Salman Rushdie RHEINPFALZ Plus Artikel Das alte Todesurteil und seine weit reichenden Folgen

Als Verteidiger der Aufklärung in Lebensgefahr: Salman Rushdie.
Als Verteidiger der Aufklärung in Lebensgefahr: Salman Rushdie.

Seit 33 Jahren gibt es die Fatwa, das Todesurteil, gegen den britischen Autor Salman Rushdie, weil er mit seinem Roman „Die Satanischen Verse“ den Propheten beleidigt haben soll. Der erste große Fall des islamistischen Extremismus mit weitreichenden Folgen für die Gedanken der Aufklärung. Was sich seither verändert hat und für die westliche Welt auf dem Spiel steht.

Bayswater, Moscow Road, die Griechisch-Orthodoxe Kirche am 14. Februar 1989, ein kalter, sonniger Valentinstag: Die literarische Szene Londons versammelt sich zu einem Gedenkgottesdienst für den Autor Bruce Chatwin, der vier Wochen zuvor verstorben war. Geflüster auf den Kirchenbänken, eine Nachricht macht die Runde: Der iranische Revolutionsführer Ayatollah Khomeini hatte am Morgen eine Fatwa, ein Todesurteil gegen den Schriftsteller Salman Rushdie ausgesprochen, weil der mit seinem Roman „Die Satanischen Verse“ den Propheten Mohammed beleidigt haben soll. Ein schlechter Witz: Das war die einhellige Meinung der Gottesdienstgäste. Einem schlechten Witz antwortet man am besten mit einem noch schlechteren, dachte sich Paul Theroux. Der Schriftsteller rief seinem Kollegen Rushdie zu: „Nächste Woche versammeln wir uns hier für dich!“

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Salman Rushdie

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Wie falsch er lag! Die Fatwa war tödlich ernst zu nehmen. Noch am selben Abend taucht Rushdie mit seiner Familie in den Untergrund ab. Die britische Regierung stellt ihm ein Bodyguard-Team zur Seite. In den ersten Monaten ziehen die Rushdies 56 Mal um, alle drei Tage an einen anderen Ort. Auf seinen Kopf wird ein Preis ausgesetzt, der kontinuierlich angehoben wird, schließlich werden über drei Millionen Dollar dem versprochen, der den Dichter ins Jenseits befördert.

Leben im Untergrund

Zehn Jahre lang musste sich Rushdie verstecken, bis im Herbst 1998 die iranische Regierung versprach, die Fatwa nicht mehr von Staats wegen verfolgen zu wollen. Seitdem wagt sich der Autor wieder in die Öffentlichkeit. In Kraft aber bleibt die Fatwa immer noch, weil, wie iranische Hardliner nicht müde werden zu wiederholen, dass nur derjenige sie zurücknehmen kann, der sie aussprach. Zu dumm, dass Ayatollah Khomeini schon im Juni 1989 dahinschied.

Nun wurde Rushdie während einer Lesung im Staat New York angegriffen und schwer verletzt. Er ringt um sein Leben. Und immer mehr wird klar, dass sein Attentäter Hadi Matar von der Fatwa motiviert war. Sie hat schon viele Todesopfer gefordert: Der japanische Übersetzer Hitoshi Igarashi wurde erstochen. Ein Brandanschlag auf Aziz Nesin, dem der türkische Übersetzer selbst entkam, forderte 37 unbeteiligte Menschenleben. Schlimmer noch als Rachedurst und Blutzoll sind die kulturellen und politischen Auswirkungen, denn sie werden die Zukunft auf lange Zeit bestimmen.

Die Rushdie-Affäre war der erste große Fall des extremistischen Islamismus und hat zu einer Radikalisierung und Solidarisierung von Muslimen weltweit geführt. Sie hat einen Kulturkampf entfacht, der nicht nur zu einer fundamentalistischen Orientierung in der islamischen Welt beitrug, sondern auch zu einer Gegenreaktion im Westen, einem verstärkten gesellschaftlichen Einfluss der Religionen etwa, oder einem Hinterfragen von Grundwerten der Aufklärung. Obwohl die Fatwa den Autor Rushdie – bisher – nicht umbringen konnte, hat sie doch der Selbstzensur im Westen Vorschub geleistet: Heute gibt es einen weit verbreiteten vorauseilenden Gehorsam, bis hin zur Bereitschaft zur Unterwerfung gegenüber religiösen Empfindlichkeiten.

Khomenis politisches Kalkül

Wie konnte ein Buch so etwas auslösen? „Die Satanischen Verse“ sind ein kompliziert gebauter Roman, in dem man die angeblich beleidigenden Passagen suchen muss: Der Prophet hat den Schimpfnamen „Mahound“, und seine zwölf Ehefrauen werden entehrt, weil auch die Huren eines Bordells ihre Namen tragen. Das ist nicht viel, aber es war genug für den Ayatollah. Khomeini hatte weniger theologische als politische Gründe, zumal er erst spät aufs Trittbrett sprang.

Im September 1988 erschien das Buch, im Dezember brannten die ersten Ausgaben auf britischen Straßen. Die zündelnden Muslime in Bradford, von denen die wenigsten den Roman gelesen hatten, sorgten für das ikonische Bild der Bücherverbrennung. Der Protest wurde in Großbritannien von saudi-arabischen Institutionen des sunnitischen Wahhabismus vorangetrieben. Daher wollte Khomeini mit seiner Fatwa die Initiative an sich reißen: Die islamische Revolution sollte unter schiitischem und iranischen Banner vorangetrieben werden.

