Weltkunst
Das große Missverständnis: „Skandal“ Documenta
Was war das jetzt? Fazit eins: „Alles zusammen“ sei bei der Documenta fifteen eine „antizionistische, antisemitische und israelfeindliche Stimmung“ aufgekommen, schreibt ein extra eingesetzter Expertenrat. Einen „intellektuellen Feueralarm“ nannte die „Süddeutsche Zeitung“ das Resümee. Fazit zwei findet sich in einem Offenen Brief von Künstlerinnen und Künstlern und des Kuratorenteams Ruangrupa: „Wir sind wütend, wir sind traurig, wir sind vereint.“ Man fühle sich von den Kritikern rassistisch behandelt und als Opfer einer ur-deutschen Problemlage. Der Widerstand gegen den Staat Israel sei „Widerstand gegen Siedlerkolonialismus, der Apartheid, ethnische Säuberungen und Besatzung als Formen der Unterdrückung praktiziert“.
Was noch? Weltkunststar Hito Steyerl, einer der sehr wenigen bekannten Namen der Großschau mit über 1500 teilnehmenden Künstlerinnen und Künstlern, zog ihr Werk zurück. Grund: „Weil keine Auseinandersetzung über den Antisemitismus auf der Kunstausstellung“ stattfand. Sie habe sich gefühlt, als müsse sie sich entscheiden, „ob ich für oder gegen Rassismus oder gegen Antisemitismus bin“. Der britische Künstler Hamja Ashan nannte Bundeskanzler Scholz auf Facebook „faschistisches Schwein Olaf“. Seine Werke durften bleiben. Olaf Scholz selbst sagte sein Kommen ab.
Überforderte Generaldirektorin
Dafür sah sich Bundespräsident Steinmeier veranlasst, schon in seiner Eröffnungsrede am 18. Juni in Kassel auf das unverhandelbare Existenzrecht Israels hinzuweisen. Zwei Tage später wurde ein Riesenbanner des indonesischen Kollektivs Taring Padi entrollt, auf dem Soldaten des israelischen Geheimdienstes Mossad Schweinemasken tragen und ein orthodoxer Jude Reißzähne bleckt. Vier Wochen später erst trat die von den eskalierenden Verwerfungen heillos überforderte Documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann von ihrem Amt zurück.
Die neue Kulturstaatsministerin Claudia Roth hielt sich eher bedeckt, fordert aber Reformen und – statt nur Geld zu geben – für die Zukunft mehr Einfluss auf die mit rund 40 Millionen Euro öffentlichem Geld vom Land Hessen und der Stadt Kassel veranstaltete Ausstellung. Sie stand kurz davor, abgebrochen zu werden. Medien gegen Ruangrupa, globaler Süden – die Herkunftsregion der Kuratoren – versus den globalen Norden, Geniekult gegen Aktivismus, Kunstfreiheit gegen Zensur, ja, vielleicht, oder striktes Nein zur Boykott-Bewegung gegen Israel, BDS, mit dem einige sympathisieren: Die Konfliktlinien verdichteten sich. Dazu die Weigerung von Ruangrupa, für alle und alles die Verantwortung zu übernehmen. Der Trotz. Die heftigen historischen palästinensischen Propagandafilme im Hübner-Areal etwa liefen trotz dringender gegenteiliger Aufforderung unkommentiert bis zum Schluss. Heißt, die Documenta fifteen lässt sich ohne Weiteres als Skandalchronologie schreiben.
Eine tief im Lokalen verwurzelte Großschau
Dabei ist an 32 über ganz Kassel verteilten Standorten Kunst zu sehen gewesen. Gemeinschaftsprojekte mit der Bevölkerung vor Ort liefen. Gute Laune herrschte, ist zu hören, auch. Ruangrupa hatte von Anfang an beste Absichten. Die Documenta war als eine tief im Lokalen verwurzelte Großschau mit dem Rücken zum Kunstbetrieb gedacht. Fast ohne Stars, stattdessen waren Kollektive berufen, die Kollektive beriefen von überall her. Kunst wurde als Schutzraum definiert, unterstützt, wurden bestehende Initiativen statt neue Werke. Das Prinzip „Lumbung“, Weltwissen wollte man teilen. Und um was es nicht alles ging: die Unterdrückung der laotischen Opposition, Zensur von Künstlern in Kuba, nachhaltige Landwirtschaft in Bangladesch und das Erbe von Kolonialismus und Sklaverei in Haiti. Der japanische Künstler Daizaburo Sakamoto ließ sich drei Tage in eine Erdhöhle eingraben, um der „Kreativität der Menschheit“ nachzuspüren. Dass das fast alles im öffentlichen Diskurs unterging, ist die große Tragik dieser Documenta.
Den allermeisten der Künstlerinnen und Künstler wurde im allgemeinen Getöse nicht zugehört. In der Fachwelt war das teilweise anders. 738.000 Menschen haben die Schau gesehen. Das britische Kunstmagazin „ArtReview“ wählte Ruangrupa vor kurzem auf Platz eins der einflussreichsten Persönlichkeiten der Kunstwelt. Ruangrupas Kraft, hieß es zur Begründung, habe darin bestanden, Strukturen aufzulösen. „Jetzt müssen alle anderen herausfinden, wie es weitergeht.“