Pfalzgeschichte(N) RHEINPFALZ Plus Artikel Der Dom und die Sehnsüchte der Menschen

Die Domtürme: Beiderseits des Rheins Orientierungspunkte von Mitte und Heimat.
Die Domtürme: Beiderseits des Rheins Orientierungspunkte von Mitte und Heimat.

Bald wird der Dom zu Speyer seine Tausendjahrfeier begehen: Ein Ort großer Geschichte, Architekturdenkmal, Welterbe der Menschheit, Symbol der Christenheit. Was aber bedeutet die Kathedrale für die Sehnsüchte der Menschen? Das erzählt eine Zeitreise, die von der europäischen Gegenwart zurück führt zu den Fundamenten des Baus.

Verehrt und missachtet – gebraucht und missbraucht – benutzt und erneuert – geliebt und geschunden: Wörter, die sich mit der 1000-jährigen Geschichte des Doms zu Speyer verbinden. Das Baugehäuse um uns präsentiert sich heute als scheinbare Einheit. Kennerinnen und Kenner wissen freilich, dass wir in einem Patchwork-Gebäude sitzen. 1000 Jahre haben die Menschen an ihm gearbeitet, es verändert, weitergebaut, erneuert. Und wir hoffen, dass es 1000 Jahre weitergehen möge mit diesem Erinnerungsort großer Geschichte.

Die Erinnerungen an ein ganzes Millennium stehen unmittelbar bevor. Wie mögen wir 2024 mit dem Beginn des salischen Jahrhunderts in der römisch-deutschen Geschichte vor 1000 Jahren umgehen?

Speyer wurde zum großen Nutznießer des salischen Neubeginns 1024: Konrad II., der neue König und Kaiser aus unserer Region, setzte von seiner ersten Regierungswoche an auf Speyer und auf die hier besonders verehrte Gottesmutter Maria. Mit Stephanus, der als erster christlicher Märtyrer den Himmel offen sah, wurde Maria als Königin aller Heiligen zur wichtigsten Patronin der salischen Dynastie. Damals entwickelte sich Speyer – in Worten dieser Zeit – vom „Kuhdorf“ zur „Metropole Germaniens“. Spätere, die es genau wissen wollten, legten diesen Start ins Jahr 1030.

Ein Dom von Weltgeltung

1930 nahm man die Geschichte beherzt in den Dienst einer nationalen Sache. Die Menschen feierten damals ihren Dom als Monument deutscher Größe, als Kampfansage salischer Kaiser gegen Herausforderungen aus dem feindlichen Westen, als Inbegriff germanischen Geistes oder deutscher Kunst. Wenige Jahre später nur lag diese deutsche Überheblichkeit in Schutt und Asche. Die nach 1945 Geborenen durften ein Neues erleben, das den nationalistischen Hass der Vorfahren überwinden wollte. Das bescherte diesem Kontinent – trotz aller Anfechtungen – eine lange Periode des Friedens. Dabei veränderte sich der Dom mit den Sehnsüchten der Menschen. Ich will dieses Zurückwandern in der Geschichte in drei kleinen Schritten vollziehen.

Vor 40 Jahren erlangte der Dom durch die Aufnahme ins Unesco-Weltkulturerbe jene formale Auszeichnung, die er seit 1000 Jahre ohnehin in sich trug: Für uns Heutige steht hier ein Monument der Menschheit, kein nationales Kampf-Bauwerk. Es ist besonders anrührend, dass in diesem Sommer 2021 auch die herausragenden Stätten mittelalterlicher jüdischer Kultur am Rhein ins Kulturerbe der Menschheit aufgenommen wurden. Die jüdischen Stätten in Speyer gehörten von Beginn an zum Aufstieg der Bischofsstadt im 11. und 12. Jahrhundert dazu.

Während Speyers jüdisches Zentrum in seinen Resten erst wieder aus der Stadtarchitektur herausgeschält wurde, überstrahlte der Dom die Bischofsstadt von Anfang an. Für die Menschen im Land beiderseits des Rheins sind die sechs Türme Orientierungspunkte von Mitte und Heimat. Das alte Wort Heimat, so oft in seiner Benutzung geschunden, gewinnt in solchen Blickachsen Bedeutung und Wert.

Die Menschen in Speyer durften im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts erleben, wie ihr Dom zum Symbol für deutsche Außenpolitik erwuchs. Das Bekenntnis des verstorbenen Bundeskanzlers Helmut Kohl zu diesem Kristallisationspunkt wirkte in seiner Authentizität und bot der Welt ein anderes Deutschland, als es die Metropolen vermöchten: Das Land am Rhein, seit Jahrhunderten historisches Zentrum, und die große Kathedrale in der kleinen Stadt boten ein anderes Bild deutscher und europäischer Geschichte als die Prachtavenuen der Hauptstädte. Symbolisch überwand hier die Verwurzelung in einem vornationalen lateinischen Christentum die nationalistischen deutschen Verstrickungen im 20. Jahrhundert.

