Antisemitismus RHEINPFALZ Plus Artikel Dadaist im schiefen Licht: Der Hugo-Ball-Abend in Pirmasens

Gruppenbild mit Diskutantin: Susanne Urban, umringt von Johannes Heil, Magnus Brechtken, Helmuth Kiesel und (ganz rechts) Bernd
Gruppenbild mit Diskutantin: Susanne Urban, umringt von Johannes Heil, Magnus Brechtken, Helmuth Kiesel und (ganz rechts) Bernd Wacker. Ganz links Moderatorin Angela Gutzeit. Es fehlt der digital zugeschaltete Meron Mendel

Weltkunststar Hito Steyerl weigert sich, den Pirmasenser Hugo-Ball-Preis anzunehmen oder abzulehnen. Stattdessen hat ein Podiumsgespräch den Namensgeber jetzt als Antisemiten entlarvt. Und was nun? Am Ende eines hochkarätigen, zwiespältigen Abends.

Armer Hugo Ball. Arm? Sein Fall war – im Prinzip – vorab entschieden. Der gefeierte Dadaist, ein Antisemit, mehr oder weniger. Pirmasens, nun mal die Geburtsstadt der berühmten, wahrheitsseligen Moderneerfindergestalt, dagegen sonnt sich im selbstkritischen Glanz. Hell leuchtete die Festhalle in die Dunkelheit an diesem Montagabend.

Ganz gut besetzt war die „gute Stube“ der Südwestpfalz-Metropole, dankenswerterweise. Die Beinfreiheit an diesem Ort ist exorbitant. Oberbürgermeister Markus Zwick gab sich offen und redete eloquent. Hito Steyerl, ein Weltkunststar aus Deutschland und die Urheberin des Ganzen, war mit leichter Verspätung angereist. Mit ihrer Weigerung hat alles angefangen.

Denn die weltweit agierende Steyerl wollte den ihr zugesprochenen Pirmasenser Hugo-Ball-Preis weder annehmen noch eindeutig ablehnen. Stattdessen – dabei unterstützt von den Pirmasenser Stadtoberen und der Förderpreisträgerin Olivia Wenzel – lieber Balls prekäres Verhältnis zum Judentum diskutieren. Ihre „Ratlosigkeit externalisieren“, wie sie dem Reporter in einem Gespräch hinterher sagte. „Ganz übel“, fände sie so einiges, was Ball geschrieben hat, sagte sie und schaute ernst. „Hugo Ball – Antisemitismus gestern und heute“, lautete also der Titel des von ihr angestoßenen Podiumsgesprächs. Vielleicht das Hauptwort dieses hochkarätigen, ernsten, zwiespältigen Abends: „Perspektivdivergenz“.

Eingebracht von Susanne Urban, die das Projekt Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Hessen leitet. Die einzige Diskutantin unter Männern, lauter Professoren – fast. Sie meinte damit den notwendigen Blickwechsel darauf, „was es mit den im Land lebenden Juden macht“, wenn sie ständig mit antisemitischen Haltungen wie der von – zeitweise – Ball konfrontiert würden. Und demgegenüber die gängige, dysfunktionale Fokussierung auf das einschlägige Sprechen. „Perspektivdivergenz“, damit ist aber auch ganz gut die Expertisen-Unwucht des Podiums beschrieben.

Vier gegen zwei

Mit Susanne Urban waren vier der sechs Diskutierenden Antisemitismus-Experten: Magnus Brechtken ist der stellvertretende Leiter des Instituts für Zeitgeschichte München. Johannes Heil hat die Ignatz-Bubis Stiftungsprofessur an der Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg inne. Dazu Meron Mendel, der Professor für Soziale Arbeit in Frankfurt und Direktor der Bildungsstätte Anne Frank ist, und der auf einem Bildschirm zugeschaltet war.

Mendel ist als Experte im Zusammenhang mit der jüngsten, umstrittenen Documenta bekannt geworden. Helmuth Kiesel indes, Emeritus der Uni Heidelberg, als Koryphäe der deutschsprachigen Literatur von 1918 bis 1945 ausgewiesen. Und Bernd Wacker hat in Katholischer Theologie promoviert.

Der Vorsitzende der Hugo-Ball-Gesellschaft, Ball-Forscher und Mitherausgeber des Werks, war an diesem Abend der mit der bei weitem größten Ball-Textkompetenz. Genug, um die ansonsten souveräne Moderatorin Angela Gutzeit zu korrigieren, als sie ein fremdes Zitat als eines von Ball ausgab. Kiesel und Wacker jedenfalls waren so etwas wie Antipoden im – Balls Antisemitismus betreffend – Eindeutigkeitsdiskurs. Überdeutlich beschränkt allerdings auf Relativierungen.

