Kultur Amerikanisches Schlachten
Ein Western! Wer liest denn noch so etwas? Ist das nicht viel eher Stoff für Groschen-Romane? Doch Sebastian Barrys „Tage ohne Ende“ ist weit entfernt von jeder Wildwest-Romantik. Sein von Hans-Christian Oeser herausragend übersetzter Roman stellt quasi auf jeder Seite die Frage nach dem amerikanischen Traum, nach dem Gründungsmythos der USA.
Schonungslos realistisch, hart und direkt erzählt der irische Autor Sebastian Barry in „Tage ohne Ende“ die Geschichte seines Helden Thomas McNulty. Der floh als Kind vor der grausamen Hungersnot in seiner irischen Heimat, verlor seine gesamte Familie in der Neuen Welt und gewinnt in John Cole nicht nur den Freund, sondern auch die Liebe seines Lebens. Gemeinsam müssen sie Schlimmstes erleben, doch Thomas bewahrt sich auch noch in den grausamsten Kriegsszenen seinen naiven Optimismus. Er ist ein Wiedergänger von Grimmelshausens Simplizius Simplizissimus, Es sind Kriegstage ohne Ende. Das Schlachten will einfach nicht aufhören. So lange die beiden Jungs noch hübsch genug sind, verdienen sie sich ihr Geld mit einer Travestienummer in einem Saloon. In Frauenkleidern fühlt sich Thomas am wohlsten, seine feminine Seite kann er an der Seite des „hübschen“ John Cole ausleben. Später werden die beiden sogar heiraten, mit dem adoptierten Indianermädchen Winona eine eigene Familie gründen und ihr Leben auf einer Farm in Tennessee genießen. Endlich. Nach all dem Morden, all den Entbehrungen, all der Qualen. Die Homosexualität seiner beiden Hauptfiguren führt Barry ganz unprätentiös, beinahe beiläufig ein. Sie spielt im Grunde keine Rolle, ist eine Selbstverständlichkeit (auch wenn sie dies im Amerika zur Zeit der Sezessionskriege sicherlich nicht war). Thomas und John kämpfen gegen Indianer, sind an Massakern beteiligt, erleben den Blutrausch als eine Macht, der sich der Soldat nicht entgegenstellen kann. Es ist ein mühsamer, qualvoller Kriegsalltag, den der Autor schildert, erst recht im Krieg der Union gegen die Südstaatler. Der Erzähler und sein Freund geraten in Gefangenschaft, erleben, wie die Südstaatler Schwarze morden, überleben diese Zeit als lebende Leichen. Völlig ausgezehrt, ausgehungert. Kaum noch als Menschen. Es wird nichts beschönigt in diesem Buch, das von einer Zeit erzählt, in der sich die amerikanische Nation erst noch finden musste. Eine Zeit der Eroberungen, der Landnahmen und des Bruderkriegs. „Als der alte Cromwell nach Irland kam, sagte er, er würde nichts am Leben lassen. Sagte, die Iren wären Ungeziefer und Teufel. Säubert das Land, lasst gute Leute Einlass finden. Gründet ein Paradies. Schätze, jetzt gründen wie das amerikanische Paradies.“ Thomas hat gerade miterlebt, wie sein Major aus persönlicher Rache einen ganzen Indianerstamm auslöschen ließ. Hat gesehen, wie seine Kameraden die Leichen schändeten, Frauen und Kinder mit Bajonetten abschlachteten. Diese neue Heimat, der Iren, Chinesen, der Deutschen und Italiener, all dieser Flüchtlinge, die sich aus der ganzen Welt kommend auf den amerikanischen Kontinent gerettet haben, sie ist auf Blut begründet. Das Blut der Ureinwohner. Das Blut der Schwarzen. Das Blut der Unionisten und der Konföderierten. Am Ende rettet sich Thomas in die Idylle. Vielleicht in eine Utopie. Winona und John erwarten ihn auf der Farm, nachdem er knapp einem Standgericht entgangen ist. Hier kann er vielleicht nochmals Glück finden. Ruhe auch. Und all die Schrecken vergessen. Lesezeichen Sebastian Barry: „Tage ohne Ende“, Roman; übersetzt von Hans-Christian Oeser; Steidl-Verlag; 261 Seiten; 22 Euro.