Doch das europäische Begreifen des Speyerer Doms wurde nicht erst in der Ära Kohl eingeleitet. Die politische Wende zu den abendländischen Wurzeln der gemeinsamen christlichen Kultur wurde in der frühen Bundesrepublik eingeläutet. Maßgebliche Weichen zur neuen Westbindung stellte Bundeskanzler Konrad Adenauer. Im August 1953 kam er mit dem französischen Außenminister Robert Schuman nach Speyer, um an der Grundlegung einer neuen Kirche teilzunehmen. Sie wurde dem heiligen Bernhard von Clairvaux zum 800. Todestag geweiht.

So wurden Dom und Stadt in eine größere europäische Geschichte hineingenommen. Jetzt hielt die Kathedrale nicht mehr wie in früheren Jahrzehnten für ein heldenhaftes Deutschtum her. 1953 gab sie den „Völkern des Abendlandes“, so sagte man es damals, eine neue Selbstvergewisserung in gemeinsamen Werten.

Wir haben uns gut eingerichtet in dieser europäischen Kommunität, auch wenn wir Anfechtungen erleben. Doch nichts von unserer Friedensordnung und nichts vom Dom als Monument der Menschheit ist selbstverständlich. Das zeigen die Blicke über 100 oder über 1000 Jahre zurück.

Die Jubiläumsfeiern von 1930 stehen als Beispiel für gänzlich andere Sehnsüchte der Menschen. Ein Dutzend Jahre vorher hatte der verlorene Erste Weltkrieg kühne Hoffnungen auf deutsche Weltgeltung zerstört. Der Friedensvertrag von Versailles wurde vielfach als Diktat empfunden. Speyer erlebte die Folgen noch deutlicher als das Land östlich des Rheins. Das Buch des Domkapitulars Franz Joseph Gebhardt über den Kaiserdom – „Zum 900jährigen Jubiläum dem katholischen Volke erzählt“ – protokolliert die damaligen Ereignisse, deutlich unaufgeregter als die nationalistischen Schreihälse der damaligen Presse.

„Am 5. Dezember 1918, mittags 12 Uhr, zogen 2500 Franzosen in Speyer ein und hielten vor dem Dom Parade. Am 3. Adventssonntag um ¾ 10 beanspruchten sie den Dom für ihren Gottesdienst. An 5000 Soldaten waren beigezogen. General Burgeon nahm mit seinen Stabsoffizieren im Königschor Platz. Es war die Siegesfeier der Franzosen im Dom.“

Die französische Besetzung Speyers ging im Juni 1930 zu Ende, früher als im Friedensvertrag vereinbart. Nur wenige Tage später folgte die Jahrtausendfeier des Doms als Höhepunkt des geistlichen wie auch des nationalen Selbstbewusstseins. Jetzt zog die von einem Münchener Künstler geschaffene, von Papst Pius XI. gestiftete und geweihte Gottesmutter feierlich über den Rhein und fand ihre Heimstatt in der Kathedrale. Sie ersetzte das Gnadenbild, das bei der Besetzung 1794 durch französische Revolutionstruppen verbrannte. Auf seiner Reise von München über Rom nach Speyer musste das neue Gnadenbild eine Pause einlegen. Es war schon im Juni 1930 in Waghäusel am anderen Rheinufer angelangt. Doch in Speyer wartete man den Abzug der Franzosen ab, um die Statue am 6. Juli 1930 einzuholen. Eine Woche später fand die „Feier des Deutschen Kaiserdomes am Rhein“ statt, so die damalige Wortwahl.

Die Kathedrale war am Ende des 17. Jahrhunderts im Pfälzischen Erbfolgekrieg während der französischen Besetzung zu großen Teilen zerstört und ein Jahrhundert später durch französische Revolutionstruppen geplündert worden. Am Ende des Heiligen Römischen Reichs 1806 kamen den Deutschen ihre Kaiser abhanden. Erst in dieser kaiserlosen Zeit sprach man vom Kaiserdom, erstmals vermutlich 1828. Die toten Kaiser sollten die lebenden ersetzen.