Eingeschränkte Redefreiheit

Und welchen Erfolg er hatte! In Großbritannien und anderen westlichen Ländern nahm die muslimische Jugend Zuflucht zur Tiefgläubigkeit. Die Rushdie-Affäre, meint der indischstämmige Brite Kenan Malik, war „der Moment, in dem sich ein neuer Islam dramatisch als eine neue politische Kraft erklärte“. Als wahrer Muslim galt, wer Rushdie den Tod wünschte. „Die ,Satanischen Verse’“, zog 20 Jahre danach Inayat Bunglawala vom „Muslim Council of Britain“ freudig Bilanz, „brachte die Muslime in Großbritannien zusammen und half ihnen, eine britische muslimische Identität zu entwickeln“. Und mehr noch, so darf man hinzufügen. Es brachte sie dem Konzept der „Umma“ nahe, jener Auffassung, dass die weltweite Gemeinschaft aller Muslime nationale und rechtsstaatliche Grenzen transzendiert. Die britischen Selbstmordbomber vom 7. Juli 2007 (die Polizei konnte damals Terroranschläge mit Autobomben in London verhindern) waren in diesem Geist erzogen.

Zum Erbe der Rushdie-Affäre gehört: Das universalistische Ethos der Aufklärung ist auf dem Rückzug, Identitätspolitik dagegen auf dem Vormarsch. Das Argument, dass es moralisch falsch sei, Konfessionen oder Kulturen zu beleidigen, verbreitet sich immer stärker. Der Soziologe Tariq Modood etwa sieht heute für die moderne Gesellschaft keine Alternative zum „Respekt“. Das bedeute eine Einschränkung der Redefreiheit: „Wenn die Menschen den gleichen politischen Raum ohne Konflikt einnehmen wollen, dann müssen sie jeweils begrenzen, inwieweit sie die gegenseitigen fundamentalen Glaubenssätze der Kritik aussetzen.“ So sähe dann der Handel aus: Die Kritik an Ewigem, Göttlichem, Heiligem wird eingeschränkt um des sozialen Friedens willen. Vielleicht ist das wirklich eine notwendige Konsequenz für multikulturelle Gesellschaften. Aber darf eine Zivilgesellschaft Denk- und Sprechverbote zulassen? Das steht beim Fall Rushdie auf dem Spiel – die Freiheit des Wortes und vor allem: das Recht auf geistige Unabhängigkeit.

Es ist eine der wichtigsten Errungenschaften der Aufklärung: die Emanzipation des Individuums gegenüber allein seligmachenden Doktrinen, seien sie religiös, metaphysisch oder politisch. Es ist ein Grundwert der westlichen Welt. Weil eine absolute Wahrheit nicht definiert werden kann, müssen viele verschiedene – und widerstreitende – Wahrheiten zugelassen werden. Das ist der fundamentale Unterschied zwischen der Moderne und dem Fundamentalismus.

Vom Reichtum des Lebens

Der Fall Rushdie eignet sich besser als die Mohammed-Karikaturen oder andere Anlässe, die die islamische Welt empörten, an diesem Grundwert festzuhalten. Denn Salman Rushdie hat in seinem Werk stets die Aufklärung verteidigt. Seine Auffassung, dass nur in der Mischung und in der ständigen Kreuzung – sei es von Rassen, Überzeugungen oder sozialen Klassen – der Reichtum des Lebens sich entfalten und sich erhalten kann, könnte als Blaupause für ein Zusammenleben in einer globalisierten Welt dienen. Er hat sich als Künstler für den Eklektizismus und für das Prinzip des „Nicht-Reinen“ entschieden, weil der Kampf für die „eine Wahrheit“ zu Fanatismus und Ideologie führt. Oder wie es der Publizist Thierry Chervel ausdrückte: „Nicht allein Aufklärung, Blasphemie ist der Ausgang des Menschengeschlechts aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.“ Und 33 Jahre nach der Fatwa und dem jüngsten Anschlag auf Rushdie ist dieser Kampf für den Vorrang der Vernunft aktueller denn je.

 

Zur Person: Salman Rushdie

Der britisch-indische Schriftsteller Salman Rushdie gehört zu den wichtigsten zeitgenössischen Literaten. Geboren wurde er am 19. Juni 1947 in Bombay (Indien). Er studierte Geschichte in Cambridge und arbeitete zeitweise als Journalist und Werbetexter sowie am Theater. Sein Erstlingswerk „Grimus“ (1975) war noch wenig erfolgreich. 1981 gelang ihm mit „Mitternachtskinder“ der internationale Durchbruch. Er wurde dafür mit dem Booker-Preis (1981) ausgezeichnet.

1988 erschien sein Roman „Die satanischen Verse“. In den Alpträumen eines der Protagonisten spiegelt sich das Leben des Propheten Mohammed. Das teils satirische Buch war Grund für die Fatwa des iranischen Staatschefs Ayatollah Khomeini am 14. Februar 1989.

Salman Rushdie musste sich an wechselnden Wohnorten im Versteck leben. Das Buch fand indes weltweit Verbreitung. Trotz Fatwa kam Rushdie später wieder ohne Leibwächter aus.

Rushdie macht immer wieder auf Gefahren aufmerksam, die von religiösem Fundamentalismus ausgehen, und tritt für Meinungsfreiheit ein. Queen Elisabeth II. erhob ihn 2007 in den Ritterstand. Heute lebt Rushdie vor allem in New York. epd

 

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