Kultur Der früh Vollkommene
Heute vor 100 Jahren, am 25. März 1918 starb in seinem Berliner Atelier der expressionistische Bildhauer Wilhelm Lehmbruck von eigener Hand. Wenige Wochen zuvor hatte er in Zürich eine Büste, den als Selbstporträt vermuteten „Kopf eines Denkers“, zerschlagen. Aus dem „Sumpf dieser Triebwelt“ komme man letztlich nur auf diese brachiale Weise heraus, war sein Kommentar.
Der Selbstmord gibt bis heute Rätsel auf. Lehmbruck ist 38 und auf der Höhe seines jungen Ruhmes. Ist es das Unvermögen, der lebenslangen Suche nach Vollkommenheit gerecht zu werden, stellte er die visuelle Darstellbarkeit des Geistigen überhaupt in Frage? Haben wir es mit der seit seinen Erlebnissen im Ersten Weltkrieg anhaltenden schweren Depression zu tun, sind es die Anfeindungen, denen er als Künstler ausgesetzt ist, oder ist es ein fatales Gebräu aus alle dem? Lehmbruck war ein Getriebener. Vor den Zumutungen des Krieges floh er nach Zürich, lebte zuvor in Düsseldorf, Paris und Berlin. Bescheidenheit im Umgang mit seinem Talent war nicht seine Sache. Auch Erfolge konnten ihn nicht trösten. Er stellte im Pariser Salon d’Automne aus, bei der Freien Secession in Berlin und beim Deutschen Werkbund in Köln; die erste Einzelausstellung hatte er in der Pariser Galerie Levesque, 1913 war er mit seiner „Knieenden“ und „Großen Stehenden“ der einzige deutsche Bildhauer bei der legendären Armory Show in New York. Es gab erste amerikanische Museumsankäufe, noch im Todesjahr folgte die Nationalgalerie Berlin. Die Mannheimer Kunsthalle darf sich rühmen, früh auf Lehmbruck aufmerksam geworden zu sein. Der Bergarbeitersohn hat sich gequält. 1910 schließt er mit der „Großen Stehenden“ seine Auseinandersetzung mit der Geschichte der Skulptur von der Antike bis zu Aristide Maillol ab. Immer langgestreckter, „gotisch“ gelängter werden seine Figuren. Den aufkommenden Kubismus meidet er, hält fest an einem auf Spiritualität, seelische Konzentration und innere Monumentalität fokussierten Menschenbild. Fertige Arbeiten werden immer wieder reduziert, aus der Figur eine Büste gemacht und aus der Büste einen Kopf. Lehmbruck experimentiert mit Materialien, neben Bronze, Marmor und und Gips verwendet er Terrakotta, rötlichen und beigefarbenen Stuck, Stein- und Zementguss. Farbigkeit und Oberflächen wechseln, mit ihnen ändern sich Charakter und Wirkung der Arbeit. In Zementguss sieht die „Große Stehende“ aus wie eine missglückte Antike, elegant ist sie in dunkel patinierter Bronze. Haltungen spielen eine immense Rolle im bildnerischen Kosmos des Wilhelm Lehmbruck. Haltung des Kopfes, Drehung des Körpers, veränderte Proportionen, Reduktionen, die eine je andere „Stimmung“ erzeugen. Fast im Jahrestakt entstehen die großen Meisterwerke: 1913/14 der „Emporsteigende Jüngling“, dessen strebenartige Gliedmaßen wie ein Gerüst den tragisch verdüsterten Gesichtsausdruck zu stützen und tragen scheinen. 1914 dann der ausweglos zu Boden geneigte „Gestürzte“, sein vielleicht berühmtestes Werk. Die Bedrückung bleibt ihm, bis zum Schluss. Hoffnungslos und ängstlich der Welt gegenüber wirken sie, sind insofern nicht nur Epochenbilder von magistraler Vollkommenheit, sondern bis heute eminent modern geblieben. Ab 1937 galt Lehmbruck als „Entarteter“, 116 seiner Arbeiten wurden aus deutschen Museen entfernt. Kriegsbedingte Zerstörung und den verwendeten Materialien geschuldeter Zerfall haben aus mancher Arbeit ein Jammerbild gemacht, die große Anzahl posthumer Nachgüsse sorgt selbst unter Kennern für Verwirrung. 1964 wurde in seiner Heimatstadt Duisburg das von Sohn Manfred, einem bedeutenden Architekten, entworfene Wilhelm Lehmbruck Museum eröffnet. Dort läuft noch bis 18. August die Jubiläumsausstellung „Schönheit. Lehmbruck & Rodin – Meister der Moderne“. Zwei Heroen, eine doppelte Huldigung auf Augenhöhe.