Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Daheim im Dazwischen: Zum 150. Geburtstag der deutsch-französischen Dichterin Annette Kolb

Besonderes Kennzeichen, ihr Hut: Annette Kolb, die „Dichterin zwischen den Völkern“.
Besonderes Kennzeichen, ihr Hut: Annette Kolb, die »Dichterin zwischen den Völkern«. Foto: IMago-Images/ Michel Neumeister

„Ich sehe nicht ein, warum ich nicht in 100 Jahren Recht haben soll.“

Annette Kolb 1906

Sie war mutig, sie war klug und weitsichtig, sie war ebenso fein- wie eigensinnig, manche nannten sie auch kapriziös. Die nur scheinbare Leichtigkeit, mit der sie auf das Leben sah, wurde nicht von allen so verstanden. Sie war keine Diplomatin, sondern sagte - und schrieb – was sie dachte. Was sie nicht nur ein- sondern gleich dreimal ins Exil trieb. Sie war einzigartig, eine kleine, zierliche, nicht einmal besonders schöne – aber großartige, eine große Frau: die Schriftstellerin Annette Kolb. Fast 50 ihrer 97 Lebensjahre waren geprägt von der Feindschaft der Herkunftsländer ihrer Eltern, und deswegen sollte ihr Name wesentlich öfter zu hören sein, wenn es um Deutschland, Frankreich und den Frieden in Europa geht.

Drei Mal Flucht ins Exil

Ihre Bücher allerdings sind vom aktuellen Buchmarkt verschwunden, und dass Percy Adlon ihren 1934 erschienenen autobiografischen Roman „Die Schaukel“ erfolgreich verfilmte, ist nun auch schon 37 Jahre her. Jede Literatur hat ihre Zeit, und Annette Kolbs Art zu schreiben war bereits in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gewiss nicht mehr ganz zeitgemäß. Wie auch, die Erstveröffentlichung der am 3. Februar 1870 geborenen Anna Mathilde Kolb stammt noch aus dem 19. Jahrhundert. Aber ähnliches lässt sich wohl auch über den Stil von Thomas Mann sagen, den von Alfred Döblin oder von René Schickele. Mit Thomas Manns Frau Katja, geborene Pringsheim, war Annette Kolb befreundet, mit dem Literaturnobelpreisträger blieb das Verhältnis eher ambivalent; Alfred Döblin besuchte sie, als sie 1945 aus ihrem „dritten Exil“ New York in ihr zweites, nach Paris, zurückkehrte; mit dem Elsässer René Schickele – „der einzige Landsmann, den ich je hatte“ – und seiner Frau jedoch verband sie eine tiefe Freundschaft: auch er ein Schriftsteller deutscher Sprache, auch er Kind „zweier Vaterländer“, Sohn einer französischen Mutter und eines elsässischen – bis 1914 deutschen - Vaters.

Königlich-bayerische Wurzeln

„Menschen wie ich sollten nicht totgeschwiegen, sondern konsultiert werden“, lässt Annette Kolb die Protagonistin in einer ihrer Erzählungen sagen, die zwischen 1904 und 1905 entstand – als Europa während der Marokko-Krise schon einmal am Rande eines Krieges stand. Kolbs Hauptgegner damals: das preußisch regierte Kaiserreich, entstanden nach dem Deutsch-Französischen Krieg, der im Jahr ihrer Geburt 1870 auch das Königreich Bayern mit hineinriss in den Strudel der Nationalismen, der Europa im folgenden Jahrhundert vergiften sollte. Kolb, die Deutsch-Französin, war durchaus so etwas wie eine bayerische Patriotin, Bürgerin eines vielleicht auch nur in ihrer Vorstellung existierenden friedlichen Kulturstaats, die – zwischenzeitlich glühende Pazifistin, Sympathisantin des ermordeten Anführers der Münchner Räterepublik Kurt Eisner, Verteidigerin der Weimarer Demokratie und später Gefolgsfrau des CDU-Kanzlers Konrad Adenauer - lebenslang ihre Verehrung für das Haus Wittelsbach bewahrte.

