Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Biennale für akutelle Fotografie: Die Region ist jetzt zwei Monate lang Kunstmetropole

Sittengemälde der USA: George Georgiou fotografierte Zuschauende bei der Straßenparade „Mardi Gras“ im Wahlkampfjahr 2016. Zu se
Sittengemälde der USA: George Georgiou fotografierte Zuschauende bei der Straßenparade »Mardi Gras« im Wahlkampfjahr 2016. Zu sehen in der Kunsthalle Mannheim.

Zwei Monate lang ist die Region jetzt eine Kunst-Metropole: Die „Biennale für aktuelle Fotografie“, ein internationales Großereignis, zeigt in sechs Ausstellungen in Ludwigshafen, Mannheim und Heidelberg „The Lives and Loves of Images“. Kuratiert hat die Schau der in New New York lebende und arbeitende Londoner David Campany. Interessant: Eintritt zahlt man für die Schauen, so viel man will. Ein Rundgang.

Hack-Museum in Ludwigshafen: Kollidierende BilderEin Bild allein sagt wenig aus, heute erst recht. Das ist die Idee von „When Images Collide“ im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen. Sie zeigt Positionen von rund 20 Künstlern, die alle Fotografien, mindestens zwei, zu einem neuen Werk vereinen. Timm Rautert, emeritierter Leipziger Professor für Fotografie, wollte vor über 50 Jahren als Student in New York den Magazindesigner Alexey Brodovitch treffen, verpasste ihn und fotografierte die Pinnwände hinter den Schreibtischen seiner beiden Nachfolgerinnen. Wir sehen Sammelsurien an Erinnerungen, Porträts in Abwesenheit der Porträtierten.

Der Brite John Stezaker hat analog zu Kindergartenkindern gearbeitet und mit Schere und Zeitungsausschnitten Bilder aus ihren Kontexten gerissen, um ihnen eine neue Bedeutung zu geben. Eine riesige Wandarbeit stammt von der amerikanischen Multimedia-Künstlerin Sara Greenberger Rafferty. Sie hat Hunderte von Bildern aus dem Smartphone und aus dem Internet, Selfies, PDF-Dokumente, Screenshots ungeordnet nebeneinandergestellt – ganz so, wie es auf unseren Festplatten, Desktops und wohl auch in unseren Gehirnen aussieht. Mit der Bilderflut in der Moderne beschäftigen sich auch andere Arbeiten. Die von Batia Suter aus der Schweiz, die viele Fotografien von bunten Stoffen nebeneinander gehängt hat. Eine laute und heftige Videoinstallation stammt von Sohrab Hura aus Indien. Er zeigt Bilder Sekundenbruchteile lang, es sind eklige, harte Fetzen, kaum zu ertragen. Und natürlich geht es auch um Manipulation. Der Amerikaner Aaron Hegert zeigt ein Hochhaus, neben dem exakt gleich groß wirkende Steine stehen. Die Irritation stellt sich erst beim zweiten Hinsehen ein. Ein zweiter Blick, das bestätigt sich hier mal wieder, schadet nie. heß

Kunstverein Ludwigshafen: Jede Kunst ist FotografieIm Ludwigshafener Kunstverein wird die Kunst mit Füßen getreten. In der Ausstellung „All Art is Photography“ hat der amerikanische Künstler Dennis Adams die Rolle von André Malraux übernommen und tanzt nach dem Vorbild einer berühmten, diesen französischen Intellektuellen zeigenden Fotografie auf am Boden liegenden Bildern von Kunstwerken. Mehrere Dinge werden hier verhandelt: die Fotografie in ihrer Doppelfunktion als Medium der Dokumentation und als eigene Kunstform. Und die Frage, die Kurator David Campany interessiert: „Was passiert, wenn ein Kunstwerk vor die Kamera kommt?“ Die Serie „Arbeiten auf Papier“ von der Göppinger Künstlerin Claudia Angelmaier zeigt Postkarten mit Kunstwerken – allerdings die Rückseite, die Nicht-Kunst-Seite. Und auch nicht in Originalgröße, sondern in der Größe des Kunstwerks, Velasquez’ Venus, die gerade noch durchschimmert. Doppelt und dreifach wird der Betrachter irritiert. Dass wir alle heute die Welt oft nicht mit unseren Augen wahrnehmen, sondern durch das Display unseres Smartphones, hat der Spanier Antonio Pérez Rio zum Anlass für seine Serie „Masterpieces“ genommen und zeigt Fotos von Kameras, mit denen Kunstwerke im Pariser Louvre (tot)fotografiert werden.

