Literatur
Begeistert vom „Prinzip Verantwortung“: Rafik Schami wird 75 Jahre
Er gilt weltweit als einer der bedeutendsten Erzähler, seine Werke wurden in 34 Sprachen übersetzt, die Anzahl internationaler Preise und Würdigungen ist noch höher: Rafik Schami, der syrisch-deutsche Schriftsteller mit Pfälzer Wohnsitz, begeht seinen 75. Geburtstag. Ziemlich genau 50 Jahre ist es her, dass er als politisch Verfemter seine Heimat verlassen musste. In zahlreichen seiner Romane, Kinder- und Jugendbücher erweckt der Dichter, der als Suheil Fadel geboren wurde, Damaskus und seine reiche Kultur in üppigen Erzählkaskaden zum Leben.
Sein ausgeprägtes Talent des freien Fabulierens machte ihn zum gefragten „Lese-Reisenden“, ebenso wie sein umfangreiches essayistisches Werk ihn an bedeutende Lese- und Lehrpulte, etwa die der Gebrüder-Grimm-Professur der Universität Kassel, brachte. Vielfach geehrt wurde Rafik Schami außer für sein literarisches Œuvre auch im Blick auf seinen unermüdlichen Einsatz für Frieden und Aussöhnung zwischen arabischer und westlicher Welt. Rafik Schami lebt mit seiner Frau, der Zeichnerin und Autorin Root Leeb, seit 1991 im Donnersbergkreis.
Herr Schami, was veranlasste einst den jungen promovierten Chemiker, das naturwissenschaftliche Experimentierfeld mit dem Kosmos der Worte zu tauschen?
Die nüchterne Feststellung, dass man nicht lange zwei Dinge in einer Hand balancieren kann. Chemie und Literatur waren meine Leidenschaften, aber beide verlangen den größtmöglichen Einsatz. Ich musste mich entscheiden, und ich habe mich für die Literatur entschieden.
In Ihren Büchern lassen Sie oftmals Ihre Heimat Syrien wie ein versunkenes Atlantis auferstehen. Verankert Literatur kulturelles Gedächtnis dauerhaft und derart, dass die Sehnsucht nach diesem Utopia auch nachfolgende Generationen befeuert? Kann Literatur das auch heute noch? Im Zeitalter der überbordenden Nachrichten-, Fakten- und Fake-News-Flut?
Ja, sie kann. Gerade das muss sie in unserer Zeit leisten, um den Traum von einer humanistischen Gesellschaft zu bewahren.
Sie haben Ihrer schönen Heimat den Rücken gekehrt, sie innerlich aber immer bewahrt, sind gleichwohl hier und auch in der deutschen, der fremden Sprache heimisch geworden. War/ist das nicht auch eine Existenz „zwischen den Stühlen“?
Das Bild stimmt, aber es braucht eine Ergänzung. Ich habe mir durch die Jahre eine Hängematte zwischen beiden Stühlen gewebt und liege gut darin. Es ist für mich im Alltag wie beim Schreiben ein Genuss, eine Kombination zwischen beiden Kulturen zu produzieren. Was entsteht, ist weder Arabisch noch Deutsch – sondern Schami.
Ihr Blick nach 50 Jahren auf Deutschland und die Deutschen ist vielleicht nicht mehr so sehr der von außen, sondern vielmehr der des genauen Beobachters. Was finden Sie eigentlich besonders kurios, was stört Sie?
Lobenswert ist das ständige Bemühen der Deutschen, die eigene Geschichte zu verstehen. Ich kenne kaum ein anderes Volk, das sich so intensiv mit seiner Geschichte beschäftigt.
Kurios finde ich ihre Neigung, beim Karneval so viel zu lachen wie die Chinesen in einem Jahr, und dann die übrige Zeit mit schlechter Laune herumzulaufen. Dieser Mangel an Lachen hat dazu geführt, dass der Comedians-Markt boomt. Und da die komischen Situationen im Leben begrenzt sind, müssen sogenannte Comedians nicht selten tief in den Sack der Vorurteile greifen und alte Kamellen aufwärmen. Heraus kommt ein Haufen von frauenfeindlichen, rassistischen und auch antisemitischen Witzen.
