Kultur
Bad Ischl: Wo Nostalgie und Moderne miteinander tanzen und die Operette lebt
„K.u.K.“ heißt die Ausstellung, die im Stile einer Graphic Novel auf den im Kurpark aufgestellten Tafeln „kritisch und kontrovers“ vom Untergang der königlich-kaiserlichen Habsburger Monarchie erzählt – in nüchternem Schwarzweiß zwischen üppig blühender Blumenpracht. Dann zieht mit einem Mal eine in fesche Uniformen gekleidete, „O Du mein Österreich“ intonierende Blaskapelle vorüber, gleiten Damen in Krinolinenkleidern über die Kieswege. Wären da nicht auch sofort Dutzende, alle auf den nun vor der Kurhaustreppe versammelten Hofstaat gerichtete Handys, in der Verlängerung hochgereckter Arme mit den dazugehörigen Körpern in sehr spärlicher Sommerkleidung, es könnten sich gerade leise Zweifel an den parallel dazu geschilderten historischen Tatsachen einstellen.
Auf in die Sommerfrische
Bad Ischl im August 2025: Sehnsuchtsort aller k. u. k.-Nostalgiker, weil dort noch immer alles so ist, wie in Stefan Zweigs „Welt von gestern“ geschildert – und auch so bleibt? Das hieße, einem großen Irrtum zu erliegen. Gewiss, man feiert alljährlich eine ganze Woche Kaisers Geburtstag: den des am 18. August 1830 geborenen Franz Joseph I., der sich im August 1853 just in Bad Ischl mit Elisabeth von Bayern, besser bekannt als „Sisi“, verlobte und dessen Sommerresidenz, die „Kaiservilla“, noch heute im Besitz des Hauses Habsburg ist. Und ja, von der Seife übers Salz bis zum Speiseeis lässt sich Kaiserliches bis heute trefflich vermarkten, begleitet von einer Operettenseligkeit, die nicht erst seit 1961, dem Gründungsjahr des selbsternannten „größten Operettenfestivals Europas“, durch die Sommermonate weht.
Nicht nur der Kaiser samt Entourage, auch Literaten und vor allem Komponisten reisten gerne zur „Sommerfrische“ in das vom Wiener Kulturkritiker Karl Kraus so bezeichnete „liebliche Alpenghetto“. Johann Strauss etwa kam ab 1855, dirigierte, komponierte – sogar einen Ischler Walzer – und hatte oft Besuch von einem gewissen Johannes Brahms. Der Walzerkönig ist – trotz seines auch hier 2025 gefeierten 200. Geburtstags – in Ischl allerdings längst entthront von einem anderen prominenten Vertreter der musikalischen Zunft, von Franz Lehár.
Lehár und seine Villa
Dessen Villa ist nicht nur, im Gegensatz zur Strauss’schen Residenz, der in den 1960ern auch das Salzkammergut nicht verschonenden Abrisslust entkommen, auch das Festival, mit dem die in diesen Jahren ebenfalls von Auslöschung bedrohte Operette eine höchst erfolgreiche Wiederbelebung erfuhr, trägt seinen Namen. Die Lehár-Villa am Ufer der Traun ist, frisch renoviert, nicht nur ein Schmuckstück geworden, sondern hat sich vom musealen Wallfahrtsort für einen lange allzu kritiklos Verehrten und anschließend ebenso leichtfertig Verurteilten zu einer modernen Forschungsstätte mit Archiv gewandelt und dabei gleichwohl den durch ihre Räume wehenden Geist ihres letzten Bewohners und seiner schwierigen Epoche bewahrt.
Das Lehár-Festival wiederum hat auch in diesem Jahr neben beliebten „Kassenschlagern“ – „Eine Nacht in Venedig“ zum Strauss-Jubiläum und Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ als Hommage an den „Erfinder“ der Operette – ein Werk seines Namenspatrons ans Licht geholt. Und in der von Regisseurin Angela Schweiger für Ischl bearbeiteten Fassung gehört diese „Blaue Mazur“ zweifellos zu den Top-Favoriten für den Titel „Wiederentdeckung des Jahres“.
Die Liebe im Lauf der Zeiten
Geradezu frappierend: Drinnen, im längst Kongress & Theaterhaus genannten Kurhaus, ist auf der Bühne in konzentrierter Form die ganze Ambivalenz dessen zu erleben, was sich gerade draußen im Park zwischen Untergangsdokumentation, Kostümfest und Steckerlfisch abspielt. Die Geschichte vom schneidigen Offizier und Weiberhelden Julian – aus dem polnischen Teil der k.u.k. Monarchie – und der verwöhnten und etwas exaltierten Wiener Comtesse Blanka mit ihren überzogenen Erwartungen an die Liebe (nicht nur stimmlich eine Verwandte der vom Duo Richard Strauss und Hofmannsthal erdachten „Arabella“), die im Libretto von Leo Stein und Bela Jenbach versöhnlich endet, nimmt hier keinen glücklichen Ausgang. Schließlich führt die Handlung geradewegs ins Jahr 1918, mitten hinein in den Untergang des Habsburger Reichs, mit dem auch alle gesellschaftlichen Gewissheiten und Konventionen zusammengebrochen sind.
