Schauspiel RHEINPFALZ Plus Artikel „Buddenbrooks“ in Frankfurt: Eine Familie im Abstiegskampf

Acht Personen erzählen einen Roman: Szene aus Johanna Wehners Frankfurter „Buddenbrooks“.
Acht Personen erzählen einen Roman: Szene aus Johanna Wehners Frankfurter »Buddenbrooks«.

Regisseurin Johanna Wehner ist Spezialistin für Inszenierungen von Prosawerken. In Frankfurt nimmt sie sich mit „Buddenbrooks“ den größten deutschen Gesellschaftsroman vor.

Das Publikum des Mannheimer Nationaltheaters kennt Johanna Wehner seit 2021, als sie Sasa Stanisics Roman „Herkunft“ im Setting einer Aral-Tankstelle spielen ließ. Christoph Bornmüller war einer von vier Schauspielern, die alle den Autor Stanisic verkörperten. Mit dem zur Spielzeit 2023/24 ins Ensemble des Schauspiels Frankfurt gewechselten Schauspieler gibt es nun ein Wiedersehen. Welche Rolle er in den „Buddenbrooks“ verkörpert, kann man wieder nicht wirklich sagen. Die acht Schauspielerinnen und Schauspieler verkörpern nur phasenweise Figuren des Romans; die meiste Zeit fungieren sie als Erzählerinnen und Erzähler, als fantastische übrigens.

Die „Buddenbrooks“ nachzuerzählen mit allen Strängen und Nebensträngen über vier Generationen und fünf Jahrzehnte – das würde aus einem Theaterabend von gemütlichen drei Stunden inklusive Pause und langem Schlussapplaus wohl einen 24-Stunden-Marathon machen. Am 26. Februar 1901, vor 125 Jahren, veröffentlichte Thomas Mann im zarten Alter von 26 Jahren seinen Debütroman, an dem er 1896, gerade erst volljährig, zu arbeiten begonnen hatte. Der Roman „Buddenbrooks – Verfall einer Familie“ war kein Bestseller über Nacht, aber er wurde gelesen. Besonders aufmerksam in Lübeck, wo man herauszufinden versuchte, welche Romanfiguren echte Vorbilder in Person von Bürgern der Stadt hatten. Auch seine eigene Herkunft, Thomas Mann war der Sohn des jung verstorbenen Lübecker Kaufmanns und Senators Thomas Johann Heinrich Mann, hat ihn inspiriert. Seinem Verleger hatte Mann den Wunsch, den Roman um die Hälfte zu kürzen, den Wunsch versagt. Zu Recht. Mutmaßlich hätte er für erbarmungslos geraffte „Buddenbrooks“ nicht 1929 den Literaturnobelpreis bekommen.

Mit großem Respekt

Johanna Wehner aber blieb nichts anderes übrig als erbarmungsloses Streichen. In ihrer Fassung beschränkt, nein: konzentriert die Regisseurin sich auf zentrale, aber doch wenige Aspekte des Romans. Vor dem sie offenbar großen, an manchen Stellen vielleicht zu großen Respekt hat.

Da wäre der Tod, der die Familie immer wieder heimsucht – was logisch ist in einer von vier Generationen erzählenden Geschichte, an diesem verdichteten Theaterabend aber doch oft vorkommt. Da wäre der Konflikt zwischen den Brüdern Thomas, dem smarten Geschäftsmann, und Christian, dem zwischen Albernheit und Kränklichkeit wechselnden Zweitgeborenen, und ein Theatergänger ist er auch noch. Für die Frauen der Familie sind Ehen vorgesehen, die den Wohlstand der Firma möglichst mehren oder zumindest nicht weiter schmälern sollen. Denn drittens wäre da immer und immer wieder das Geschäft. „Sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, dass wir bey Nacht ruhig schlafen können“ ist ein auf der Bühne stets wiederholter Satz, und es ist eine Kernfrage des Romans, ob man seinen eigenen Moralvorstellungen treu bleiben kann, wenn die Zeiten sich ändern. Als wir die „Buddenbrooks“ kennenlernen, ist der Höhepunkt ihres Wohlstands schon vorbei, und der im Titel versprochene Verfall hat begonnen.

Ohne Schnickschnack

„Wozu ist der Mensch auf der Welt?“ Es ist der erste Satz des Abends, der sich streng an Thomas Manns Roman hält und ihn nur kurz ins Heute katapultiert, als Christoph Bornmüller die berühmte Währung der Buddenbrooks, die Kurantmark, in Euro umrechnet. Thomas Mann – das ist ja dieser ernste, extrem disziplinierte Schriftsteller, dem Prokrastination und Schlendrian fremd waren. Aber es blitzen doch immer wieder feiner Witz und zarte Ironie auf, und mehrfach wird im Theater leise gelacht.

So opulent das Buch ist, so minimalistisch ist die Bühne von Daniel Wollenzin. Das kalte, radikal reduzierte Haus besteht aus Fassadenbruchstücken, die auf mehreren Ebenen hoch- und hinuntergefahren werden. Dass die Familie im „Landschaftszimmer“ sitzt, dass sie in der Familienchronik blättert – es wird erzählt, man sieht kein Requisit, und Schnickschnack wie Videoeinblendungen gibt es schon gar nicht. Aber die Blockflöte, auf der Schauspieler Matthias Redlhammer wunderschön zarte Melodien spielt: Die ist echt. In die Bühne kann jeder selbst alles Mögliche hineinassoziieren. Eine Reling zum Beispiel, an der Thomas Mann 1938 steht und einen letzten Blick auf seine Heimat Europa wirft, um den Atlantik zu überqueren und Exil in den USA zu suchen. Erst 1952 sollte er in die Schweiz zurückkehren, 1955 starb er im Alter von 80 Jahren in Zürich.

Was bleibt, sind Erzählungen, Essays und acht Romane, die man auch heute noch sehr gut lesen kann. Wenn der Theaterabend dazu inspiriert, hat er schon viel erreicht.

Termine

Weitere Vorstellungen am 1., 8., 13., 17. und 22. Mai.

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