Roman
„Das Leben vor uns“ von Kristina Gorcheva-Newberry
„Das Leben vor uns“ ist – nach vielen Erzählungen und Kurzgeschichten – Kristina Gorcheva-Newberrys erster Roman. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie am Stadtrand von Moskau, studierte Linguistik, war Lehrerin und Dolmetscherin und emigrierte noch vor dem Fall des Eisernen Vorhangs aus der Sowjetunion. Mittlerweile ist die Frau mit russisch-armenischen Wurzeln Creative Writing-Professorin an einer US-amerikanischen Universität und staunt – längst auf Englisch schreibend – über den fulminanten Erfolg ihres Debüts.
Dass der Roman autobiografische Züge trägt, hat Gorcheva-Newberry in zahlreichen Interviews eingeräumt, man merkt es auch: Er ist mit Herzblut geschrieben. Im Zentrum steht die Freundschaft der beiden Klassenkameradinnen Anja, der Ich-Erzählerin, und Milka. Intellektuell sehen sie sich zwar durchaus als ebenbürtig, in ihrem Aussehen und ihrer Wirkung auf die irgendwann in die Handlung einbrechenden Jungs sind sie jedoch sehr unterschiedlich.
Sommer in der Datscha
Noch interessieren sie sich mehr für Literatur und Pop-Musik als für potenzielle Anbeter, im Sommer verbringen sie ihre Tage in der Datscha der fast blinden Großmutter, die in Leningrad lebte, als die Wehrmacht die Stadt aushungerte, wovon sie den atemlos lauschenden Mädchen immer wieder erzählt.
Die sich ans Grundstück anschließende kleine Apfelplantage hält die Familie auf Trab. Man kocht ein, macht Marmelade, tauscht und handelt mit den mehr oder weniger lupenrein sozialistischen Nachbarn, die abends zum Grillen kommen. Während Anjas Eltern als Raumfahrt-Ingenieure zur Elite gehören und sich permanent und in aller Öffentlichkeit über die Zukunft ihres sterbenden Staates streiten und versöhnen, wächst Milka bei ihrer Mutter und dem Stiefvater auf, der sie über Jahre missbraucht. Ohne die Zuwendung ihrer Freundin und deren Eltern würde sie wohl emotional verhungern.
Perestroika und Glasnost
Es sind die 1980er-Jahre, wir hören von der im Fernsehen übertragenen Beerdigung Breschnews, wir lernen die Vorgänger Michail Gorbatschows kennen: Konstantin Tschernenko und Juri Andropow, alte Geheimdienstler, die bereits Putin im Schlepptau haben, im Roman jedoch als Reformkommunisten bezeichnet werden. Sowie ihn selbst, Gorbatschow, den großen Verwandler mit seinen Maximen Perestroika und Glasnost, der in der Sowjetunion – aufgrund der klaffenden Abgründe, die sich in seinen Regierungsjahren auftun – weniger geschätzt wird als im Westen, wo man ihm schnell messianische Züge verleiht.
Dramatisch wird es, als Lopatin und Trifonow auftauchen, zwei junge Männer, die einander belauern und sich nicht sicher sind, welche der beiden Freundinnen sie anbaggern sollen. Es kommt, wie es kommen muss: Alexei Lopatin interessiert sich für Anja, muss aber letztlich mit Milka „Vorlieb nehmen“. Er ist ein Clown und Gauner, schon als Jugendlicher groß und mächtig von Gestalt, ein unsicherer Kantonist, was seine Weltanschauung betrifft, gleichwohl so sehr auf der Suche nach Anerkennung und Liebe, dass man ihm in seiner Zerrissenheit schwer widerstehen kann.
Der Überflieger
Wobei es einem mit dem zweiten jungen Romanhelden nicht anders ergeht. Petja Trifonow, aus einer Intellektuellen-Familie stammend und mathematischer Überflieger, geht mit Anja eine Beziehung ein. Schwer asthmakrank, ist er ein Träumer und ein Seher zugleich, einer, der an den schrecklichen Verhältnissen leidet, aber nicht aufgeben will.
Es sind mitreißende, oftmals nur als Dialog gestaltete Szenen, die sich zwischen den vier jungen Menschen abspielen. Laut und heftig werdend bei der Diskussion über die zerrütteten Zustände, leise und poetisch jedoch bei den Zusammenkünften im Obstgarten unter den Apfelbäumen.
Der Bär
Lopatin, der Bär, ist übrigens einer derjenigen Spekulanten, die Anja 20 Jahre später, während ihrer kurzfristigen Rückkehr nach Moskau, bei einer Versammlung der Datschenbesitzer nicht nur ihre Grundstücke, sondern auch ihre Obstgärten abschwatzen will. Spätestens jetzt allerdings muss man über Anton Tschechows Drama „Der Kirschgarten“ reden, obzwar Gorcheva-Newberrys unterhaltsamer, an Wendungen reicher Roman auch ohne literarische Vorkenntnisse gelesen werden kann.
Wie in Tschechows genialem Stück jedoch, in dem es um den Verkauf eines Grundstücks mit Kirschgarten geht, auf dem das aufstrebende Bürgertum sich Ferienhäuser errichten will, während der Adel sich zwangsläufig zurückzieht, beschreibt auch die amerikanisch-russische Autorin Wandel und Verlust, Resignation und Aufbegehren, stilles Leiden und Aufbruch in die Welt.
Der Obstgarten
Vielleicht wäre es deshalb angebracht gewesen, dem von Claudia Wenner mit der jeweils adäquaten Leichtigkeit und Schwere übersetzten Roman, der in der amerikanischen Fassung „The Orchard“ (auf Deutsch: der Obstgarten) heißt, einen analogen Titel zu geben. Einerseits. Wenn man an die unübersehbare Menge mit „Der Obstgarten“ betitelten Bücher und Spiele denkt, die einem aus den Suchmaschinen entgegenspringen, dagegen eher nicht.
Dennoch: Es ist nicht so, dass Kristina Gorcheva-Newberry ihren Bezug auf Tschechow leugnen wollte. Im Gegenteil. Sogar mit den Konsonanten in den Namen ihrer Protagonisten hat sie listig gespielt. Anja Ranewa, die Ich-Erzählerin, heißt fast wie Anja Ranjewa, die Tochter von Tschechows Gutsbesitzer. Trifonow aus dem Roman ähnelt dem ewigen Studenten Trofimov im Stück. Und Lopatin – Milkas Geliebter – wird bei Tschechow Lopachin gerufen. Lopatin ist jedoch nicht ganz so skrupellos wie Tschechows Vorbild. Was eine Erleichterung ist, da er einem als ewig durchs „Bild“ laufender Tollpatsch ans Herz gewachsen ist.
Lesezeichen
Kristina Gorcheva-Newberry: „Das Leben vor uns“; aus dem Amerikanischen von Claudia Wenner; C.H. Beck Verlag; 369 Seiten; 25 Euro.