Medien
75 Jahre „Der Spiegel“: „Liberal, im Zweifel links“
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte in der britischen Zone die „Information Control Unit“ den Auftrag, neue Presse- und Rundfunkstrukturen aufzubauen. Sie wollte den Deutschen nach jahrelanger Nazi-Propaganda demokratisches Denken und Pressefreiheit nahebringen. Die drei Presseoffiziere John Seymour Chaloner, Henry Ormond und Harry Bohrer – letzterer als kommissarischer Chefredakteur – werkelten nach dem Vorbild der englischen „News Review“ und des amerikanischen „Time Magazine“ an einem Periodikum namens „Diese Woche“.
Die erste Probenummer des Spiegel-Vorläufers startete bereits im Oktober 1946. Allerdings war nach nur sieben Ausgaben Schluss, denn nach Meinung der Alliierten hatte das „British Paper“ allzu kritisch über die eigene Besatzungspolitik berichtet. Deshalb sollte das Blatt zügig „in deutsche Hände“ übergeben werden. Die Wahl fiel auf den erst 23-jährigen Rudolf Augstein, den Leiter des Deutschland-Referats bei „Diese Woche“.
Augstein war Verleger und Chefredakteur
Die erste Begegnung mit Augstein im Sommer 1945 hatte Chaloner noch wenig beeindruckt: „Er saß vor mir in seinem grauen Wehrmachtsmantel, schmächtig, mit Stahlbrille, und machte nicht viel von sich her“, erinnerte er sich später. Das sollte sich jedoch bald ändern, der Major hielt große Stücke auf den jungen Mann. Besonders beeindruckt war der Presseoffizier von der Tatsache, dass Augstein ihm als einziger auch die Meinung sagte und nicht unterwürfig war. „Er hatte so eine Persönlichkeit: Was er sagte war immer kurz und knapp, und das machte einen guten Eindruck, dynamisch und intelligent – ein arbeitender Journalist, kein Angeber“, fasste er seine Einschätzung zusammen. Augstein sollte unter der Bedingung, einen neuen Namen zu präsentieren, die Lizenz zur Herausgabe des neuen Magazins erhalten.
„Mir fiel nichts ein. Ich fragte meinen Vater, was besser klinge“, sagte Augstein einmal rückblickend, „,Der Spiegel’ oder ,Das Echo’?“, und der antwortete ,Der Spiegel’. Niemand von uns glaubte an die Zukunft des Blattes ...“ Augstein war über Nacht Verleger, Herausgeber und Chefredakteur. Die Erstausgabe, 22 Seiten stark, erschien am ersten Samstag des Jahres 1947 in einer Auflage von 15.000 Exemplaren – die Papierrationierungen der Briten verhinderten höhere Stückzahlen.
Die erste Ausgabe des „Spiegels“
Auf dem Spiegel-Titel war Österreichs Gesandter Dr. Ludwig Kleinwächter abgebildet, der im Weißen Haus in Washington vorsprach. Im Heft befanden sich unter anderem Texte über den Paragraphen 218, zum geplanten Bau eines Mont-Blanc-Tunnels und zur Lage auf dem Schwarzmarkt. An der äußeren wie inhaltlichen Aufmachung des Spiegel hat sich seitdem kaum etwas geändert, Rubriken wie Panorama, Deutschland, Ausland, Wirtschaft und Personalien gab es schon damals.
Die Kernmannschaft bestand aus einer Vielzahl sehr junger Redakteure und dazu einer Handvoll älterer Kollegen. „Wir wollen das schreiben, was wir, hätten wir dieses Blatt nicht, anderswo lesen wollten“, resümierte Augstein die Ausrichtung. Dazu gehörte ebenso der eiserne Grundsatz, vor keiner Autorität, nicht einmal vor einer befreundeten, zu kuschen. Und im 1949 beschlossenen Redaktionsstatut hieß es: „Alle im Spiegel verarbeiteten und verzeichneten Nachrichten, Informationen, Tatsachen müssen unbedingt zutreffen.“ Sie seien „peinlichst genau nachzuprüfen“. Redaktionssitz war bis zum Umzug nach Hamburg 1952 das Anzeiger-Hochhaus in Hannover.
