Kunst Aktion „Offene Ateliers“: In der Herzkammer der Kunst
Bei Joseph Beuys zu Hause im Atelier in Kleve sah es aus wie Hund. Aufgetürmt, ein Siebensachen-Chaos, Äxte, Tierschädel, Faustkeile, irischer Kleeblattsamen, ein Fläschchen Hasenblut. Eine Ratte weste in einem Karton vor sich hin. Alberto Giacometti (1901 bis 1966) hauste in einem Pariser Winzstudio und ritzte Skizzen in die Wand. In den fabrikähnlichen Arbeitsstätten des dänisch-isländischen Künstlers Olafur Eliasson in Berlin und Kopenhagen wird gekocht. Für alle das Gleiche, bis aufs Gramm. An manchen Tagen gibt es nur orangefarbene Sachen. Oder blaue. Und Jonathan Meese, Jahrgang 1970, deutsches Kunst-Skandalkind, ist auf einem Video zu sehen, wie er in seiner Werkstatt Farbe an die Wand klatscht und selig singt: „Ich bin der Märchenprinz“.
„Mythos Atelier“ hat Ina Conzen 2012 ihre Schau zum Thema an der Stuttgarter Staatsgalerie genannt. Die Kuratorin hält den Arbeitsraum von Künstlerinnen und Künstlern für ultimativ repräsentativ. Das Atelier, eine Art von begehbarem Manifest. Achten Sie mal darauf, wenn Sie an den kommenden beiden Wochenenden losziehen zur vom Land unterstützten „Aktion Offene Ateliers“, die der Berufsverband Bildender Künstlerinnen und Künstler Rheinland-Pfalz (BBK) veranstaltet. Das Atelier ist der privateste Ort überhaupt. „Hier sieht man, wie sie arbeiten, aber man sieht auch noch viel mehr“, schreibt auch der Fotograf Gautier Deblonde, der für einen Bildband weltweit die Ateliers berühmter Künstler dokumentiert hat. Hinzugehen lohnt sich, wenn schon mal die Möglichkeit besteht. Wirklich. Zu Regina Reim nach Speyer und Verena Zoege von Manteuffel nach Stelzenberg und Franz Martin nach Dahn und zur Waldschlösschen-Künstlerwerkgemeinschaft nach Kaiserslautern, in der das kollektive Arbeiten an jeweils eigenen Arbeiten erprobt wird. Oder zu dem symbiotischen Ludwigshafener Paar Mwangi Hutter, echten Kunststars, die am Rheinufer den neuen Ursprungsort ihrer bei vielen Biennalen zu sehenden Werke herzeigen. Hingehen also, und sei es nur, um zu dokumentieren, dass es keine Sonntagsreden waren, als es doch in der wütenden Pandemie immer hieß, Kunst sei ein Lebensmittel. Und da sein, gerade jetzt, wo doch auch für die Künstlerinnen und Künstler keine besseren Zeiten anstehen. Ach ja, wer schon mal da ist: Kunst zu kaufen, wäre im Übrigen auch eine Option.
Info
www.bbkrlp.de/verband/archiv/offene-ateliers/
In der Printausgabe von Donnerstag, 15.9. erscheint dazu eine Sonderseite.