Oper RHEINPFALZ Plus Artikel Das Denkmal hat Kratzer abbekommen: Der Tenor Plácido Domingo wird 80 Jahre alt

Mehrere Frauen haben Domingo sexuelle Übergriffe vorgeworfen.
Mehrere Frauen haben Domingo sexuelle Übergriffe vorgeworfen.

Er ist, trotz Luciano Pavarotti, trotz José Carreras, mit denen zusammen er ein äußerst populäres Trio bildete, der Tenor schlechthin – zumindest der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Plácido Domingo, vor 80 Jahren in Madrid geboren, ist eine Jahrhundertstimme. Eigentlich gibt es nur Gründe, sich zu diesem Anlass vor dem Künstler Domingo zu verneigen. Aber es gibt eben auch den Menschen, den Mann Plácido Domingo. Und der sah sich in der jüngeren Vergangenheit immer wieder mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert.

Geboren ist Plácido Domingo in Madrid. Die Familie ist durch und durch musikalisch. Zarzuela, jene spanische Spielart des Musiktheaters, die am ehesten mit unserer Operette vergleichbar ist, heißt das Zauberwort. Vater und Mutter treten singend in diesen revueartigen Bühnenwerken auf, machen sich ab 1949 in Mexiko City als Zarzuela-Unternehmer selbstständig. Domingo studiert in der mexikanischen Metropole, singt mit 20 in Monterrey seine erste Hauptrolle: den Alfredo Germont in Verdis „La Traviata“. Sein erstes Europa-Engagement führt ihn nach Hamburg, Deutsch hat er allerdings nie gelernt.

Er hat an allen wichtigen Opernhäusern dieser Welt gesungen, dies zusammen mit allen großen Sopranistinnen unserer Zeit, begleitet von allen großen Orchestern und all dies unter der Leitung von allen bedeutenden Dirigenten der vergangenen 50 Jahre. Aus dem Triumvirat der mit der Fußball-WM 1990 in Italien weltberühmt gewordenen „Drei Tenöre“, bestehend aus Domingo, Pavarotti und Carreras, hat er die außergewöhnlichste Karriere gemacht. Und er steht ja noch immer auf der Bühne, mittlerweile wieder als Bariton, während sein Debüt als Dirigent bei den Bayreuther Festspielen, nun ja, vorsichtig ausgedrückt durchwachsen war. Manche sagen auch: Das Orchester hat ihn gerettet.

Bei Wagner stieß Domingo an Grenzen

Eine Stimme wie die Domingos war natürlich geschaffen vor allem für das italienisch-französische Repertoire, für die großen Verdipartien, für die Tenorrollen bei Gounod, Saint-Saëns. Dunkel timbriert, verströmte sie trotz aller strahlender Höhensicherheit Wärme, wirkte nie kalt, metallisch-abweisend, schimmerte in den unterschiedlichsten Farben. Domingo selbst sah in sich immer den lirico spinto, also einen Tenor, der sowohl die lyrischen Partien als auch die dramatischen singen kann. Bei Wagner, seiner späten Liebe, stieß er zwangsläufig an seine Grenzen. Er hat die Partien des Bayreuther Meisters wunderbar gesungen. Aber man verstand eben so gut wie kein Wort. Auf dem Grünen Hügel wurde er dennoch frenetisch gefeiert.

Eigentlich ein mehr als gelungenes Künstlerleben. Wären da nicht die vielen Vorwürfe, die im Zuge der MeToo-Debatte über ihn einbrachen. Es geht dabei um Berührungen im Nebenbei, um von der Regie nicht vorgesehene Küsse auf den Mund, um Begrapschen und um nächtliche Anrufe. Domingo, der konsequent behauptete, er sei unschuldig, trat jedenfalls 2019 als Chef der Oper in Los Angeles zurück, was man durchaus auch als Schuldeingeständnis deuten könnte. Später entschuldigte er sich dann auch für sein Verhalten. Eine von der Oper selbst in Auftrag gegebene Untersuchung kam denn auch zu dem Ergebnis, dass manche Vorwürfe glaubwürdig seien.

Rückkehr auf die Bühne?

Auch die Mezzosopranistin Brigitte Fassbaender bestätigte die Anschuldigungen in ihrer 2019 unter dem Titel „Komm’ aus dem Staunen nicht heraus“ erschienenen Autobiografie: Gegen die „Kussszene“ in Massenets „Werther“ in München, die er „jedes Mal triumphierend ausnutzte“, habe sie sich „nicht wehren können“.

Domingo strebt nun wieder zurück auf die Bühne, nachdem er im vergangenen Jahr schwer an Corona erkrankt war. Das Denkmal des ewigen Strahlemanns der Oper hat mehr als einige Kratzer abbekommen. Den eingefleischten Domingo-Fans weltweit wird dies egal sein. Sie sind dankbar, für jede Minute, die er noch auf der Bühne zu erleben sein wird.

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