Gesellschaft RHEINPFALZ Plus Artikel Das neue Mehr

imago0084963256h

Keine Gänseleber an Silvester! Warum Verzicht das Gebot des Moments ist – und einer der besten Vorsätze fürs neue Jahr. Keine Predigt! Aber schon der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass zu verzichten einen einfach weiter bringt.

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Kursbuch“ geht es darum: „Auf was könnte ich nie verzichten?“ Gute Frage. Und auch der richtige Moment, sie zu stellen. So kurz vor dem neuen Jahr. Jetzt im angebrochenen Krisenzeitalter des Weniger. Weniger CO2-Verbrauch – wegen der Kinder und Kindeskinder, weniger Geld durch Inflation, weniger Sicherheit, weil Krieg. Alles zu wenig: Verzicht, schreibt der Politikwissenschaftler und Ökonom Philipp Lepenies in seinem Buch „Verbot und Verzicht. Politik aus dem Geiste des Unterlassens“, würde in Zukunft nicht die alleinige, aber eine wesentliche Rolle spielen. Aber auf was zu verzichten, geht denn nun gar nicht?

Die „ungestörte Natur“, meint zum Beispiel die Autorin Ariadne von Schirach in ihrer Antwort im „Kursbuch“. „Andere Menschen“, antwortet die Berliner Persönlichkeitspsychologin Jule Specht. „Wasser, Licht, Wald, die ganz großen Player, sind es für mich auch inhaltlich, ohne sie wäre ich nicht lebendig“, sagt der Fotograf und Künstler Olaf Unverzart. Noch genereller antwortet der Philosoph und „Elternjahre“-Bestsellerautor Reinhart K. Sprenger: „Auf die Freiwilligkeit des Verzichts.“ Wenn die gegeben sei, nehme er ihn gerne, schreibt Sprenger auf der Folie zweier Erfahrungen: Wie er es als Kind genoss, lange im Bett zu bleiben. Diese Ruhe. Draußen der Himmel, auf den er im Lockdown dann plötzlich ganz anders schaute, unfreiwillig stillgestellt.

Verzicht ist nicht gleich Verzicht

Verzicht ist eben nicht gleich Verzicht. Ist ungleich mit dem Mangel, sich etwas nicht leisten zu können. Die Bio-Wurst auf dem Brot zum Beispiel. Etwas Anderes ist es, beim Silvesteressen die Gänseleberpastete wegzulassen – aus ethischen Erwägungen. Auch fällt, wer reich ist, beim Klimaschutz mehr ins Gewicht.

In der Schweiz, sagt die Statistik, bläst das oberste Einkommens- und Vermögensprozent pro Kopf 196 Tonnen CO2 in die Luft, die untersten zehn Prozent emittieren jeweils 53 Tonnen, das eine Prozent am Ende kommt auf 4,4 Tonnen je Mensch. Dessen proaktives Verzichtspotenzial ist schlichtweg limitiert und relativ betrachtet unwirksamer. Bei uns dürfte es ähnlich sein.

Bei der „Kursbuch“-Umfrage zu der äußersten Verzichtsgrenze jedenfalls antwortete niemand – zumindest öffentlich – „auf meinen E-SUV“, freie Fahrt auf Autobahnen, Flugreisen, vergoldete T-Bone-Steaks, oder den Pullover aus fair gehandeltem Kaschmir. Überhaupt spielte nichts, was sich handfest konsumieren lässt, eine Rolle. Auch Wellness, ein ausgiebiges Bad, umschwommen von Rosenblättern, kam nicht vor. Wenig überraschend bei der befragten Klientel, zu deren Selbstbild als Geistesmenschen das Wissen über eine höhere Moral gehört. Trotzdem kann es sein, dass auch sie ins Grübeln kommen, ob sie zum nächsten Ethik-Kongress einen Direktflug oder den Nachtzug nehmen – allein wegen des zeitlichen Aufwands. Klar aber, dass niemand antwortete wie der jetzige FDP-Finanzminister Christian Lindner, der 2019 im Zusammenhang mit dem Klimaschutz meinte: „Ich will nicht verzichten, und ich will auch nicht, dass andere verzichten müssen. Ich will durch Technik erreichen, dass die Menschen frei leben, sich frei bewegen können.“ Auch das allerdings eine Antwort, die wenig originell erscheint.

