Kino
72. Berlinale: Leitungsduo hält an Präsenz-Festival fest
Das Sicherheitskonzept sei ausgeklügelt, beteuert Berlinale-Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek. So sollen die Filme dezentral gezeigt werden, das Programm werde entzerrt. Es gilt 2G-plus, und FFP2-Masken müssen dauerhaft getragen werden.
Im Mittelpunkt sollen diesmal die Filme stehen, sagt Rissenbeek. Und das Berliner Publikum. Was indirekt heißen dürfte: Stars kommen wohl nicht. Oder weniger als sonst. Schon, um Menschentrauben zu vermeiden. Eine Autogrammjagd am roten Teppich dürfte es dann ebenso wenig geben wie Gedränge am Hintereingang des Hotels, an dem sonst die Stars für die Pressetermine vorgefahren werden. „Der Kern des Festivals“ solle aber erhalten bleiben.
Was noch mehr werden könnte
Warum aber nicht online gehen angesichts der rasant steigenden Infektionszahlen? „Um Filmen die notwendige Sichtbarkeit zu bieten“, sagt Rissenbeek. „Das gemeinschaftliche Kinoerlebnis ist zentral für ein Festival wie die Berlinale“, unterstreicht Carlo Chatrian, der künstlerische Leiter. Ob das Publikum dies trotz Omikron auch so sieht, muss sich noch zeigen. Im Hintergrund geht es der Berlinale-Führung aber sicher auch darum, den Status als A-Festival zu sichern und nicht weiter gegenüber Cannes und Venedig an Bedeutung zu verlieren.
Schon in der Ausschreibung versprach die Berlinale, weder hybrid noch rein online stattzufinden. Und so hat es laut Rissenbeek 15 Prozent mehr Film-Anmeldungen als für die digitale Vorjahresausgabe gegeben. Insgesamt aber sei das Programm – pandemiebedingt – um 25 Prozent kleiner als 2020. Es laufen 256 Lang- und Kurzfilme (2020: 340).
Keine der Sektionen wurde gestrichen, Herzstück ist weiter der Bären-Wettbewerb. 17 Uraufführungen und eine europäische Premiere soll es geben, sieben der Filme haben Frauen gedreht. „Das könnten ruhig noch mehr werden“, so Chatrian.
Gut vertreten: das Kino der Nachbarn
„Es gab noch nie so viele Liebesfilme im Programm“, machte er als roten Faden aus. Und oft gehe es um die Macht der Fantasie, teils gekleidet in befreienden Humor. Aus Deutschland kommen zwei Wettbewerbsfilme: „A E I O U – Das schnelle Alphabet der Liebe“ von Nicolette Krebitz, produziert von Komplizenfilm, der Firma der Karlsruher Filmemacherin Maren Ade („Toni Erdmann“). Sophie Rois spielt darin eine Frau, die sich in einen Dieb (Milan Herms) verliebt. Auch Andreas Dresens lang erwarteter Film über den deutschen Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz ist Bärenkandidat. In „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ steht allerdings die Mutter (Meltem Kaptan) des vermeintlichen Terroristen im Zentrum. Und es handelt sich vielleicht gar um eine Komödie.
Gut vertreten ist auch das Kinoschaffen der Nachbarn: Von Ulrich Seidl, einem der radikalsten Regisseure Österreichs, läuft „Rimini“. Der Schweizer Michael Koch ist mit „Drii Winter“ (Deutschland, Schweiz) erstmals in den Wettbewerb geladen. Ursula Meier, die mit „Winterdieb“ 2012 im Berlinale-Wettbewerb die Herzen erwärmte und einen Silbernen Bären gewann, beleuchtet mit „La Ligne“ (Schweiz, Frankreich, Belgien) einen Mutter-Tochter-Konflikt.
Eröffnungsfilm aus Frankreich
Einige „Alte Bekannte“ sind erneut mit Filmen zu Gast, darunter Denis Côté (Kanada), Paolo Taviani (Italien) und Hong Sangsoo (Korea). Und der Eröffnungsfilm „Peter von Kant“ (mit Hanna Schygulla) kommt von François Ozon. Erstmals im Wettbewerb ist die berühmte Französin Claire Denis. „Das wurde auch Zeit“, kommentierte Chatrian die „Abwerbung“ aus Cannes. In ihrem Film mit Juliette Binoche gehe es um ein Liebesdreieck.
In den Reihen „Encounters“ – dem Wettbewerb für Experimentelleres – und „Special“, wo auch gesellschaftspolitische Dokumentationen laufen, gibt es ebenfalls deutsche Beiträge. In „Encounters“ laufen „Axiom“ des gebürtigen Schweden Jöns Jönsson und „Zum Tod meiner Mutter“ von Jessica Krummacher, die in Karlsruhe Medienkunst und in München Dokumentarfilm studierte. Im „Special“ laufen soll die AfD-Doku „Eine deutsche Partei“ von Simon Brückner sowie der luxemburgisch-deutsche, 1942 spielende Film „Der Passfälscher“.