Kultur Augenlust und konzentriertes Nachdenken
In Berlin ist derzeit die Nachstellung einer Ausstellung zu sehen, die im Sommer 1938 in London gezeigt wurde. In der britischen Hauptstadt präsentierte man damals rund 300 Kunstwerke, die in ihrer Heimat als „entartet“ diffamiert waren.
Zuerst einmal ist diese Ausstellung in der Liebermann-Villa am Wannsee einfach eine Freude beim Anschauen: Kandinsky, Kokoschka, Slevogt und Corinth, einige der „Brücke“-Maler und der einstige Hausherr natürlich auch – eine kleine, erlesene Kollektion, für die man weithin Ausschau gehalten hat bis ins Pariser Centre Pompidou, nach Tel Aviv und ins schottische Edinburgh. Ein früher Liebermann von 1874 kommt possierlicherweise sogar aus dem Kartoffel(kunst)museum München – was es nicht so alles gibt in deutschen Landen... Man könnte über der ganzen Augenlust vorübergehend glatt vergessen, dass Zusammenhang und Hintergrund der Schau sehr ernst sind – ist sie doch eine auf Kernstücke konzentrierte Nachstellung jener rund 300 Werke, die im Sommer 1938 in London unter dem Titel „Twentieth Century German Art“ zu sehen waren und einen solchen Publikumszulauf hatten, dass die Präsentation dreimal verlängert wurde. Worum es dabei in erster Linie ging, hätte der ursprünglich geplante Titel „Banned Art“ noch besser zum Ausdruck gebracht: der Rundgang zeigte nämlich vor allem Künstler, deren Werke in Hitlers Deutschland als „entartet“ gebrandmarkt, im Jahr vorher in der so benannten Münchner Ausstellung öffentlich an den Pranger gestellt und mittlerweile per Wanderausstellung auch in anderen Städten propagandistisch diskriminiert wurden. So war die Londoner Ausstellung ein Akt der Solidarität und des geistigen Widerstands, was sich freilich nicht entlang eines Schwarz-weiß-Schemas vollzog: Die Initiatoren – teils auf der Insel selbst, teils in der Schweiz ansässig – zerstritten sich im Vorfeld, wobei auch die Formulierung des letztlich entpolitisierten Titels eine Rolle spielte; das Medienecho war keineswegs einhellig, weil die politische Distanz zum „Dritten Reich“ nicht zwangsläufig auch ein entsprechendes ästhetisches Verständnis für manche in England ungewohnte Formensprache nach sich zog; und wo sich einige inzwischen exilierte Künstler wie Paul Klee selbst als Leihgeber an der Schau beteiligt hatten in der Hoffnung, vielleicht auch ein paar Verkäufe tätigen zu können, ging das offenbar nur in einigen Fällen auf. So sind es dann auch die individuellen Wege der ausgestellten Bilder, (wenigen) Skulpturen und vor allem ihrer Schöpfer und damaligen Leihgeber, aus deren klarer und übersichtlicher Darstellung der kommunikative Gewinn für die Besucher besteht. Hier bewirkt die notwendige Verdichtung vielleicht sogar konzentrierteres Nachdenken, denn für die „Schicksalslinien“ der Werke sind wenige charakteristische Beispiele aussagekräftig genug, und zwei prächtige Kandinskys etwa statt seiner 13 Stücke in London (ein Murnau-Bild von 1908 und eine der „Improvisationen“ von 1914) tragen dann gut auch die ideelle Last der fehlenden Bilder mit. Der damalige handlich kleine Katalog ist neben einem schön gestalteten Flyer ebenfalls in der Schau zu sehen und dürfte den heutigen Kuratoren die Such- und Findearbeit um einiges leichter gemacht haben – obwohl zur dynamischen Geschichte von „London 38“ auch gehört, dass einige Stücke wohl zu sehen, aber nicht im Verzeichnis aufgenommen waren und 80 Jahre später nur durch Vermerke an den Objekten selbst zugeordnet werden konnten. Manchmal sind es fast kriminalistische Storys, die sich da entfalten (und im aktuellen, umfangreicheren Katalog als Ergebnis gründlicher Nachforschungen sicher noch ausführlicher nachzulesen sind); sie machen Kunstgeschichte in ihren politischen und soziologischen Zusammenhängen greifbar wie nur selten sonst. Die Ausstellung Bis 14. Januar in der Liebermann-Villa am Wannsee; täglich außer dienstags 11-17 Uhr.