Theaterzukunft RHEINPFALZ Plus Artikel Das Pfalztheater Kaiserslautern soll sich neu aufstellen

Das Pfalztheater soll seine Erträge steigern und den Aufwand dafür senken, schlägt die Agentur Actori in ihrem Gutachten vor. Wi
Das Pfalztheater soll seine Erträge steigern und den Aufwand dafür senken, schlägt die Agentur Actori in ihrem Gutachten vor. Wie das gehen soll, ist noch offen.

Das Pfalztheater Kaiserslautern steht vor Strukturänderungen über den Intendantenwechsel hinaus. Eine „Organisations- und Wirtschaftlichkeitsuntersuchung“ zeigt zahlreiche Verbesserungsmöglichkeiten auf. Bezirkstags-Vorsitzender Theo Wieder hat das bereits seit Ende 2019 vorliegende Papier jetzt erstmals öffentlich erläutert.

Der Inhalt der (freigegebenen) 60 Seiten lässt sich knapp zusammenfassen: Das Dreispartenhaus „zeigt insgesamt gute Voraussetzungen für (eine) erfolgreiche Arbeit“, die „großen und wachsenden Herausforderungen“ sollen „aus eigener Kraft“ gemeistert werden. Ansonsten formuliert Wieder (CDU) in bester Politikersprache: „Das ist die Analyse eines Gutachters. Was von den Optimierungsvorschlägen in der Praxis umgesetzt wird, muss sich erst noch zeigen.“ Und außerdem: „Wir müssen alle Thesen hinterfragen.“

Gespräche mit Belegschaft

Ob das Pronom „wir“ als Anstoß zum öffentlichen Diskurs gedacht ist, lässt der Bezirkstags-Vorsitzende offen. Nach Lektüre der „Organisations- und Wirtschaftlichkeitsuntersuchung“ ist nicht unbedingt zu erkennen, warum das Kompendium bis dato mit so ausgeprägter Geheimhaltung behandelt wurde. Wieder leitet die Verwaltung des Bezirksverbands Pfalz, dem seit 1967 die Trägerschaft des 105 Jahre zuvor gegründeten Thalia-Tempels obliegt. An dessen Finanzierung sind per Umlage alle Landkreise und Städte der Region beteiligt, „obwohl sie zum Teil unter hochdefizitären Haushalten leiden“, wie der Vorsitzende selbst häufig betont. Im Übrigen teilt sich der Bezirksverband die Kosten mit dem Land Rheinland-Pfalz und der notorisch extrem klammen Stadt Kaiserslautern.

Das Budget des Dreispartenhauses ist also durchaus von öffentlichem Interesse. Die vor Corona errechneten Etatzahlen weisen für 2020 einen Haushalt von 23 Millionen Euro aus, der Zuschussbedarf liegt bei 20 Millionen. Nicht zuletzt deshalb verlangten offenbar Land und Stadt ein Gutachten zur Finanzausstattung. „Aus verschiedensten Gründen“, so formuliert Wieder, „haben wir uns diesem Wunsch mehr oder weniger angeschlossen“. Seit anderthalb Jahren liegt die Expertise vor – und blieb bislang unter Verschluss.

„Sinkende Attraktivität als Arbeitgeber“

Durchgeführt wurde die Bestandsaufnahme – nach beschränkter Ausschreibung – für 95.000 Euro von der in München und Dresden niedergelassenen Agentur Actori, laut Eigenexpertise „führend in der Beratung und Vermarktung von Kultur-, Entertainment- und Bildungsinstitutionen“. Was im prahlerischen Marketing-Denglisch als „Status-quo- und Benchmark-Analyse“ umschrieben wird, waren Gespräche mit der 340-köpfigen Belegschaft (auch allen Bediensteten hinter den Kulissen), die intensive Rechnungsdurchsicht und ein Vergleich mit fünf ähnlich aufgestellten Theatern, darunter das Staatstheater Mainz.

„Herausforderungen“ sieht das Gutachten unter anderem in der „wachsenden Konkurrenz am Standort und in der Region“, etwa durch das Lauterer Kulturzentrum Kammgarn, Tourneebühnen und die freie Szene. Als Manko werden die „sinkende Attraktivität als Arbeitgeber (Arbeitszeit, Bezahlung)“ sowie die „Altersstruktur der Mitarbeitenden und Fachkräftemangel“ angesehen.

„Auslastung noch immer gut“

Bemerkenswerterweise geht die Agentur auf Auslastungszahlen nur am Rande ein, obwohl diese von Theatern stets als Beleg der eigenen Attraktivität angeführt werden. Allerdings gelten sie als schöngerechnet, weil für weniger populäre Stücke auch weniger Sitzplätze zugrunde gelegt werden. Dazu stellen die Analysten fest: Ein „Besucheranstieg ist durchaus möglich (und nötig), obwohl die Auslastung noch immer gut ist“.

