Kultur Baden-Baden: Museum Frieder Burda zeigt „America! America! How Real is Real?“

Blick in die Ausstellung im Museum Frieder Burda in Baden-Baden: „Cars“ von Andy Warhol und Tom Wesselmans „Smoker“.
Blick in die Ausstellung im Museum Frieder Burda in Baden-Baden: »Cars« von Andy Warhol und Tom Wesselmans »Smoker«.

Amerikanische Nachkriegskunst, aus gegebenem Anlass neu arrangiert: In Baden-Baden zeigt das Museum Frieder Burda die Ausstellung „America! America! How Real is Real?“ Eine Antwort, dies vorab, gibt es nicht.

Was ist Wahrheit? Schon Pilatus stellte die Frage und wusch sich anschließend vorsichtshalber die Hände. In den Zeiten von Fake News und alternativen Wahrheiten stellt sich die Frage für manchen wieder etwas dringlicher – nun allerdings nicht auf einer heilsgeschichtlichen Ebene. Im Museum Frieder Burda war eine auf die reichen Bestände des Hauses zurückgreifende Ausstellung amerikanischer Nachkriegskunst geplant. Auf einmal kam alles anders. Schock! Donald Trump war wirklich Präsident der Vereinigten Staaten geworden. Kurator Helmut Friedel sah sich außerstande, eine ganz normale, sprich unpolitische Ausstellung mit vielen schönen Bildern zu inszenieren. Kurzerhand kippte er sein Konzept und fokussierte seine Anstrengung auf die Frage, in welcher Weise sich die Realität der amerikanischen Gesellschaft von den 1960er Jahren bis zur Gegenwart in der Kunst abbildet. Und entdeckte, oh Wunder, eine Konstante: nämlich, dass „das ambivalente Verhältnis von Real und Fake, die Strategien von Traum und Täuschung …. sich über Jahrzehnte hinweg immer wieder in der Bildkultur Amerikas niedergeschlagen“ hätten. Das ist allemal nichts Neues, hatte aber Konsequenzen. Der abstrakte Expressionismus – einst als Bollwerk gegen den Kommunismus mehr oder weniger diskret von der CIA gesponsert – geriet zugunsten einer eher narrativen Kunst ins Hintertreffen. Rund 70 meist hochpreisige Werke (etwa 30 aus eigener Sammlung, der Rest von befreundeten Sammlern) sollen vom Widerstandsgeist der Künstler, ihrem individuellen Umgang mit kollektiven Symbolen und Klischees, ihren Hoffnungen und Alpträumen erzählen. Wo es um Klischees geht ist Andy Warhol immer erste Wahl. Mit seinen elektrischen Stühlen, von Polizeihunden bedrängten Schwarzen, wandfüllenden Verbrecherkarteien und massenhaften Autounfällen passt der begnadete Opportunist fast zu perfekt ins Raster – wie auch die ganze Pop Art mit ihrem marktschreierisch illuminierten Nachrichten aus der vermeintlich heilen Welt des American Way of Life. Ein Blick auf das penibel gestutzte Rasenstück von James Rosenquist genügt – und schon weiß man, dass hinter dem klinisch sauberen Grün das absolute Nichts lauert. Mit Robert Longos riesigen Schwarzweißzeichnungen von Atombomben und Revolvern, Cindy Shermans manisch durchgezogenen Rollenspielen, Vanessa Beecrofts vor korrekt kostümierter Übergriffigkeit sabbernden Anti-Sexismus-Statements, Nan Goldins vielleicht zu viel gelobten Fotos von elend sterbenden Aids-Kranken oder Jeff Koons echtbunt bemalter „Bear and Policeman“-Skulptur als Must Haves für steinreiche Sammler sind weitere Duftmarken gesetzt. Subtiler angelegte Arbeiten – Eric Fischls exquisit gemalte Darstellung einer erst auf den zweiten Blick konfliktreichen Paarbeziehung im Mittelklasse-Wohnzimmer – haben es etwas schwer in dem von Friedel mit leichter Hand arrangierten Schnellkurs durch die von der Kunst mehr oder weniger kritisch reflektierten Abgründe einer medial geprägten Wirklichkeit, in der die Grenzen zwischen der Wirklichkeit und ihrer Inszenierung zerfließen oder auch nicht. Was also tun? Von William N. Copley, einem der Künstler-Favoriten des Sammlers Frieder Burda, kommt eine Antwort, die so einfach ist, dass sie fast von selbst zum Leitmotiv der Ausstellung wird. 1972 hat der Surrealist und Prä-Popkünstler eine amerikanische Flagge genäht und an die Stelle der fünfzig Sterne in Großbuchstaben die Aufforderung „Think“ (Denke) gesetzt. Das war am Ende des Vietnam-Krieges und am Anfang des Watergate-Skandals, gilt aber damals wie heute. So eine Aufforderung altert nie. Die Ausstellung Museum Frieder Burda, Baden-Baden. Bis 21. Mai; täglich außer montags 10 bis 18 Uhr.

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