Verbogene Fundamente

1930 feierte man den Dom dann „als mächtigen Mahner zu deutscher Treue und Einigkeit“. Man mag die nationalistischen und chauvinistischen Kommentare heute kaum hören. Doch wir sollten uns dieser Instrumentalisierung des Doms vor einem Jahrhundert auch nicht verschließen. „Tausende werden in den Jubiläumstagen dieses Jahres den Dom zu Speyer grüßen nicht nur als eindrucksvollen Zeugen deutscher Größe und deutschen Glanzes der Vorzeit, sondern auch als ein steingewordenes Mal germanischer Wahrheitserfassung, schöpferischer Wahrheitsliebe, als Träger des höchsten geistigen Lebens“, schrieb eine Zeitung. Wenige Tage später besuchte Reichspräsident Paul von Hindenburg Speyer und nahm gleichsam symbolisch Besitz vom „heiligen Boden unseres Vaterlandes“.

Die Geschichte des Doms im vergangenen Jahrhundert erzählt uns von beidem, von nationalistischem Hass und von europäischer Verbundenheit. Die christlichen Fundamente dieser Kathedrale konnten durch die Sehnsüchte der Menschen durchaus verbogen werden. Die Menschenfeindlichkeit des zerstörerischen Nationalismus und Fanatismus sind Teil unserer Geschichte. Der verstörende Hass hat sich nicht irgendwo, sondern hier ausgelebt. Die tröstliche Erfahrung unserer Gegenwart zeigt uns auch, dass eine demokratische Nation den einstmals zerstörerischen Nationalismus überwinden kann.

Im Schutz der Gottesmutter

Nationen entstanden im Mittelalter, auch wenn die Unterschiede zur Moderne erheblich sind. Nationen waren im alten Europa vor allem Handlungsgemeinschaften politischer Eliten in den europäischen Monarchien. Sie dienten zudem der Zusammengehörigkeit auf Konzilien oder in Universitäten. Gewiss entdecken wir in alten Texten auch Emotionen und Klischees, die ein- oder ausgrenzten. Doch die vormoderne Nation war eine Vereinigung der Eliten. Emotionale Zugehörigkeit aller wurde in dieser aristokratischen Welt nicht eingefordert.

Die Revolutionen am Ende des 18. Jahrhunderts veränderten die Nationen. Jetzt ging es um die Zusammengehörigkeit aller Bürger. Das forderte die Bereitschaft aller ein, für Ideale zu kämpfen und zu sterben. 1882 beschrieb der französische Denker Ernest Renan (1823-1892) die Nation als große Solidargemeinschaft, die sich aus dem Gefühl für erbrachte oder zu erbringende Opfer speiste. Damals konnte man den Schrecken des Völkerhasses noch nicht erahnen, auch nicht die Fundamentalismen des 20. Jahrhunderts, in denen sich die Nationen mit Rassismus und Genozid verbanden.

Die Idee von der Blutsgemeinschaft entstand nicht erst im Nationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Spuren wurden vielmehr von Gelehrten an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit gelegt. Ein geistiges Zentrum dieser Gedanken war das Land beiderseits des Rheins. Durch ihre Rückbesinnung auf die Antike gaben die Geistesgrößen der Zeit einen Namen: Humanismus. Doch human in unserem Wortsinn waren ihre Lehren nicht. Sie füllten Bücher mit Vorstellungen vom Wettbewerb der Nationen und vom Volk als ewiger Blutsgemeinschaft.

Der deutsche „Erzhumanist“ Conrad Celtis, Student in Köln und Heidelberg und dort eng mit dem Wormser Bischof verbunden, entwarf ein uns heute verstörendes Profil seiner Germanen: „Ein unbesiegtes Volk, wohlbekannt in der ganzen Welt, lebt von jeher dort, wo sich die Erde, in ihrer Kugelgestalt gekrümmt, herabneigt zum Nordpol. Geduldig erträgt es Sonnenhitze, Kälte und harte Arbeit; Müßiggang eines trägen Lebens zu erdulden leidet es nicht. Es ist ein Volk von Ureinwohnern, das seinen Ursprung nicht von einem anderen Geschlecht herleitet, sondern unter seinem eigenen Himmel erzeugt wurde.“ Ureinwohner – indigena gens.

Im Elsass pries der sogenannte „Oberrheinische Revolutionär“ um 1500 die besondere Sendung der Deutschen im göttlichen Heilsplan. Deutsch sei nämlich die Ursprache der Menschheit, Adam „ein deutscher Mann“ gewesen. Wenig später schrieb der an der Universität Heidelberg ausgebildete Gelehrte Theodor Reysmann ein Lobgedicht auf den Speyerer Dom. Seine Umgebung sei von Ahnherren „deutschen Geblütes“ gestaltet, „Volk, unter heimischem Himmel erblüht, nicht römischen Ursprungs.“

Diese humanistische Verknüpfung von Blut und Boden ist historisch gänzlich abwegig, denn die Rheinebene war seit Jahrtausenden eine Drehscheibe menschlicher Migrationen. Und doch grub sich das Ideal des Ursprünglichen, des Reinen, des Unveränderlichen tief in die Köpfe der Menschen.

