Festspiele Ludwigshafen
Der Ein-Frau-Abend „It’s Britney, Bitch“ des Berliner Ensembles
Ganz am Ende der 70 Minuten sind die Scheinwerfer nicht mehr auf die Bühne gerichtet. Eine Bühne, die am Anfang geglitzert hat und geglänzt, die sie Schauspielerin Sina Martens aber im Lauf des Abends mit einem großen Regenschirm kurz und klein geschlagen hat. Die grellen Lampen strahlen nun ins Publikum, das auf der Kleinen Bühne des Theaters im Pfalzbau Platz genommen hat und fühlen soll: Ihr tragt eine Mitschuld an dieser Tragödie. Ihr klickt die Überschriften an und labt Euch fasziniert an den Bildern der zerstörten jungen Frau, der kahlrasierten, der entmündigten. Vielleicht habt Ihr auch die Tasse im Küchenschrank, die mit dem Aufdruck: „Britney hat 2007 überlebt. Du schaffst diesen Tag.“
Sina Martens hat die Tasse dabei, als einziges Requisit außer dem riesigen Regenschirm. Sie ist Britney an diesem Abend. Einerseits. Und andererseits ist sie die Kommentatorin: ihres Lebens, der gesellschaftlichen Umstände, des Sexismus im Popbusiness nicht nur in den USA, der (gelinde gesagt) sehr schwierigen Vater-Tochter-Beziehung.
Ohne Atempause
Britney ist ein Symbol für eine Geschichte, wie sie sich theoretisch tausendfach zutragen kann. Regisseurin Lena Brasch hat aus Texten von Laura Dabelstein, Miriam Davoudvandi, Fikri Anıl Altıntaş, sich selbst und anderen einen kompakten Abend komponiert, eine Tragödie in 70 Minuten, ohne Pause, ohne Atempause.
Martens, selbst etwas jünger als die mittlerweile 40 Jahre alte einstige Prinzessin des Pop, zitiert auch Aussagen, die Spears vor Gericht getätigt hat, die das Ausmaß der Qualen aufzeigen, unter denen sie litt, als ihr Vater sie einsperrte, unter Vormundschaft stellen ließ, ihr die Kontrolle über ihr eigenes Leben entzog.
Über Wahrheit und Inszenierung
Am Seitenrand steht ein üppig behängter Kleiderständer. Die Bühnen-Britney entscheidet sich weder für den Schulmädchen-Look vom Beginn ihrer Karriere noch für das glitzernde Brautkleid vom Zungenkuss mit Madonna, sie trägt einen einfachen schwarzen Zweiteiler, als sie erzählt und sinniert: über Wahrheit und Inszenierung, über Journalismus und Kunst, über Drogen und toxische Männer.
Dürfe, fragt sie sehr klug, eine Frau überhaupt an ihrer Drogensucht sterben oder müsse sie an gebrochenem Herzen zugrunde gehen? Und warum um Himmels willen ist niemand eingeschritten, als sie sich als junges Mädchen ständig die übergriffige Frage gefallen lassen musste, ob sie eigentlich noch Jungfrau sei?
Ikonische Popmomente
Sina Martens fragt und flüstert und schreit und schlägt um sich. Sie präsentiert zuerst kokett die blonde Mähne, ist zwischendurch kahl am Kopf und tanzt am Ende ihre eigenen Haare zeigend in einem roten Latex-Catsuit. „Oops!... I did it again!“, über 20 Jahre her. Britney Spears hat ikonische Popmomente geschaffen. Und deshalb wird das Interesse an ihr auch nicht nachlassen.
Vermutlich ist das inzwischen mehr Fluch als Segen. An dem Abend, an dem auf der Ludwigshafener Theaterbühne ihr Schicksal verhandelt wird, postet Britney – oder jemand in ihrem Namen – zum wiederholten Mal auf Instagram einen vermutlich etwas älteren verstörenden Clip, der sie beim wilden Tanzen zeigt, bauchfrei wie mit 18, die blonde Mähne schüttelnd. Im Gegensatz zu früher kann heute jeder seine Meinung darüber hinterlassen. Die 9500 Kommentare sind weitgehend einhellig: Mein Gott, ist das traurig anzusehen.