Mittelalter RHEINPFALZ Plus Artikel Ausstellung „Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht“: Exzellente Inszenierung von Historie

Auf Umwegen gelangte das dem Mainzer Erzbischof ausgestellte Exemplar der Goldenen Bulle nach Wien. Von dort ist es jetzt für ku
Auf Umwegen gelangte das dem Mainzer Erzbischof ausgestellte Exemplar der Goldenen Bulle nach Wien. Von dort ist es jetzt für kurze Zeit zurückgekehrt. Das vergoldete Siegel ging irgendwann verloren.

Am Dienstagabend wurde sie in Mainz eröffnet: die Landesausstellung „Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht“. Kostbare Leihgaben erzählen spannende Geschichten von Sein und Schein auf der Bühne der Vergangenheit des Lands am Rhein.

Wer glaubt, die mittelalterlichen Kaiser seien uneingeschränkte Herrscher ihres Reiches gewesen, möge sich ihre Throne anschauen. Ganz schön unbequem, diese drei Sitzmöbel, die da im ersten Ausstellungssaal zu sehen sind. Gewissermaßen als Sinnbild für die Situation jener Männer, denen die Überlieferung weltumfassende Macht zuschreibt. Zu zeigen, dass sie keineswegs absolute Monarchen im Sinne späterer Jahrhunderte waren, ist Absicht dieser Ausstellung, die sich ja nicht nur mit den Kaisern, sondern mit den „Säulen ihrer Macht“ befasst: also mit jenen, denen einzelne ihre herausgehobene Stellung verdankten – den Bischöfen, den Fürsten, Rittern, den Städten im Reich, das sich das Römische nannte und erst später mit dem Zusatz „deutscher Nation“ versehen wurde. Sich in diesem Konstrukt oben zu halten, glich von Beginn an einem Balance-Akt.

Der „Thron“ aus Rülzheim

Warum neben den bronzenen Thronlehnen aus der salischen Kaiserpfalz zu Goslar und den bei Grabungen mitten in Mainz gefundenen steinernen karolingischen Herrschersitz auch wieder der römische Klappstuhl aus Rülzheim zu sehen ist, erschließt sich erst nicht so recht. Aber die damit verbundene spektakuläre Geschichte um die illegale Grabung eines Sondengängers und die auch im restaurierten Zustand offensichtliche Fragilität dieses spätantiken Möbels versöhnen mit seiner Anwesenheit. Zumal er, wohl gefertigt in spätantiken kaiserlichen Werkstätten in Trier, die Brücke schlägt zu jenem Herrscher, der das (west)römische Kaisertum der Antike für sich neu erfand: zu Karl dem Großen, gekrönt im Jahr 800 in Aachen, um den die Objekte des ersten Saals kreisen.

Karl, der Karolinger, ist einer von fünf „Helden“ dieser Ausstellung, neben dem Ottonen Heinrich II., Vater und Sohn Heinrich IV./Heinrich V., dem sich alles andere als wohlgesonnen Salier-Duo, und dem Staufer Friedrich I., genannt Barbarossa.

Man kann die Ausstellung auch von ihrem Ende her betrachten, mit der grandiosen Parade der Kurfürsten, die seit dem frühen 14. Jahrhundert bis zu seinem Abriss 1812 das Mainzer Kaufhaus am Brand zierten: acht überlebensgroße Sandsteinreliefs – sieben Kurfürsten und der König (Ludwig der Bayer, 1328 zum Kaiser gekrönt) –, die allein durch ihre imposante Erscheinung zeigen, wem der Mann, der auf einem Thron sitzen durfte, seine Macht zu verdanken hatte.

Die vier Mächtigen vom Rhein

In unmittelbarer Nachbarschaft zu den Respekt gebietenden Figuren ein im Vergleich zum Glanz des zuvor Gesehenen eher unscheinbares Pergament: die „Goldene Bulle“, der in diesem Fall auch noch das Gold, das Bulle genannte vergoldete Siegel, abhanden gekommen ist. Das Jahr der Abfassung dieser Urkunde, 1356, mag als „Pflichtdatum“ aus dem Geschichtsunterricht noch im Gedächtnis lagern. Verblasst ist wohl die Erinnerung daran, dass in diesem unter Kaiser Karl IV. in sieben Exemplaren angefertigten Dokument bis ins kleinste Detail die Wahl des Kaisers geregelt wurde. Vier der sieben wahlberechtigten Kurfürsten, die Erzbischöfe von Mainz, Köln und Trier sowie der Pfalzgraf bei Rhein – neben dem Herzog von Sachsen, dem Markgrafen von Brandenburg und dem König von Böhmen – stammten aus jenem Land, in der laut dem Chronisten Otto von Freising die „größte Kraft des Reichs“ lag. Also irgendwo zwischen Aachen und Metz, über Frankfurt und Basel bis Chur, mit dem Rhein als „Hauptschlagader der Geschichte“. So nennt ihn der Historiker und Mittelalter-Experte Bernd Schneidmüller, zusammen mit dem 2018 verstorbenen Stefan Weinfurter wissenschaftlicher Berater zahlreicher kulturhistorischer Ausstellungen in der Region. Wenn ein nun ein Mediävist , der mit beiden Beinen fest im Hier und Heute steht und zudem noch die für Vermittlung historischer Abläufe unvermeidliche Reduzierung von Fakten nicht nur in Kauf, sondern auch noch selbst so geschickt vornimmt, dass die Lust auf Mehr an Wissen automatisch folgt, ist das einer der Erfolgsgaranten für diese Landesausstellung.