Vertagungspolitik und Veggie-Day

Zumal, weil Vertagungspolitik wesentlich einfacher zu vertreten ist als Verbote und Veggie-Days es sind. Zumindest für jemanden aus seinen Porschefahrer-Kreisen, in denen Tempo 110 auf Autobahnen mutmaßlich als Angriff auf das Persönlichkeitsrecht gilt – und Klimaschutzmaßnahmen rhetorisch schnell mal zum Ausfluss einer „Ökodiktatur“ mutieren, die „ureigene“ Freiheitsrechte beschränkt.

Dabei galt Verzicht lange Zeit als Voraussetzung von freier Persönlichkeitsentfaltung, als Kardinaltugend und Konstante der Kulturanthropologie. „Mehr ist nicht unbedingt mehr“, erklärt Thomas Schwartz, der katholischer Priester ist und von 2005 bis 2014 Honorarprofessor für Wirtschaftsethik an der Universität Augsburg war. Das sei seit Langem eine Überzeugung der katholischen Soziallehre. Kein Wunder, gilt doch im Christentum die Gier – die rücksichtslose Rückseite des Verzichts – als Todsünde; Maßhalten, Genügsamkeit und Zurückhaltung dagegen sind Regulatoren des sündhaften Charakters.

Schon Kirchenvater Augustinus (354 bis 430) predigte Selbstbeherrschung als Schneise zur Tugend. Noch viel früher lief Diogenes (vermutlich 413 bis 323 vor Christus) nackt durch die weltliche Welt der Antike, schlief in einem Fass und aß rohen Tintenfisch. Ein erster Anhänger des Kynismus (kyon steht für Hund), in dem die unbedingte Askese und der Annehmlichkeitsverzicht als Treiber innerer Freiheit und existenzielles Krisentraining galten. Im Kern war sie noch im 20. Jahrhundert bei dem Meßkircher Seinsphilosophen Martin Heidegger (1889 bis 1976) virulent.

„Der Verzicht nimmt nicht, er gibt“, dozierte Heidegger und rief die „unerschöpfliche Kraft des Einfachen“ auf. Ein Denken, das sich gegenwärtig, wenn überhaupt, dann im minimalistischen Design eines iPhone 14 Max Pro für 2000 Euro wiederfindet, der Fünf-Sterne-Luxus-Detox-Kur, dem Käsehobel im Gegenwert von zwei Monaten Bürgergeld. Oder dem Goldmund Reference II, einem mit flüssigem Stickstoff gekühlten Schallplattenspieler, der weit über 200.000 Euro kostet und, der Einfachheit halber, keinen einzigen Song streamen kann.

Ich kaufe, also bin ich – kann das stimmen?

Ein Problem des Verzichtsdings ist, dass sich in den stilprägenden Teilen unserer neo-liberalen Gesellschaft die Überzeugung festgesetzt hat, dass sich Persönlichkeit und Status durch den sichtbaren Teil des Lebensstandards definieren. Durch Konsum und das Ausleben aller als Selbstverständlichkeit vorausgesetzten Freiheiten, an denen weder staatliche Autoritäten noch irgendwelche zu erwartenden Kalamitäten zu kratzen haben. Wirtschaft = Wachstum, Verzicht und Verbot = sonst nichts als Einschränkung, das sind die Formeln, auf die alles heruntergebrochen werden kann.

„I shop therefore I am“, ich kaufe ein, also bin, ließ die US-Künstlerin Barbara Kruger schon 1987 auf Einkaufstaschen und Plakate drucken. Eine Anlehnung an den weltberühmten Satz des rationalistischen Philosophen René Descartes (1596 bis 1650): „Ich denke, also bin ich.“ Ähnlich wie Kruger beschreibt auch der einflussreiche Soziologe Andreas Reckwitz die in der Gegenwart herrschenden Daseinsverhältnisse.