„Die Welt von gestern“ mit ihrer Wiener Walzerseligkeit und der Folklore aus allen Teilen der Monarchie – zu der auch die nur mit der Auserwählten in die (polnische) Morgendämmerung hineingetanzte Mazur gehört – ist Erinnerung. In der sich aus der Nachkriegszeit heraus anbahnenden Welt von morgen müssen sich alle einen neuen Platz suchen. Dass die einstige Gespielin feiner Herren im Frack jetzt als emanzipierte Frau für den Lebensunterhalt sorgt und dem arbeits- und mit einem Mal auch mittellosen adeligen Schöngeist an ihrer Seite sagt, wo’s langgeht, zeigt das (unverheiratete!) Buffopaar, das dann auch mal einen flotten Foxtrott tanzen darf. Und dann gibt es da noch den Onkel, Jugendliebe ihrer Mutter, zu dem sich die aus ihrem Traum vom Glück unsanft erwachte Blanka flüchtet. Der Freiherr lebt mit dem Neffen und einem Freund zusammen – und wir erleben jetzt ein anrührendes Liebesduett zweier älterer Herren, denn es hat ja seinen Grund, warum aus einer Hochzeit mit Blankas Mutter nichts wurde.
So schleichen sich die neue Zeit und das Thema sexuelle Orientierung in die Operette ein, unaufgeregt, ganz ohne Regenbogenfahnen und Betroffenheitsgestik, sondern als charmant getanztes, schlichtes Plädoyer für die Liebe als solche. Starke Momente wie diesen gab es noch viele in dieser Aufführung, die man wohl nur deshalb halbszenisch nennen muss, weil den gesamten Platz auf dem Bühne das Orchester einnahm. Geradezu atemberaubend, was das ebenso blendend singende wie spielende und tanzende Ensemble dennoch szenisch bot und wie Regisseurin Andrea Schweiger und Choreografin Katharina Glas ein überzeugendes Plädoyer für ein in Vergessenheit geratenes Meisterwerk seiner Gattung gelang. Ein Meisterwerk in jeder Hinsicht, weil auch die Musik voller spätromantischer Klangwunder steckt und beim jeweils eigens für das Festival rekrutierte Franz Lehár-Orchester unter Leitung von Marius Burkert in besten Händen war.
Die beiden anderen Produktionen dieses Festivaljahrgangs, „Die Nacht in Venedig“ und der Offenbach-„Orpheus“, konnten da nicht mithalten, obwohl sie ungleich bewegter, bunter und „vollszenisch“ über die Bühne gingen. Gut gemachte, Unterhaltung, im Fall „Orpheus“ von Intendant und Regisseur Thomas Enzinger mit viel Humor in die Influencer-Moderne geholt, boten auch sie.
Die Nymphen und die Würstel
Es ist also keineswegs so, dass sich nach dem Kulturhauptstadtjahr 2024 wieder in seine „Welt von gestern“ zurückgezogen hat. Nur der Blick darauf hat sich verändert. Das neu gestaltete Stadtmuseum zeigt das ebenso wie die mit ihm verbundene Lehár-Villa. Dort, wo der Meister der Operette sich wohl auch inmitten seiner Kunstsammlungen selbst inszenierte, wird genau dies jetzt auch thematisiert, genauso wie das Verhalten des Komponisten im „angeschlossenen“ Österreich, bei dem es nicht nur um die Rettung der zur „Ehren-Arierin“ gemachten jüdischen Ehefrau (bei der möglicherweise auch ein gewisser Josef Bürckel eine Rolle spielt) und den „Fall Löhner-Beda“ geht, Lehárs in Auschwitz ermordeten Librettisten.
Da wird nichts mehr unter den Teppich gekehrt oder schamhaft verschwiegen. Wer will, kann alles erfahren. „Aufbruch Salzkammergut“ heißt eine Nachkulturhauptstadt Initiative, die dafür sorgen will, dass sich auch weiterhin vieles ändert – aber doch vielleicht auch ein bisserl bleibt, wie es ist? Sonst wäre ja Ischl nicht Ischl – und würden im Park der Kaiservilla die mythologischen Brunnenfiguren nicht mit Erwin Wurms dem österreichischen Mythos „Würstel“ huldigenden Skulpturen einen imaginären Walzer tanzen.