Das hat mit der geheimnisumwitterten Herkunft ihres Vaters zu tun: Der Gartenarchitekt Max Kolb (1829-1915) und spätere Leiter des Botanischen Gartens in München soll ein unehelicher Sohn des bayerischen Königs Maximilian II. gewesen sein. Das bayerische Königshaus jedenfalls finanzierte die Ausbildung des jungen Manns, der 1853 in Paris zum leitenden Gärtner der Stadt aufstieg und dort seine Frau, die Pianistin Sophie Danvin, kennenlernte. Zurück in München verkehrten in Sophie Kolbs Salon Berühmtheiten wie Franz Liszt und seine Tochter Cosima Wagner. Tochter Annette, ebenfalls eine begabte Pianistin, verehrte jedoch nicht nur den Bayreuther Meister, sondern mindestens ebenso Mozart und Schubert wie Debussy, Ravel und Gabriel Fauré.

Mit ihrer unverblümt geäußerten pazifistischen Haltung wurde sie nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs als Landesverräterin gebrandmarkt und floh unter abenteuerlichen Umständen ins Exil in die Schweiz. Zurückgekehrt wurde sie im Schwarzwald-Kurort Badenweiler mit Blick auf die Vogesen Nachbarin des Ehepaars Schickele, schrieb eine Biografie des französischen Friedenspolitikers Aristide Briands und ahnte schon früh das kommende Unheil, als sie erstmals im Radio die Stimme Adolf Hitlers hörte: „Diese hündische Wut … Ich wusste, das war Krieg“.

Schon 1934 zog es die in Nazi-Deutschland rasch in Ungnade gefallene Autorin in ihre „Mutterstadt“ Paris. 1936 wurde sie französische Staatsbürgerin, was sie nicht vor Verfolgung nach der Niederlage gegen die Deutschen schützte. Buchstäblich in letzter Sekunde gelang ihr die Flucht nach New York, wo sie viele weitere deutsche Emigranten traf.

Einmal noch nach Israel

Mehr schlecht als recht schlug sich die lebenslang von Geldnöten geplagte und recht zerstreute mittlerweile über 70-Jährige dort durch – bevor sie nach 1945 zur mit Preisen und Auszeichnungen Symbolfigur der deutsch-französischen Aussöhnung wurde. Fast jedenfalls, denn unverblümt wie es ihre Art war, erklärte sie den Deutschen auch, dass sie keineswegs alle Opfer waren, sondern hätten wissen können … Aber da ging sie schon als kauzige alte Dame aus einer fernen Vergangenheit durch.

Ein Lebenstraum der gläubigen Katholikin erfüllte sich im Frühjahr 1967, als sie erstmals nach Israel reisen konnte. Da war sie 97 geworden, am 3. Dezember desselben Jahres starb sie, in München, ihrer Vaterstadt, ist sie begraben, auf dem Bogenhausener Friedhof, neben Wilhelm Hausenstein (1882-1957), dem Freund seit 1903. Noch so ein fast vergessener der deutsch-französischen Aussöhnung, Kunstschriftsteller, Kulturhistoriker und nach dem Zweiten Weltkrieg erster deutscher Botschafter in Paris. Hausensteins Frau Margot war Mitbegründerin der Deutsch-Französischen Gesellschaft, beider 1922 geborene Tochter Marie-Renée war das Patenkind des nie verheirateten Fräulein Kolb.

Lesezeichen

Lesenswert neben einen Blick in die Werke der Autorin selbst ist die als Piper-Taschenbuch erschienene Biografie von Armin Strohmeyr: „Annette Kolb. Dichterin zwischen den Völkern“; 354 Seiten; 12 Euro.

Das Grab der Dichterin auf dem Bogenhausener Friedhof in München.
Das Grab der Dichterin auf dem Bogenhausener Friedhof in München. Foto: Imago-im./Imagebroker/Bahnmüller
Goethe-Preis-Verleihung in Frankfurt 1955 mit Albert Schweitzer.
Goethe-Preis-Verleihung in Frankfurt 1955 mit Albert Schweitzer. .Foto: imago-images/Zuma/Keystone
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