Die „Lust am Original“

Kostbare Leihgaben sind gekommen, unter anderem aus Metz, aus dem Louvre und der Bibliothèque nationale in Paris, aus dem Vatikan, aus Cambridge. Nur die Bayerische Staatsbibliothek in München hat sich außer Stande gesehen, einige Codices von der Isar an den Rhein zu schicken. Fast so, als ob der alte Wittelsbacher Streit um die Kurwürde zwischen München und Heidelberg, nach dem Dreißigjährigen Krieg durch eine achte Wahlstimme eigentlich beigelegt, wieder aufflammen würde.

Aber auch ohne die Handschriften aus München prunkt diese rheinland-pfälzische Landesausstellung mit einer Fülle von mittelalterlichen Kostbarkeiten, die so nicht mehr zusammenkommen werden. Die „Lust am Original“ wird allemal befriedigt. Da sind die beiden Sarkophage von Ludwig dem Deutschen (Kloster Lorsch) und Ludwig dem Frommen (Metz), Sohn und Enkel Karls des Großen, die Lorscher Annalen, in denen so viele Siedlungen ihre Ersterwähnung finden. Da leuchtet die 1000 Jahre alte goldene Kasel, der Mantel des Mainzer Erzbischofs Willigis aus ihrer Vitrine. Mögen die Ottonen ihren Herrschaftsschwerpunkt nach Nordosten, um Quedlinburg und Magdeburg, verlagert haben. Mit dem letzten Kaiser aus ihrem Geschlecht, Heinrich II., dem Stifter des Basler Doms, wandten sie sich wieder dem Rhein zu. Und es war der Mainzer Erzbischof Willigis, der als Königs- und Kaisermacher agierte. Als eine Säule der Macht .

Die Rolle der SchUM-Städte

Mit den Saliern – aus Speyer: die Krone der Kaiserin Gisela und ein Reichsapfel aus der Krypta des Domes – geriet das Machtgefüge aus dem Gleichgewicht: der Streit mit dem Papst, der Gang nach Canossa, dem Machtkampf zwischen Vater und Sohn Heinrich und deren jeweiligen Verbündeten: Was man heute Netzwerk nennt, bezeichnen die Mediävisten Schneidmüller und Weinfurter als „Wirkverbünde“. Gelegenheit für einen Blick auf weitere Kräfte in diesem Gefüge: die Städte. Im Mittelpunkt hier mit Modellen: Speyer, Worms und Mainz, die drei SchUM-Städte mit ihren jüdischen Gemeinden und deren wesentliche Rolle im Spiel der Mächte. Ein Wink aus Mainz nach Paris, wo seit Januar über deren Aufnahme in die Unesco-Welterbeliste beraten wird.

Diese Ausstellung will viel, sie kann auch viel. Weil sie viel zeigt und weil sie die Überfülle an Material und Informationen konzentriert und mit einer packenden Inszenierung verbindet. Kein Mittelalterspektakel um den für lange Zeit wohl zum letzten Mal aus Heidelberg ausgeliehenen, mit den Stauferkaisern verbundenen Liederhandschrift Codex Manesse, sondern ein exzellentes Bühnenstück, das den Besuch lohnt und Lust auf mehr Mittelalter macht. Zum Beispiel in den mit der Landesausstellung in Mainz verbundenen Korrespondenzorten.

Die Ausstellung

„Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht – Von Karl dem Großen bis Friedrich Barbarossa“; bis 18. April 2021 im Landesmuseum Mainz; geöffnet mittwochs bis sonntags 10-17 Uhr, dienstags bis 20 Uhr; Katalog (Theiss Verlag) 44 Euro. Alle Informationen unter www.kaiser2020.de

Der Mantel des „Kaisermachers“: die Mainzer Willigis-Kasel.
Der Mantel des »Kaisermachers«: die Mainzer Willigis-Kasel.
Im Original: der Cappenberger Barbarossakopf (1156-1160).
Im Original: der Cappenberger Barbarossakopf (1156-1160).
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