Von Beginn an waren die Hefte stets ausverkauft. Schon bald entwickelte sich das Blatt zum journalistisch-kritischen Begleiter der Bonner Republik. 1962 stand das Magazin selbst im Mittelpunkt der „Spiegel-Affäre“: Wegen der kritischen Titelgeschichte „Bedingt abwehrbereit“ zur schwächelnden Verteidigungsstrategie der Bundesrepublik wurden am 26. Oktober die Redaktionsräume im Hamburger Pressehaus durchsucht und geschlossen, die Chefredakteure sowie der Herausgeber verhaftet. Bundeskanzler Konrad Adenauer sagte im Bundestag, beim „Spiegel“ habe sich ein „Abgrund von Landesverrat“ aufgetan.
Angriff auf die Pressefreiheit
Dieser Angriff auf die Pressefreiheit löste in weiten Teilen der Bevölkerung Empörung aus, nicht nur Studenten solidarisierten sich mit dem „Spiegel“. Augstein kam nach 103 Tagen in Untersuchungshaft frei, am Ende reichte Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß seinen Rücktritt ein.
Die Affäre begründete den Mythos des Blattes, der ehemalige „Spiegel“-Chefredakteur Hans Detlev Becker beschrieb sie als kommerziellen Durchbruch: „Danach wusste jeder in ganz Deutschland, dass es unser Magazin gibt.“ Das zeigte sich auch in einer Auflagensteigerung auf über 500.000 Exemplare pro Woche. Über die Jahre deckte der „Spiegel“ zahlreiche Skandale auf, berichtete über Machenschaften von Politikern und blieb unbequem. Allein in den 1980er Jahren thematisierte der Spiegel Affären über Flick, die Neue-Heimat, Uwe Barschel und die co-op.
Bereits 1974 hatte Verleger Augstein den Mitarbeitern 50 Prozent des Unternehmens geschenkt. Seitdem sind sie stille Teilhaber und mit der Hälfte am Gewinn beteiligt. 1988 bekam das Blatt mit dem Spiegel TV-Magazin einen Fernsehableger bei RTL. Ab 1994 trat der „Spiegel“ auch online mit einem eigenen, gleichnamigen Nachrichtenportal auf, von 2002 an gab es die jeweilige wöchentliche Ausgabe auch digital im PDF-Format. Nach jahrelangen Auseinandersetzungen über die strategische Ausrichtung besteht erst seit 2020 eine Gemeinschaftsredaktion für den Print- und Digitalbereich.
Mitunter geriet das Magazin aber auch selbst in die Kritik. Erst 2006 kam ans Licht, dass in den Anfangsjahren SS-Offiziere als „Spiegel“-Redakteure und Serienautoren beschäftigt waren. 2018 wurde bekannt, dass der langjährige Mitarbeiter Claas Relotius wesentliche Inhalte von Berichten erfunden hatte.
Die Krise der Printmedien
Und die Krise der Printmedien ist auch am Nachrichtenmagazin nicht spurlos vorübergegangen. Im dritten Quartal des vergangenen Jahres betrug die verkaufte Auflage rund 696.000 Exemplare, ein Minus von etwa 34 Prozent seit 1998. Dieser Trend scheint aktuell jedoch gestoppt. „Insgesamt, also Print- und Digital-Abos zusammengerechnet, steigt die Auflage seit 2020 wieder“, behauptet jedenfalls „Spiegel“-Chefredakteur Steffen Klusmann.
1968 definierte Augstein die Linie des Magazins als „liberal, im Zweifel links“. Über die Jahre etablierte er mit dem „Spiegel“ den Enthüllungsjournalismus in Deutschland. Bis 1993, als „Focus“ auf den Markt kam, war das Magazin praktisch ohne Konkurrenz. Am 7. November 2002 starb Augstein kurz nach seinem 79. Geburtstag, auch postum wird er als offizieller Herausgeber genannt.
„Zum 75. Geburtstag haben wir uns einiges vorgenommen. Wir wollen ein kleines, feines Nachrichtenteam gründen, das wieder mehr Agenda Setting betreibt; wir wollen die Investigation stärken; wir haben ein halbes Dutzend Exzellenz-Workshops ins Leben gerufen, die Ideen liefern wollen, wie wir bei unserem Angebot nochmal eins drauflegen können“, blickt Klusmann in die Zukunft.