Auch der Kanadier Mark Lewis war im Museum unterwegs, im Museu de Arte de São Paulo, dessen Galerie keine Wände hat und das die Illusion frei schwebender Kunstwerke erzeugt. Bei Lewis’ Dreh im Museum und der anschließenden Arbeit am Computer gab es eine technische Panne. Das Ergebnis ist ein bizarrer Film, der Kunstwerke wie Leichen in einer verlassenen Ruine zeigt. Die Kunst, das lehrt uns diese Ausstellung eindrucksvoll, darf alles machen mit der Kunst. Im glücklichsten Fall entsteht dann etwas Neues, ganz Tolles. heß

Port 25: Zwischen Kunst und KommerzWer als Fotograf überleben will, hat vier Möglichkeiten: Er wird fürs Fotografieren bezahlt. Er verkauft seine Fotos. Er fotografiert nur hobbymäßig. Oder er stammt aus einer reichen Familie. Das hat der Fotograf Walker Evans schon festgestellt und das gelte noch, meint Kurator David Campany und fächert dann doch im Port25 in Mannheim Zwischentöne auf, die die Grenzen zwischen Kunst und Kommerz verwischen: „Between Art and Commerce“ ist die knalligste der Ausstellungen, eine Farbexplosion, wie es das Sujet verlangt. Ob die skurrilen Details von Daniel Stier für Firmen inszeniert wurden oder Fundstücke sind, bleibt unkommentiert, so wie er selbst keinen Unterschied macht. Die Finger auf dem rohen Fleisch könnten für Nagellack werben. Noch weiter gehen die Niederländer Scheltens & Abbenes, die für Kataloge die Produkte selbst in Kunstwerke verwandeln: Eine Delfter Kostbarkeit besteht nur aus Silberschalen, die zur Skulptur gestapelt und mit Stoffen so ummantelt wurden, dass die Spiegelung dem bloßen Ding eine erhabene Anmutung verleiht.

Wenn der Glanz der Kunst abfärbt, dann begrüßen das die Unternehmen. Der Amerikaner Bryan Schutmaat wurde gebeten, den Geist des Wilden Westens für eine Uhren-Marke einzufangen, zur Imageförderung. Wie Fenster in die Prärie bieten seine Werke Ausblicke, scheinbar fern vom Kommerz. Ebenso wie Thomas Wunschs mysteriöse Abstraktionen bestens ins Museum passen. Sie zieren genauso gut die CD-Cover des Jazz-Labels ECM, obwohl sie nicht dafür gemacht wurden.

Mit Erläuterungen hält sich der Kurator – wie insgesamt – zurück, denn er will die Besucher genau hinsehen und mitunter rätseln lassen: Im Nebenraum versteckt sich Kleinformatiges von Christopher Williams aus Los Angeles, einer, der sonst das Überkandidelte der Werbung enttarnt und hier die Katalog-Ästhetik persifliert. So übertrieben zurückgenommen, dass man ins Zaudern gerät: Zu oft hören wir nur auf das Hier-bin-ich!-Schreiende.jel

