Kultur
Ai Weiwei, jippie yeah: Das PR-Kunststück einer Pfälzer Baumarktkette und des Weltkunststars
Ai Weiwei, chinesischer Kunstweltstar im ewigen Dissidentenmodus, zeigt der Welt in seinen Werken gerne den Stinkefinger. Zuletzt hat er sich in diesem Sinn vor allem mit Deutschland- und Deutschen-Beschimpfungen profiliert. Und das uns, die wir uns ganz besonders für ihn stark gemacht haben, um ihn aus China loszueisen. Jetzt sind wir geschichtsvergessene Tölpel, ausländerfeindlich, verstockt, unbelehrbar, weltunoffen. Und erst die Taxifahrer in Berlin. Undank ist eben eine harte Währung in der bösen, kalten Aufmerksamkeitsökonomie.
Aber zumindest die Pfälzer scheint der nach England Weiteremigrierte ja teilweise noch zu mögen. Denn jetzt hat er mit der hier ansässigen Baumarktkette Hornbach ein gemeinsames Kunstwerk präsentiert. „Safety Jackets Zipped the Other Way“ heißt es, die Auflage der Arbeit tendiert Richtung unendlich. Dass heißt, bis die orangefarbenen Sicherheitswesten mit den Reflektorstreifen endgültig ausverkauft sind, die im Titel angesprochen werden.
Die Idee entstand bei „Rechercheausflügen“ in den Baumarkt
Wie der schon sagt, besteht die ganze Kunst darin, ihre Reißverschlüsse anders zuzuziehen – so dass sie miteinander verbunden an Stangen aufgehängt werden können, vielleicht auch gekreuzigt, wer weiß das schon. Kunst ist interpretationsoffen wie ein Scheunentor in Bornheim. Die Pointe des Ganzen besteht sowieso darin, dass alles, was man dazu braucht – Jacken, Stangen, Kabelbinder – zu handelsüblichen Preisen bei Kunstbedarf Hornbach gekauft werden kann. Inklusive eines vom Künstler höchstselbst erstellten, bedienungsanleitenden Handbuchs für 18 Euro.
Die Idee zum Werk, das in mehreren Varianten verfertigen lässt, sagt Ai Weiwei, sei ihm bei „Rechercheausflügen“ vor Ort gekommen. Und, pardon, „Fuck the Kunstmarktsystem“, sagt er. Er sagt, das Zip-Ding sei ein „demokratisches“ Kunstwerk und kritisch sowieso. Jeder Neubau, ein Original. Ei jei jei, Ai Weiwei. Natürlich führt er als theoretisches Silikon Marcel Duchamp (1887 bis 1968) an, den Jahrhundertkünstler, der ein Urinal zum Kunstwerk und Ready Made erklärt hat und damit durchkam – 1914. Und Beuys selbstredend („Jeder ist ein Künstler“), der mit Hut und Anglerweste dem – gefühlt – typischen Baumarktbesucher zu Lebzeiten schon sehr nah kam.
Bei Hornbach dürften die Korken geknallt haben
Bei Hornbach jedenfalls dürften – ja, ja, jippie jippie yeah – die Sektkorken geknallt haben über die Nobilitierung des Sortiments und den billigen PR-Coup. Aber auch für unsereins ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten. Ab jetzt sind Akkuschrauber die besseren Pinsel. Jede Bauwagen-Garderobe = eine Ai-Weiwei-Installation. Und wer zu blöd ist, den Reißverschluss seiner Sicherheitsweste richtig zuzuziehen, kann ab sofort als Kunstwerk to go herumlaufen. Botschaft: Fuck you, Gefahr. Ich persönlich habe mich ja sowieso schon immer gefragt, warum meine Heimwerkerversuche nicht als Inkunabeln des Scheiterns in Museen ausgestellt werden.