Als Brückenbauer zwischen Orient und Okzident haben Sie sich unter anderem auch für Frieden zwischen Palästinensern und Israelis eingesetzt. Besteht denn Hoffnung, dass gelingen könnte, was Menschen sich erhoffen, Machtpolitiker auf beiden Seiten aber stets aufs Neue sabotieren?
Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ein friedliches Leben beider Völker miteinander möglich ist. Ein gleichberechtigtes Leben, in dem Rassismus, Antisemitismus und Gewalt keinen Platz finden. Es wird der Tag kommen, an dem man in Israel und Palästina nicht mehr Politikern folgt, die nur Gewaltlösungen propagieren. Da bin ich sicher, aber ich glaube, es wird noch Zeit brauchen.
Ihre Arbeit als Brückenbauer beschränkt sich ja nicht nur aufs Literarische. Rund zehn Jahre haben Sie und Ihre Freunde mit einem Verein syrischen Kindern geholfen.
Wir haben Schams im Jahre 2012 gegründet um Kindern und Jugendlichen in den umliegenden Ländern zu helfen. Wir konnten mit den großzügigen Spenden der Menschen und mit meinen 40 Benefizveranstaltungen mehreren Tausend Kindern jahrelang ermöglichen, täglich in die Schule zu gehen, Essen, Kleider, Schulmaterial und Medikamente kostenlos zu bekommen. Wir hörten auf, weil der Libanon zerstört wurde, wo das Schwergewicht unserer Projekte lag, weil kein Geld mehr überwiesen werden durfte. Assad würde nicht eine Woche herrschen ohne die iranischen und russischen Truppen und vor allem ohne die westliche Heuchelei.
Was hat der Westen, nicht zuletzt die „Weltpolizei“ USA, Ihrer Ansicht nach falsch gemacht in den letzten 80 Jahren Nahostpolitik?
Oh, dafür ist ein Band mit 400 Seiten zu klein. In ein paar Zeilen kann man da nur ein Gejammer produzieren, das weder aufklärt noch nutzt.
Wie eine tiefe Verbeugung vor Ihrem Erzähltalent mutet das Bonmot Michael Köhlmeiers an, der Sie anlässlich einer Preisverleihung 2015 als „Bruder von Scheherazade“ vorstellte. Was macht den Unterschied, ob ich etwas vorlese oder in freier Rede vortrage?
Michael Köhlmeier ist nicht nur ein fantastischer Autor und mündlicher Erzähler, er ist auch ein großer kritischer Geist. Ich fühle mich ihm sehr verbunden.
Die mündliche Erzählkunst hat mich als Kind und Jugendlicher fasziniert. Vorlesen und Rezitieren sind auch feine Künste, die nur von Wenigen beherrscht werden. Das freie Erzählen ist aber in meinen Augen die feinste aller Künste, um Geschichten zu vermitteln. Es ist eine sehr sensible Kunst, die vom Augenblick lebt, durch eine gelungene Kommunikation mit dem Publikum aufblüht und länger im Gedächtnis und Herzen bleibt.
Wie steht es um die Ausdrucksfähigkeit der Generation Smartphone. Bewegen wir uns allmählich auf eine Art „Sprachlosigkeit“ zu?
Leider muss ich Ihre Annahme bestätigen. Das Bild wiederholt sich immer häufiger: Zwei Menschen sitzen miteinander im Café, im Zug oder daheim, und jeder ist versunken in seiner virtuellen Welt. Ab und zu zeigen sie sich irgendwelche Bilder oder Kurznachrichten und dann nimmt sie das Schweigen wieder gefangen.
Sie genießen seit Jahrzehnten weltweite Aufmerksamkeit. Hinter all Ihren Essays, Romanen, Abhandlungen und Kinderbüchern leuchtet als Botschaft die Hoffnung auf Versöhnung und Frieden. Hört die Welt auf Mahner wie Rafik Schami? Anders: Glauben Sie an das „Prinzip Hoffnung“?
