Martinov, der vorgibt, in der Diktatur in Nordkorea entstanden zu sein und von westlicher Propaganda handelt. Das ist pure Erfindung, ein hinterhältiges Spektakel, aber auch eine irre Vorstellung. Er verhehlt nicht, dass er manche Filme nur auf Streaming-Plattformen fand, weil die versuchen, mit allem, auch mit dem abwegigsten Geschmack Geld zu machen, so habe er auf Amazon prime Indianerfilme entdeckt (Filme von indianischen Filmemachern), an die er vorher nie gedacht hat.

Cousins jetzt den Disney-Animationsfilm „Frozen“ (USA 2013)direkt hinter den Joker, einen Spielfilm hinter einen Dokumentarfilm. Das war scheinbar unstrukturiert ist, zeigt nur, dass man sich beim Sehen keine Grenzen auferlegen soll. Die Szenen aus 85 Filmen machen wirklich neugierig auf den ganzen Film – wegen der knappen Worte, mit denen Cousins die Errungenschaften anpreist, die er entdeckte.

Jeder Cousins-Film (auch die einzigartige Doku „Women Make Film“ von 2019, 14 Stunden nur über Regisseurinnen gehört dazu, auf Blu-ray erhältlich) zeigt uns, wie beglückend es ist, Neues zu entdecken, „reinzuspringen“, wie Cousins sagt, aber auch, dass selbst Filmkenner (noch) nicht alles kennen – und nie alles kennen werden. Das Kino ist ein unendlicher Fluss, einen besseren Festivalauftakt kann es gar nicht geben.

Glitzend, glorios, golden: Die neue Kinemathek in Madrid kommt in Cousins’ Film vor.
Glitzend, glorios, golden: Die neue Kinemathek in Madrid kommt in Cousins’ Film vor.
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