Interview
Der iranische Musiker Shahin Najafi über das Leben in Todesangst
Her Najafi, was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als sie von dem Anschlag auf Salman Rushdie gehört haben?
Ich habe mich gefragt: Wie konnte das passieren? War er nicht gut genug geschützt? Welche Sicherheitsmaßnahmen gab es bei der Veranstaltung? Ich konnte es nicht glauben. Ähnlich wie bei mir schien sich die Situation für ihn ja längst beruhigt zu haben – auch wenn er als weltbekannter Autor natürlich viel gefährdeter ist als ich.
Haben Sie sich durch das Attentat auch bedroht gefühlt?
Eigentlich nicht – ich lebe inzwischen wieder fast ohne Sicherheitsmaßnahmen. Aber natürlich macht mich diese schreckliche Tat vorsichtiger. Es gab nach dem Anschlag iranische Twitter-Nachrichten, in denen es hieß: „Shahin Najafi, Du bist der nächste“. Der Anschlag war ein Sieg für die Radikalen – aber zum Glück lebt Rushdie. Ich habe in den Tagen danach viele besorgte Anrufe bekommen. Es war aber sehr harmlos im Vergleich zu dem, was nach 2012 passiert.
Damals sind Sie zwischenzeitlich bei Günter Wallraff untergetaucht, haben mit einer Maskenbildnerin Ihre Identität verändert, Konzerte wurden abgesagt oder fanden nur unter massiven Sicherheitsvorkehrungen statt. Sie wirkten traumatisiert.
Ich hatte über mehrere Jahre massive Alpträume, immer wieder ging es darum, dass man mich verfolgt und ermordet. Mit so einer Fatwa oder anderen Bedrohungen wollen die Islamisten Regimekritiker einschüchtern, sie wollen einem Angst machen und einen dazu bringen, dass wir uns selbst zensieren: Angepasste Kunst ist aber keine gute Kunst. Mich haben die Bedrohungen wütend gemacht – ich habe mir damals gesagt: Jetzt erst Recht. Ich sage kein Wort weniger. Die Kunst ist frei. Wer keine Satire versteht, ist engstirnig und dumm.
Das muss anstrengend gewesen sein: Viele Ihrer Konzerte konnten nicht stattfinden, weil den Veranstaltern die Lage zu heikel war. Und oft gab es neue Bedrohungen.
Das Problem ist: Ich bin Musiker, ich muss auftreten. Ich kann nicht irgendwo meine Bücher schreiben und niemand weiß, wo ich bin. Ich lebe von der Öffentlichkeit. Und natürlich hatte ich Ängste – die ich nicht zu groß werden lassen durfte. Sie sollten mich nicht kaputt machen. Ich wusste: Sie wollen dich zerstören, das darf nicht passieren.
Ihr Fall ging international durch die Medien. Auch über Auftritte wie den mit dem israelischen Popstar Aviv Geffen in Tel Aviv berichtete die Weltpresse. Wie war das, aufgrund einer Fatwa in der Öffentlichkeit zu stehen – und nicht durch Ihre Kunst als sehr ambitionierter Musiker?
Im Iran hatte ich ja auch vor der Fatwa schon ein großes Publikum. Für die Jugend dort hatte ich eine Vorbildfunktion, weil ich meine Musik nicht als Unterhaltung begriffen habe, sondern als Möglichkeit, Missstände anzuprangern – als Revolution. Und dass die Öffentlichkeit über Fatwas wie gegen Rushdie oder gegen mich intensiv berichtet, ist ja gut und wichtig: Öffentlichkeit bedeutet ja auch Schutz.
Haben sich Ihre Texte mit den Jahren verändert – sind Sie zahmer geworden?
Ich schreibe nicht mehr so provokant wie als junger Mensch. Aber ich würde mir heute so wenig wie damals auch nur ein Wort verbieten lassen. Ich stehe weiter für die Freiheit des Wortes und der Kunst ein, für Gleichberechtigung und Demokratie.
Die Debatte um die „Satanischen Verse“ von Rushdie hat damals die kulturelle Debatte um die Grenzen von Kunstfreiheit geprägt. Auch nach der Veröffentlichung Ihres Liedes und der Fatwa gegen Sie wurde gefragt: Darf man über Religion spotten? Wo ist die Grenze?
Ich habe mich gewundert, dass das in Deutschland, dem Land der Dichter und Denker, überhaupt ein Thema ist: Für mich sind die Grenzen von Kunstfreiheit sehr weit – und ich denke, das sollten sie in jeder guten Demokratie so sein. Die USA sind sicher kein Paradies – aber mir gefällt hier, dass dem Staat die Verteidigung der Freiheit sehr wichtig ist. Die „Satanischen Verse“ sind ein wunderbares Buch, das zur Aufklärung beiträgt. Wer Spott und Satire nicht versteht, ist selber schuld – und darf deswegen keine Menschen bedrohen oder angreifen.
Fühlen Sie sich selbst wieder ganz frei, obwohl die Fatwa gegen Sie nie aufgehoben wurde?
Ja, und das ist ein großes Glück.
Zur Person:
Shahin Najafi (42) ist ein im Iran geborener Musiker und Rapper, der Elemente aus Hip-Hop, Alternative-Rock, Electronica und Folktraditionen mischt, sein jüngstes Album heißt „Sigma“ und erschien im Juli. 2004 floh er nach Deutschland, weil ihm im Iran eine Gefängnisstrafe drohte. Im Jahr 2012 erließ ein Ajatollah im Iran eine Fatwa wegen vermeintlicher Gotteslästerung gegen ihn. Er erhielte Hunderte Todesdrohungen und musste untertauchen. Heute lebt er mit seiner Frau in Kalifornien und gibt Konzerte in vielen Ländern.