Heidelberg RHEINPFALZ Plus Artikel Aus der Tiefe des dramatischen Raums: Die Preise des Heidelberger Stückemarkts

Ivana Sokola wurde für ihr Stück „Pirsch“ ausgezeichnet.
Ivana Sokola wurde für ihr Stück »Pirsch« ausgezeichnet.

Das Theaterfestival zählt zu den ältesten im deutschsprachigen Raum – und es hat die Pandemie überlebt. Jetzt, da der Heidelberger Stückemarkt wieder analog stattfinden konnte, bot er nicht nur herausragende Theaterinszenierungen, sondern gleich zu Beginn sechs neue, noch nicht uraufgeführte Texte im Wettbewerb um einen der wichtigsten Autorenpreise der deutschsprachigen Theaterlandschaft. Am Ende des Festivals kamen vier neue Texte aus dem Gastland Spanien dazu und am Sonntagabend folgte die mit Spannung erwartete Preisverleihung.

Zwei junge Männer gehen im Wald spazieren und verhalten sich nicht unbedingt so, wie man das vielleicht erwarten würde. Die können tatsächlich ganze Sätze formulieren und sprechen dann auch noch in einem höflichen, fast schon antiquiert anmutenden Ton miteinander. Dass da nicht nur ein Fußball, sondern auch homoerotische Liebe im Spiel sein könnte, ahnt man. Und irgendwann ist klar: Die gehören zu den Jungmillionären, die ihr Geld mit den Beinen verdienen und davon profitieren, dass russische Oligarchen und arabischen Scheichs ihre Milliarden irgendwann dann doch irgendwo unterbringen müssen.

Stück über zwei Fußballer von Real Madrid

Leo Meiers „zwei herren von real madrid“ wurde vier Tage vor dem Abend vorgestellt, an dem das reale Real mit dem Rückspielsieg über Manchester City ins Endspiel der Champions League eingezogen war. Das wirkliche Leben hatte einmal mehr das Theater eingeholt. Meiers Text war dennoch eine große Überraschung, weil da ein junger Autor gar keinen Wert auf Aktualität gelegt hatte, sondern mit ausgefeilten und witzigen Dialogen angetreten war. Als sei das nicht genug, hatte er auch noch das Tabuthema Homosexualität im Fußball angepackt und das Ganze über weite Strecken in der kleinbürgerlichen Familie eines der Profifußballer angesiedelt. Der Sohn des Hauses – er ist wohl der Torjäger der königlichen Spanier – lädt den anderen zu Weihnachten in die Familie ein. Im familiären Kreis stellt sich heraus, dass der Gast ein Günther Netzer unserer Tage ist und mit Steilpässen aus der Tiefe des Raums die Sturmspitze bedient.

So weit so gut. Besser als mit so einem Theatertext hätte der Stückemarkt nicht in den Wettbewerb starten können. Am zweiten Tag der Lesungen folgte mit einem Text von Ivana Sokola allerdings ein ganz anderes Schwergewicht aus der Tiefe des dramatischen Raums. Sokola ist kein so unbeschriebenes Blatt wie Meier. Ihr „Kill Baby“ wurde vor einem halben Jahr am Mannheimer Nationaltheater uraufgeführt. Im benachbarten Heidelberg konnte man jetzt erleben, wie eine Autorin in ein Dorffest und eine Szenerie eintaucht, die an Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ erinnert.

Eine Racheengel kehrt heim

Sokola macht mit „Pirsch“ aber ihr ganz eigenes Ding und konfrontiert uns mit einer Frau, die nach Jahren in ihr Dorf zurückkehrt und wie ein Racheengel all jene Männer heimsucht, von denen sie dereinst wohl missbraucht wurde. Was tatsächlich geschah, erfahren wir nicht. Dass sich etwas Schreckliches ereignet hat, scheint sicher zu sein. Eine zentrale Rolle spielt ein Chor der Jagdhunde, der die Rückkehrerin am liebsten auf der Stelle zerfleischen würde.

Nach den Lesungen der deutschsprachigen Texte konnte man davon ausgehen, dass Sokola und Meier gute Chancen hatten, den Hauptpreis zu gewinnen. Vor der Preisverleihung gab es aber noch vier neue Stücke aus dem Gastland Spanien, die um den mit 5.000 Euro dotierten Internationalen Preis konkurrierten. Die Qualität der Text war hoch, eine Autorin stach heraus und gewann zu Recht: Maria Velascos „Ich will die Menschen ausroden von der Erde“ erzählt vom Leben einer jungen Frau, die an einer Doktorarbeit schreibt und ihren Lebensunterhalt als Prostituierte verdient.

Beiträge aus dem Gastland Spanien

Velasco pflegt einen direkten, offenen Schreibstil und ist sprachlich ganz anders unterwegs als Ivana Sokola, die für ihre antik wuchtige „Pirsch“ den mit 10.000 Euro dotierten Hauptpreis gewann. Bliebe nur noch die Frage, ob Leo Meiers Text aus dem Herzen des Profifußballs leer ausging. Die Antwort: Auf keinen Fall, schließlich gewann der Newcommer den neu aufgelegten SWR2 Hörspielpreis und den mit 2.500 Euro dotierten Publikumspreis des Heidelberger Stückemarktes. Sein Stück wird demnächst als Hörspiel produziert, die Uraufführung an einem Theater dürfte auch nicht lange auf sich warten lassen. Ivana Sokolas „Pirsch“ wird auf jeden Fall in Heidelberg inszeniert und eröffnet den Stückemarkt im nächsten Jahr.

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