Ball, der 1927 41-jährig im Tessin starb, sei nie und nimmer ein „Judenhetzer“ gewesen, meinte Kiesel so mit einer ihm eigenen Widerspruchsvehemenz. 80 Zeilen, zwei bis fünf Druckseiten seines 3500-Seiten-Werks, formuliert vor allem in dem 1919 in Bern erschienen Werk „Zur Kritik der deutschen Intelligenz“ und einigen Artikeln in der Berner „Freien Zeitung“, seien Antisemitismus, der sich allerdings „in der Ebene der Zeit bewegt“. Den Pauschalvorwurf Ball = Antisemit wollte Kiesel nicht gelten lassen. Schließlich habe Thomas Mann zu der Zeit in sein Tagebuch geschrieben, man müsse gegen „diesen Menschenschlag“ – er meinte die Juden – in „standrechtlicher Kürze“ vorgehen. Ignatz-Bubis-Stiftungsprofessor Johannes Heil widersprach.

Die Mutter aller Gegenreden

Ball stehe schon in einem Zusammenhang, sei in der Explizitheit seiner Äußerungen aber schon „mehr als Durchschnitt“. Seine Operation mit der „antisemitischen Begrifflichkeit“ geradezu „virtuos“. Susanne Urban meinte: Schon zwei Zeilen davon, wie Ball die Juden als „Störenfriede“ darstelle, seien zwei Zeilen zu viel – im Hinblick auf ihre stereotype Wirksamkeit. Und Magnus Brechtken führte nach einer historischen Herleitung des Begriffs die Mutter aller Gegenreden an: Antisemitismus bleibe Antisemitismus, unabhängig vom Gesamtzusammenhang. Und so ging’s versöhnlich unversöhnlich dahin.

Auch Bernd Wackers vorsichtig formulierte – und im RHEINPFALZ-Interview vom 11. Januar schon einmal geäußerten – Ehrenrettungsversuche konnten nicht verfangen. Balls Freundschaft mit Juden, dass Walter Benjamin und Gershom Scholem nichts schlimm Antijüdisches an ihm fanden. Dass Balls entsprechenden Äußerungen in gewissem Sinn die offizielle katholische Lehrmeinung darstellten. Selbst seine späteren Revisionen, die ihn 1922 in sein Tagebuch schreiben ließen, er habe den Juden „Unrecht“ getan, traf auf gedimmte Resonanz.

Noch eine Zeitenwende

Wackers Einwand zum Beispiel, Balls „Zur Kritik der deutschen Intelligenz“ sei kein in erster Linie antijüdisches, sondern vor allem ein „durch und durch religionskritisches Buch“, wollte Meron Mendel aus dem Off seines Frankfurter Büros so „nicht akzeptieren“. Ball habe schließlich den Juden, 1,25 Prozent der Bevölkerung damals, abseits des Konfessionellen Weltherrschaftsambitionen unterstellt. Susanne Urban meinte, Ball habe keine Ahnung vom Judentum gehabt und trotzdem darüber geschrieben. So bewies der Abend je länger er dauerte, vor allem eins, dass wir uns in noch einer Zeitenwende befinden. Hin zum Unerbittlichen.

Zu Anfang hatte Oberbürgermeister Markus Zwick so darauf hingewiesen, dass sich die Anzahl der antisemitischen Straftaten laut Statistik in zehn Jahren verdreifacht hat. Magnus Brechtken meinte in der Diskussion, die bildungspolitischen Herausforderungen seien durch den größeren Anteil der anders sozialisierten nicht „bio-deutschen“ Bevölkerung gestiegen. Die letzten Zeitzeugen des Holocaust sterben. Zudem ist durch die vergangene, von Antisemitismusdebatten überlagerte jüngste Documenta die Wahrnehmung womöglich sensibler justiert. Auch von dort hat Hito Steyerl ihr Werk aus einschlägigen Gründen zurückgezogen. Das Bundesverdienstkreuz hat sie abgelehnt. Die Künstlerin ist von äußerster Stringenz. Auch deshalb vielleicht steht Hugo Ball, dessen episodische Verirrung seit Jahrzehnten bekannt ist, nun im grellen Licht. Bloß was jetzt? OB Zwick jedenfalls hat noch auf der Bühne angekündigt, den Hugo-Ball-Preis auf keinen Fall aufzugeben. Trotz oder wegen der gerade stattgehabten Diskussion. Im Gegenteil: Mit der Vergabe wolle man in Zukunft ein „Zeichen gegen den Antisemitismus setzen“, sagte Zwick. Wie das gehen soll allerdings, steht auf einem anderen Blatt.

Gefeierte Künstlerin in Pirmasens: Hito Steyerl mit Oberbürgermeister Markus Zwick.
Gefeierte Künstlerin in Pirmasens: Hito Steyerl mit Oberbürgermeister Markus Zwick.
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