Mit Theodor Reysmann sind wir zum Dom zurückgekehrt. 1531 rühmte er auch, dass Speyer wie mitten im Paradiesgarten blühe: „Spira velut medio Paradisi floret in horto.“ Jacob Wimpfeling, auch er Student in Heidelberg, ließ 1486 als Geistlicher in Speyer sein Lob des Doms drucken. Ihm war die Gottesmutter Maria Grundlage seines Vertrauens und seines Glaubens: „Himmlische Mutter Christi, ich bitte dich, stehe mir gütig bei, dass ich den Speyerer Dom aufs beste preisen kann ...“

Maria: Ihr hatten schon die Salier ihre Herrschaft und ihr Schicksal anvertraut. Bei Maria suchte Heinrich IV. vor seinem Gang nach Canossa Schutz, zu ihr kehrte er nach der päpstlichen Lösung vom Bann zurück. Immer wieder Maria – sie geleitete die Kaiser durch die Geschichte, gab den flehenden Herrscherpaaren den ersehnten Nachkommen, verband Himmel und Erde.

Der Schutz der Gottesmutter bildet das Fundament von 1000 Jahre Geschichte des Speyerer Doms. Wie immer man heute auch zum Heiligenkult stehen mag – wir begegnen hier einer Welt voller Glauben. Diese vertraute sich – in vormoderner Andersartigkeit – einer materialisierten Heilsgeschichte in diesem Dom an. Seine Heiligen banden – über alle Gegensätze hinweg – Klerus und Stadt in Speyer zusammen. Seine Altäre versammelten die Schutzheiligen des Neuen Testaments am Rhein. Im Chor – das entschlüsseln uns die Spezialisten der Liturgiewissenschaft – markierten zwei Achsen von Altären in ausgeklügeltem Programm das christliche Heil: Von Nord nach Süd ein Weihnachtsfestkreis mit Christus und der Gottesgebärerin, von West nach Ost ein Osterfestkreis mit dem Fest von Mariae Geburt. Marias Hauptaltar wurde vielleicht am 9. September 1046 geweiht, also vor ziemlich genau 975 Jahren. Und in der Krypta gründeten die Apostel des Neuen Testaments mit ihren Altären das Fundament dieser ganzen Kirche, ein spiritueller Schutzwall für die Kaisergrablege.

Die Welt der Heiligen mag vielen heute fern sein. In ihr entdecken wir freilich andere Sehnsüchte der Menschen vor 1000 Jahren. Die kostbarsten Stiftergaben waren damals nicht das Gold, Silber und Pergament unserer modernen Schatzhäuser. Es waren vielmehr die Partikel vom Kreuz Christi oder die heiligen Gebeine, die aus der weiten Welt nach Speyer kamen. Damals ging es nicht um Nation oder Europa, sondern um die symbolische Präsenz der Christenheit in diesem Dom. Im Mittelalter bedeutete das Leben mit den toten Heiligen eine Vergegenwärtigung mit allen Sinnen.

Hier entdecken wir große Unterschiede von Gegenwart und Vergangenheit, aber auch unsere Zeitgebundenheit. Spätere werden sich über das Jahr 2021 wundern. Wohin mögen der Dom und die Sehnsüchte der Menschen künftig wandern? Auch wenn die Prognosefähigkeit von Historikern begrenzt ist, sehe ich gute Perspektiven und singe nicht im Chor der Skeptiker, denen ihr Abendland dauernd untergeht. Dieser Dom wird Kraft und Attraktivität gewiss aus seiner Schönheit und Monumentalität beziehen. Doch gerade die christlichen Fundamente machen ihn dauerhaft.

Der Autor

Bernd Schneidmüller, einer der renommiertesten deutschen Mittelalterhistoriker, ist Seniorprofessor an der Universität Heidelberg und Präsident der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Die hier in gekürzter Form abgedruckte „Europäische Rede“ hielt er am 3. November 2021 im Dom zu Speyer.

Computersimulation: Die Rekonstruktion des Dombaus im Jahr 1061.
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Computersimulation: Die Grablege der Kaiser und Könige vor ihrer Zerstörung 1689.
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Computersimulation: Das Mittelschiff des Doms mit der Ausmalung des 19. Jahrhunderts.
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