Kultur Bloß kein Risiko eingehen!
Nichts Neues von der Opernfront: Die Theater im deutschsprachigen Raum setzen auf Altbewährtes. Zeitgenössische Musik spielt kaum eine Rolle. Dies geht aus der jüngsten Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins hervor.
33 Neuinszenierungen von Engelbert Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“ gab es an den deutschen Bühnen in der Spielzeit 2016/17. Damit führt das Werk, das gerne kurz vor Weihnachten auf den Spielplan gesetzt wird, die Statistik ganz deutlich an. Gefolgt von Georges Bizets Dauerbrenner „Carmen“, Wolfgang Amadeus Mozarts „Zauberflöte“ und Giacomo Puccinis Opernthriller „Tosca“. Und so geht das weiter auf den ersten 20 Positionen. Es ist eine Liste des Altbewährten, Allzubekannten – mit Opern von Richard Wagner, Giuseppe Verdi, Charles Gounod, Gioachino Rossini oder Gaetano Donizetti. Überraschungen? Keine! Und das wird auch nicht besser, wenn man auf die Tabelle mit den zehn zeitgenössischen Musiktheaterwerken mit den höchsten Inszenierungszahlen schaut. Denn der Teufel versteckt sich wieder einmal im Kleingedruckten. „Zeitgenössisch“ heißt nämlich für den Deutschen Bühnenverein, dass das Werk nach dem 1. Januar 1945 uraufgeführt wurde. Und so kann denn auch bei Werken wie Frederik Loewes „My Fair Lady“ mit 22 Inszenierungen oder Jerry Bocks „Anatevka“ (zehn Neuproduktionen) nicht wirklich von Zeitgenossenschaft gesprochen werden. „My Fair Lady“ wurde 1956, „Anatevka“ 1964 uraufgeführt. Etwas verwirrend ist die Situation in der Schauspielsparte. Die Pressemitteilung des Bühnenvereins sieht da Ferdinand von Schirachs „Terror“ mit 36 Neuinszenierungen ganz klar an der Spitze der Tabelle, gefolgt von Goethes „Faust“ und Robert Koalls „Tschick“ nach dem Roman von Wolfgang Herrndorf. Das entspricht auch den Daten der Tabelle, welche die 20 Stücke mit den höchsten Inszenierungszahlen auflistet, in der, nebenbei, das zeitgenössische Theater eine sehr große Rolle spielt. Beginnt man aber die Auswertung des Datenmaterials mit der spartenübergreifenden Tabelle, so liegt „Tschick“ mit 44 Inszenierungen klar vorne. Ein Anruf beim Bühnenverein in Köln bringt Licht ins Dunkel: Hier seien die 20 „Tschick“-Produktionen mit eingerechnet worden, die dezidiert in den Kinder- und Jugendtheatersparten der Theater gezeigt wurden. Es spricht damit also durchaus einiges dafür, „Tschick“ und nicht „Terror“ als Stück der Saison 2016/17 zu bezeichnen.