Kapitalismus ist „innerweltliche Askese“

Demnach „kuratiert“ der Einzelne seine Konsumentscheidungen und -güter allein im Hinblick auf einen Selbstentwurf, der ihn und sie von anderen abhebt. Reckwitz, 1970 geboren, hat mit Werken wie „Die Gesellschaft der Singularitäten“ eine der wichtigen Theorien zum Strukturwandel der Moderne vorgelegt. Während bei ihm Verzicht – auf Böller an Silvester etwa – im Wesentlichen als öffentlichkeitswirksamer Gestus vorkommt, beschrieb sein berühmter Vorgänger Max Weber (1864 bis 1920) den „Geist des Kapitalismus“ als „innerweltliche Askese“.

Glaube, schrieb Weber, bewähre sich in „rastloser Berufsarbeit“, Gelderwerb sei Lebenszweck, das „sittlich wirklich Verwerfliche“ aber der „Genuss des Reichtums mit seiner Konsequenz von Müßiggang und Fleischeslust“. Wie bei ihm waren auch beim Kapitalismusvordenker Adam Smith (1723 bis 1790) Affektkontrolle und Verzicht Grundpfeiler der kapitalistischen Gesellschaft. Geld sollte verdient werden, nicht um es auszugeben, sondern um es in Unternehmen zu investieren. So diene Verzicht nicht nur dem Haushalt der eigenen ethischen Gefühle, sondern der Gesellschaft im Gesamten. Mental müssten wir angesichts der Krisengegenwart da irgendwie wieder hin.

Im Neoliberalismus der Gegenwart indes ist Individual-Konsum die Voraussetzung des Wohlstands für alle, der Freiheit und der Demokratie. Blöd nur, dass dieser Zusammenhang – Stichwort Klimakatastrophe – die Zukunft bedroht. Oder um mit dem französischen Philosophen Pierre Charbonnier zu sagen: „Die Allianz von Überfluss und Freiheit“, die das Verhältnis von Mensch und Natur in der Moderne bestimmt habe, sei „in eine Sackgasse geraten“. Heißt, dass wir da wieder rauskommen, ist existenziell. Heißt auch, dass der Begriff Freiheit wieder anders definiert werden müsste.

Das bessere Ich und das gute Tempo 200

Der US-Rechtsphilosoph Ronald Dworking (1931 bis 2013) hielt in diesem Zusammenhang die „ethische Unabhängigkeit“ aller einzelnen für maßgeblich, selbst zu bestimmen, was „ein gutes Leben“ ist. Allerdings dürfe der Staat auch entscheiden, was wir im Hinblick auf andere dürfen und was nicht. Von „substanzieller Freiheit“, die in einem selbst läge, spricht derweil der Ökonomie-Nobelpreisträger Amartya Sen. Die Fähigkeit zum Verzicht ist in dieser Denkwelt Selbstverwirklichungschance und Möglichkeit, um sich zu entfalten. Ein gutes Leben definiert sich dadurch, als Mensch im so weit wie möglichen Einklang mit der Natur und den anderen zu sein. Tempo 200 auf der Autobahn bringt einen in dem Sinn nicht wirklich voran. Besser wär’s, der Umwelt zuliebe den Zug zu nehmen, auch wenn er mutmaßlich nicht fahrplanmäßig ankommt. Ein Ehrenamt zu bekleiden, statt sich dem Studium von eBay zu widmen, wenngleich das nicht nur persönliche Vorteile bringt. Im größeren Rahmen wäre statt Wachstum gesundes Schrumpfen eine Option. Statt Effizienz Suffizienz, das heißt sparsam mit dem umzugehen, was man hat. Leicht lässt sich bei dem Thema in einen Predigtton verfallen. Vielleicht genügt es allerdings auch, die „Kursbuch“-Frage vom Anfang nur anders zu stellen. Nicht darum, auf was man auf gar keinen Fall verzichten möchte, geht es dann, sondern darum, wer man unbedingt sein möchte.

Lesezeichen

  • „Kursbuch“ 212: „Jetzt wird’s knapp“; Kursbuch Kulturstiftung Hamburg, 16 Euro.
  • Zeitschrift „Hohe Luft“ 6/22 mit dem Schwerpunkt „Wie viel ist genug“,9,90 Euro.
  • Philipp Lepenies: „Verbot und Verzicht. Politik aus dem Geiste des Unterlassens“; Suhrkamp, Berlin, 270 Seiten, 18 Euro.
x