Das wäre viel zu schön für meine Eitelkeit, wenn die Welt auf mich hören würde. Aber ich bin nüchtern und habe diese Illusion nicht, bei allem Respekt vor Ernst Bloch. Ich bin eher begeistert vom „Prinzip Verantwortung“.
War dieses Prinzip auch der Grund, sich für junge arabische Literatur einzusetzen? Sie sind Herausgeber der Edition Swallows. Garantiert „zensur-, erdöl-, langweile- und diktaturfrei“.
Ja, weil ich hier die gute arabische Literatur vermisst habe, die neuen Stimmen. Das Pech der arabischen Literatur sind natürlich die Diktaturen, aber auch die deutschen Übersetzerinnen und Übersetzer, die jahrzehntelang opportunistisch nur Staatsautoren übersetzt haben. Manche übersetzten sogar Saddam Hussein und Kadhafi. Ich habe beschlossen, auf eigene Faust nach Autorinnen und Autoren zu suchen, die mutig und spannend erzählen, und wollte nicht mehr als einen Roman im Jahr herausgeben, weil ich bis zu 20 Romanangebote lese, bis ich einen geeigneten finde. Und dann das Skript mit dem (r) Autor(in) lange bespreche und später die Übersetzung betreue. Die Reihe erscheint in Deutschland beim engagierten Verlag Schlier & Mücke und als Taschenbuch exklusiv bei dtv.
In der Flüchtlingskrise haben Sie sich, etwa in einem SWR-Interview, kritisch zur recht verhaltenen Bereitschaft der Bundesbürger geäußert, politisch Verfolgte in ihrem reichen Land aufzunehmen. Jetzt in der Pandemie-Stagnation wird die Situation der Asylsuchenden nochmals verschärft. Werden Sie das Thema literarisch aufgreifen?
Aber zugleich lobte ich auch die humanistische, selbstlose Hilfe vieler Frauen und Männer in Deutschland gegenüber den Geflüchteten. Scharf habe ich vor allem solche Medien-Intellektuellen kritisiert, die rassistisch Angst gegen die Fremden schürten. Sie sind in meinen Augen die Wegbreiter für die Rechtsradikalen.
Auf die aktuellen Ereignisse reagiere ich immer mit Essays und selten mit Geschichten. Romane brauchen lange Zeit für eine Reife, die sie langlebig macht.
Das wird jetzt sicher viele interessieren: Ihr jüngster Roman, „Die geheime Mission des Kardinals“, ist 2019 erschienen. Reift wieder etwas?
Ja, ein großes Werk an dem ich seit zirka zehn Jahren nebenbei arbeite. Es wird sehr spannend sein, aber ich brauche weitere zwei Jahre intensive Arbeit daran, um all das bisher Erarbeitete zu einem gut lesbaren Roman zu machen. Ich habe mit dem Todesengel ein Abkommen geschlossen. Er lässt mich den Roman zu Ende schreiben. Weil er neugierig sei, sagte er. Ich hoffe, er hält Wort, und danach vergisst er mich beim Lesen für eine Weile. Über den Inhalt kann ich kein Wort verraten. Ich bin in dieser Frage abergläubisch: Wenn man den Inhalt eines Roman verrät, krepiert er.
Ein Letztes: Sie leben in einer ländlichen Gemeinde in der Nordpfalz – warum hat es Ihnen ausgerechnet der kleine Ort Marnheim so angetan?
Der Ort ist eher ein Zufall. Da habe ich vor 30 Jahren ein geeignetes Haus gefunden. Ich bin Städter: Damaskus, Beirut, Heidelberg, München, Mannheim. Meine Tourneen befriedigen meine Zuneigung zu Städten mehr als genug, dann ist der Rückzug in die ländliche Stille sehr angenehm und erlaubt höchste Konzentration.
Interview: Gertie Pohlit/Dagmar Gilcher
Lesezeichen
In diesen Tagen erscheint ein neuer Geschichtenband von Rafik Schami: „Mein Sternzeichen ist der Regenbogen“; Hanser Verlag; 23 Euro.