Kultur Der Kleinkrieg der Welten

Bela B mochte es schon 2011 als Synchronsprecher für „Paul – Ein Alien auf der Flucht“ außerirdisch. In seinem Romandebüt „Schar
Bela B mochte es schon 2011 als Synchronsprecher für »Paul – Ein Alien auf der Flucht« außerirdisch. In seinem Romandebüt »Scharnow« geht es auch extraterristrisch zu.

„Scharnow“ hat der Ärzte-Musiker Bela B Felsenheimer seinen Debütroman genant. Das Werk sprengt allerlei Genres: Die Krimi-, Abenteuer- und Liebesgeschichte driftet wie selbstverständlich ab in Fantasy, Science Fiction und Horror, von Literatur und Film, Independent und Mainstream gleichermaßen angefixt.

In Scharnow, einem Kaff nahe Berlin, sind offenbar revolutionäre Zellen mit schwer verständlichen Ereignissen beschäftigt, die die USA ebenso betreffen wie außerirdische Instanzen. Zweifelhafte Haufen durchgeknallter Typen treffen hier aufeinander: ein „Pakt der Glücklichen“ auf den „Bund skeptischer Bürger“, die wiederum eine Verschwörung der sogenannten Weltenlenker wittern, die über Haustiere mit telepathischen Fähigkeiten einflussreiche Persönlichkeiten manipulieren. Bizarre Brandenburg-Belletristik wie Juli Zehs „Unterleuten“, Florian Ludwigs „Brandenburg muss brennen, damit wir grillen können“, Saša Stanišics „Vor dem Fest“ oder Tom Liehrs „Landeier“ ist ja mittlerweile keine Seltenheit. Aber Bela B Felsenheimer, 1962 in Berlin-West geboren, setzt mit seinem abgedrehten Werk noch einen drauf. Die Provinz ist bei ihm aus den Fugen, die kleine (längst nicht mehr heile) Welt nur ein Abbild der großen: als Tummelplatz zwielichtiger Bünde und Koalitionen, Ansammlungen von Individualisten und Spinnern, wo jeder seiner Paranoia frönt, dient es nur der eigenen, auserwählten Sache. Der „Pakt der Glücklichen“ hat sich von der modernen Welt abgewandt und eine WG in der brandenburgischen Provinz bezogen. Sein extra verfertigtes Manifest propagiert bizarre Varianten von Hedonismus und Kollektivismus und sehr weit hinten auch Anstand und Klugheit. Wissen, Mitgefühl oder Sauberkeit werden ausdrücklich keine Bedeutung beigemessen, Gewalt als letzte Möglichkeit der Konfliktlösung ist dank eines Zusatzes erlaubt. In der Praxis setzt sich das Glücklichsein dann aus drei gemeinschaftlichen Handlungen zusammen: Saufen, Quarzen und Filme glotzen (Splatter oder Porno). Dieser ungewöhnlichen Männerrunde – oder hat hier irgendwer ernsthaft auch Frauen als Mitglieder vermutet – ist jedenfalls einiges zuzutrauen. Wenn der normale und der paranormale Wahnsinn aufeinandertreffen, dann ist ein Panoptikum unterschiedlichster Wesen garantiert: der Dorfbulle als Splattermovie-Fan, der Milliardär erst als Gülle-König, dann als Zirkus-Direktor (und führender Kämpfer gegen die Weltverschwörung), der Greis als Parkplatz der Seelenwanderung, das Nashorn als Chef-Alien, die sprechenden Waldtiere, das ominöse Buch, das denken und fühlen kann und Gespräche mit anderen Büchern im Regal führt. Dieser Brandenburg-Roman überwindet spielend die Grenzen vom Reich der Lebenden und dem Reich der Toten, von irdischer und außerirdischer Sphäre, von der lebendigen und dinglichen Welt, von Mensch und Tier, von Raum und Zeit. Dass wir diesen waghalsigen, spannenden Trip ausgerechnet einem eher konventionell agierenden Rockmusiker verdanken, der mit der Band Die Ärzte seit Jahren kommerziell sehr erfolgreich die Hitparaden und Multifunktionsarenen entert, ist nur auf den ersten Blick eine Überraschung. Bela B Felsenheimer, als Bürger eigentlich Dirk Felsenheimer, als Künstler Bela B, spiegelt darin seine vielfältigen Interessen, von Horror-Comics, Science-Fiction-Serien bis Tarantino-Filmen, von Action-Superhelden, Dracula bis Zombies. Als Solomusiker, Verleger, Schauspieler, Synchronsprecher hat er sich schon in vielen abseitig erscheinenden Themenfeldern ausprobiert, sein erster Roman setzt auf durchaus beachtliche, mutige Weise diese Lust am Experiment fort. „Scharnow“ will viel. Und selbst wenn nicht alles davon in der Umsetzung gelungen ist, so bleibt doch ein sprachlich souveräner, inhaltlich origineller Brandenburg-Roman, bei dem alle Puzzleteile am Ende nicht unbedingt ein zusammenhängendes Bild ergeben müssen. Doch immer dann, wenn es nötig ist im Kleinkrieg der Welten – also oft –, taucht Rex Gildo unvermittelt auf mit seinem Versöhnungslied „Fiesta Mexicana“. Als Deux ex machina hätte sich Bela B Felsenheimer keinen Besseren aussuchen können für diese groteske brandenburgische Provinzposse. Darauf ein energisches Hossa, Hossa, Hossa, Hossa! Lesezeichen/Live —Bela B Felsenheimer: „Scharnow“; Heyne; 416 Seiten; 20 Euro. —Lesung: 3. April, Mannheim - Alte Feuerwache (17 und 20 Uhr)

x