Zephyr in Mannheim: Über Ikonen der FotografieHier kommt die Chance für Ambitionierte: In „Reconsidering Icons“ im Mannheimer Museum Weltkulturen können sie mit der Trophy-Kamera des Belgiers Max Pinckers auf Motive zielen. Künstliche Intelligenz analysiert die Aufnahmen und behält das, was zu 90 Prozent preisverdächtig ist. Gefüttert wurde sie mit den World Press Photos seit 1955, dramatische Bilder von menschlichem Elend, die in einer Zeitleiste diskret aufgereiht sind, sodass man versteht, wie prägend diese Ikonografie wirkt. Warum brennt sich manches ins kollektive Gedächtnis? Die Installation „KING“ des Belgiers David Claerbout, Meister der zerdehnten Zeit, zoomt in den letzten Schnappschuss von Elvis Presley, bevor er berühmt wurde, und man findet – eine Pepsi-Flasche. Manchmal ist es die Einzigartigkeit, wie die erste Heliographie, hier vom Katalanen Joan Fontcuberta nach einer Internetsuche zum „Googlegram: Nièpce“ zusammengesetzt. Oft ist es das ideologische Potenzial oder das außergewöhnliche Ereignis sensationslüstern vervielfältigt, wie 2017 als ein Botschafter in Ankara erschossen wurde. Niemals hätte der Attentäter, der sich dort als Held produzierte, so die Titelseiten erobern dürfen. In „Reconsidering Icons“ kann man die Szene in der virtuellen Realität von Broomberg & Chanarin sogar nacherleben, aber in dekonstruierter Form. Überhaupt wird in der dezent gestalteten Schau viel zerschlagen und gewerkelt – eine Denkfabrik von ikonoklastischer Wucht. Visuell dominieren die Schweizer Cortis & Sonderegger den Raum, die verblüffende Miniaturen weltbekannter Bilder nachbauen. Robert Capas „Falling Soldier“ (1936), das einen tödlich getroffenen Kämpfer zeigt, wird aber noch auf anderer Ebene vom Sockel gerissen. Max Pinckers und Sam Weerdmeester dokumentieren die Zweifel an der Echtheit. Möglicherweise stellte Capa die Szene nach, fern von den Gefechten.jel

Kunsthalle Mannheim: Fotografie-Idol Walker Evans, späterEine Frau vor einer abgeblassten Holzwand. Wie schicksalsüberlassen steht sie da, älter als sie ist - vermutlich. Das Gesicht sonnengegerbt, es scheint so: von Arbeit verwittert, der Mund zur schmalen Linie gepresst. Zahnlos? Dunkles Haar, achtlos gescheitelt, ein gemustertes Kittelschürzenkleid an. Walker Evans fotografierte die Farmersfrau in Alabama, unterwegs im Auftrag der Farm Security Administration im Südosten der USA, 1936. Für eine Armutsdokumentation nach der großen Depression, die im gleichen Jahr unter dem Titel „American Photographs“ erschien und seinen Ruhm begründete. „Wir sehen“ schrieb der Dichter William Carlos Williams angerührt darüber „was wir bis dahin nicht gewusst hatten: uns selbst, wertgeschätzt in unserer Anonymität.“