Ferner spricht das Gutachten von „Optimierungsbedarfen im Status quo“ und listet „identifizierte Optimierungsbereiche“ auf, als da wären:

- Steigerung der Wirtschaftlichkeit durch Erhöhung von Erträgen und Senkung von Aufwänden

- Stärkung der Präsenz und des Image

- differenzierte Zielgruppen-Ansprache und Gewinnung von neuen Besuchern

- Überprüfung der Unternehmensorganisation und von etablierten Verfahren.

Zwischen 2013 und ’17 sind laut Actori sowohl die Aufwendungen als auch die Erträge leicht angestiegen, aber „insgesamt ist (...) eine steigende Abhängigkeit von Zuschüssen zu beobachten“. Das dürfte für alle öffentlichen Spielstätten gelten, allerdings liegt Kaiserslautern „leicht über dem Durchschnitt“ der untersuchten Häuser. Bei einem rückläufigen Kartenverkauf dümpeln die Betriebseinnahmen „deutlich unter dem Durchschnitt der Benchmark-Häuser“. Für eine steuerfinanzierte Einrichtung gleichfalls von Belang: „Der Eigenfinanzierungsanteil sinkt (im Untersuchungszeitraum) um 14 Prozent und liegt insgesamt unter dem durchschnittlichen Niveau.“

Mehr Gastspiele?

Auch die Zahl der Einzelveranstaltungen geht zurück. Die Gutachter regen daher eine bessere Auslastung durch „optimierte Disposition“ an, weil dadurch „Kapazitäten für weitere Vorstellungen auf der großen Bühne geschaffen werden“ könnten. Zur Frage nach Abstechern an andere Spielstätten in der Pfalz bringt die Studie einen „Mehrwert für Bezirksverbandsmitglieder“ (also Kommunen) ins Spiel, für die überdies attraktivere Buchungsrabatte vorgeschlagen werden.

Ohnehin tragen Gastspiele außerhalb Kaiserslauterns erheblich zur Identifikation der Pfälzer mit „ihrem“ Theater bei. Dass dabei alle Beteiligten aufs Geld achten, zeigt sich an den jüngsten Verhandlungen zwischen dem Nationaltheater Mannheim und dem Ludwigshafener Pfalzbau. Sie dürften in Kaiserslautern aufmerksam verfolgt worden sein, denn die Chemiestadt am Rhein ist auch Abstecherort der Westpfälzer.

Darüber hinaus wird im Actori-Papier ein Ausbau der theaterpädagogischen Angebote angeregt. Ebenso könnte das von Intendant Urs Häberli initiierte „Opern-Studio“ für den Sängernachwuchs zu einer „Akademie“ für alle Sparten erweitert werden.

Vor allem während der Coronaschließung haben Mängel in der Öffentlichkeitsarbeit und Selbstdarstellung das Image des Theaters beschädigt. Es war für Wochen gänzlich verstummt, während sich Ensemblemitglieder aus eigener Initiative um digitale Präsenz bemühten. Dazu passt, dass das Gutachterbüro eine „Überprüfung der Unternehmensorganisation“ vorschlägt, die sich auf „Struktur, Prozesse sowie interne Kommunikation“ erstreckt.

Neue Leitungsstruktur

Zumindest im Organisationsaufbau des Pfalztheaters steht eine umfassende Veränderung bevor. Nach dem Ausscheiden vom Intendant Häberli wird im Sommer 2022 zunächst ein „Interims-Direktorium“ installiert. Danach übernimmt ein dreiköpfiges Leitungsteam das Ruder. Die gleichberechtigten Chefs sind dann jeweils für künstlerische Fragen, die betrieblichen Abläufe und den kaufmännischen Sektor zuständig.

Dem Vernehmen nach sind für die beiden letztgenannten Positionen bereits Kräfte aus dem aktuellen Personalbestand von Pfalztheater und Bezirksverband ausersehen. Die Bewerbungsfrist für den Quasi-Intendanten, der dann allerdings nur noch Teil einer Troika sein wird, hat bereits begonnen.

Theo Wieder hofft auf eine Personalfindung bis Ende des Jahres, will sich andererseits „aber nicht hetzen lassen“. Er hat ja mit der Umsetzung der gutachterlichen Fingerzeige genug zu tun. Andererseits mag er sowieso „nicht alle Punkte eins zu eins umsetzen“. Aber ganz allein muss er den Laden dann ja auch nicht schmeißen.

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