Meinung
Das Gewohnheitstier: Neue Wege zu denken, ist mühsam
Dass der Verlust des Gewohnten für viele scheinbar ausschließlich schmerzhaft ist, belegt, dass sich das Gros der Menschheit seit der Antike nicht wirklich in seiner Reflexionsfähigkeit und in seinem Willen, das Leben aktiv – und folglich auch mühsam – zu gestalten, verändert hat. Der Mensch ist und bleibt ein Gewohnheitstier.
Der Mensch und die Herde
Was wird uns nicht alles genommen: kein Massenurlaub am Ölsardinenstrand mehr! Keine Kreuzfahrt in Hasenkasten-Kojen mit Ausblick auf Liegestuhl-Batterien und semi-aggressivem Kuschelfaktor am Büffet! Keine Billigflüge in überfüllte In-Cities! Keine Junggesell(inn)en-Abschiede mit Rudelkotzen am Ballermann! Nix da mit Verbrüderungsschunkeln in Bierzelten oder lager-gelenkten Fan-Kloppereien! Keine Zuckerwattenschnuten-Grabschereien im Volksfest-Getümmel. Der Mensch ist auch ein Herdentier.
Gewohnheitsrecht, von anderen gerettet zu werden
Dabei haben wir doch alle das Recht, uns mit was auch immer anzustecken, wenn es denn – ebenso wie das lautstarke Nachblöken kruder Verschwörungstheorien – als Beleg für unsere unangetasteten Bürgerrechte dient! (Schon klar, hierdurch oute ich mich als von der Regierung – oder vielleicht doch von Bill Gates? – gekaufte Lügenpresse-Journalistin!) Und wenn wir krank werden, haben wir ja auch das Recht, bestmöglich von Menschen versorgt und gerettet zu werden, die dabei ihre eigene Gesundheit aufs Spiel setzen. Wir sind gewohnt, dass unser Gesundheitssystem tadellos funktioniert. Und dass wir den Gedanken an die eigene Verletzlichkeit und Endlichkeit ganz weit nach hinten drängen, weil er sonst den Tag trüben könnte und den Spaß an all den möglichen leicht konsumierbaren Vergnügungen verderben.
Mühsal und Gefahr der „frischen Wahl“
Das Lamentieren findet kein Ende. Gewohnheitsmäßig seit Generationen. Und zeugt allein davon, dass wir den Verlust von Gewohnheiten viel zu schnell als Argument zulassen. Entbindet es doch von der mühsamen Pflicht, sich eigene Gedanken zu machen. Wie formulierte Arthur Schopenhauer wenig schmeichelhaft, aber sehr treffend: „Die wirkliche Macht der Gewohnheit hingegen beruht eigentlich auf der Trägheit, welche dem Intellekt und dem Willen die Arbeit, Schwierigkeit, auch die Gefahr, einer frischen Wahl ersparen will.“
Gewohnheiten gelegentlich durch bessere ersetzen
Ja, es stimmt: Ohne Gewohnheiten könnten wir unseren sehr komplexen Alltag nicht bestehen. Wir können nicht jede Handlung immer wieder von vorne überdenken. Warum sollte man auch Dinge, die sich bewährt haben, über Bord werfen? Viele Routinen in Alltag und Beruf ermöglichen erst den Freiraum, auch Neues zu denken und zuzulassen. Und so haben Gewohnheiten durchaus auch ihre positiven Seiten. Etwa die Hälfte unseres Tages wird – so haben Psychologen ausgewertet – von ihnen bestimmt. Sich dessen bewusst zu werden, ist ein guter erster Schritt.
Corona hätte das Zeug gehabt, uns Anstoß zu geben, unser Leben, unseren Alltag neu zu denken, Gewohnheiten zu hinterfragen und gegebenenfalls durch bessere zu ersetzen. Aber das ist zu unbequem für das Menschentier.