Die Fotos von Walker Evans sind respektvoll distanzierte Nahaufnahmen, schnörkellose Poesie. Er gilt als der vielleicht bedeutendes Fotograf des 20. Jahrhunderts. Sein Einfluss reicht sehr weit, wie Biennale-Vordenker Campany zeigt. Die Farmersfrau etwa, die Allie Mac Burroughs hieß, wie man inzwischen weiß, ist eine Ikone der Fotografie. Im wahrsten Wortsinn wie eine Säulenheilige hängt sie jetzt in der „Walker Evans Revisted“-Kunsthallen-Schau. Zusammen mit anderen ikonischen Werken, die an Stützen angebracht sind. An den Wänden drumherum, Arbeiten seiner Nachfolger im Geiste. Und Anverwandlungen. Ein Video von James Nares läuft, mit hochauflösender Kamera aus einem fahrenden Auto aufgenommen. Wie in Trance bewegen sich darauf Passanten durch Manhattan, eine Reminiszenz an die heimlich fotografierten New Yorker U-Bahn-Passagiere von Evans. Zu sehen sind auch zugewandte dokumentarische Kleinstadt-Porträts avant Evans von Ute und Werner Mahler, unter anderem in Völklingen fotografiert. Zuschauer/innen von Paraden, von der Straßenseite gegenüber dokumentiert, dicke, dünne, schwarze, weiße, arme, reiche, schwule und nicht, ein Sittenbild der USA. Der in England lebende George Georgiou ist dafür in 14 verschiedenen US-Staaten unterwegs gewesen – während des Wahlkampfs, den Trump gewann. Oder Harvey-Regan, er hat ein Serie, in der Evans nüchternen Blicks Werkzeuge wie Scheren zu Schönheiten erhob, auf versschlungenen Wegen reinszeniert. Und auch Farmersfrau Allie kommt wieder zu Ehren. Ein von Julia Curtis aus Ausdrucken abfotografierten Evans-Fotos geschneidertes Kleid ähnelt ihrem. Und die Frau, die Camille Fallet 2016 vor einer abgeblassten Holzfassade porträtiert hat, wirkt wie ein Double. Die gleiche Schicksalsergebenheit strahlt sie aus. Auch der Blick auf sie ist genauso nüchtern menschenfreundlich. mac

Heidelberger Kunstverei: Von wegen Zeitungen sind von gesternEine Schau für Pressmenschen, Zeithistoriker, Archäologen des Analogen, Fake-News-Verschwörungstheoretiker. Auch wie Zeitungsfotos Kunst werden, wird unter dem Titel „Yesterday’s News Today“ im Heidelberger Kunstverein gezeigt. Dazu ihre beiden Seiten. Ihr langes Leben. Ausgestellt ist etwa eine Serie des Künstlers Sebastian Reimer, der Aufnahmen, die so rührend wie professionell händisch retuschiert worden sind – lange vor Fotoshop –, so groß gezogen hat, dass jetzt zu erkennen ist, wie der ausgestreckte Arm einer Ballerina im Nebel zum Verschwinden gebracht worden ist. Oder eklatanter noch, wie einem friedlich dastehender Soldaten angedichtet wurde, dass er mit einer Pistole in der Hand auf jemand zielt. Dazu sind digital bearbeitete Werke von Fotokunst-Star Thomas Ruff aufgeboten, die Vorder- und Rückseite abgedruckter Bilder gleichzeitig zeigen, die Beschriftungen übereinanderliegend. Claire Strand hat die Texte der Rückseiten von in Print erschienenen Fotos, die lächelnde Frauen mit Schlangen in der Hand zeigen, auf ihre Blow-ups geschrieben. Im Stil von Konzeptkünsterlein Barbara, Krueger, groß und bunt. Dabei hasst Strand die Reptilien. Wer das Zeitungsmachen liebt dagegen, wird ganz besonders eine Serie mögen, bei der Originalfotos aus dem Zeitungsarchiv verwendet worden sind. Auch RHEINPFALZ-Bilder sind zu dabei, etwa von Bernhard Kunz. In einem Spiegel dazu die Gebrauchsspuren der Redakteure – Gekritzel und Größenangaben. Auf den Bildern dagegen ist die Zeitgeschichte abgebildet. Der Schweigemarsch der Schüler in Eisenberg aus dem Jahr 1992, Foto Stepan. Das Ziel ist hochaktuell. Er wendet sich gegen Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und zunehmende Gewalt. mac

Die BiennaleDie sechs Ausstellungen der Biennale für aktuelle Fotografie laufen bis zum 26. April. Info: www.biennalefotografie.de

Kollidiert: „Out of Joint“ von Kensuke Koike.
Kollidiert: »Out of Joint« von Kensuke Koike.
In der Schau zwischen Kunst und Kommerz, aber eindeutig: „Apple“.
In der Schau zwischen Kunst und Kommerz, aber eindeutig: »Apple«.
Werbung? „Light Bulbs“ des Kunst-Duos Scheltens & Abbens.
Werbung? »Light Bulbs« des Kunst-Duos Scheltens & Abbens.
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