Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel 21. Festival Enjoy Jazz: Weltoffen und sehr weiblich

Ein Star zu Gast: Dee Dee Bridgewater. Foto: DPA
Ein Star zu Gast: Dee Dee Bridgewater.

Es wird wieder sechs Wochen randvoll mit Jazz und anderem geben: In Heidelberg ist das Programm des Festivals Enjoy Jazz vorgestellt worden. Rund 70 Veranstaltungen sind vom 2. Oktober bis 16. November an den drei Festivalstandorten in Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen geplant, knapp 300 Musikerinnen und Musiker sind dabei. Jazzprominenz ist ebenso vertreten wie junge Bands, und der Frauenanteil ist rekordverdächtig hoch.

Bei der Programmvorstellung bekam Rainer Kern ausnahmsweise etwas geschenkt. Die Ludwigshafener Kulturdezernentin Cornelia Reifenberg, die mit ihren Kollegen aus Mannheim und Heidelberg und Sponsorenvertretern auf dem Podium saß, hatte dem Festivalleiter eine Umhängetasche in den Festivalfarben Grün und Magenta mitgebracht. Schülerinnen der Schloss-Schule in Ludwigshafen haben die Taschen aus den großen Kunststoff-Bannern gefertigt, mit denen das Festival an den Spielstätten für sich wirbt und die nach dem letzten Konzert ausrangiert werden.

Zum Auftakt kommt die legendäre Pianistin Carla Bley

Auch wenn sich Rainer Kern über das bunte Teil begeistert zeigte, ist umweltfreundliche Nachhaltigkeit noch nicht Bestandteil des Konzepts. Gendergerechtigkeit dagegen schon. Enjoy Jazz unterstützt die Initiative „Keychange“, die sich für mehr Frauen in Festivalprogrammen einsetzt. Auf knapp 40 Prozent bringt es Enjoy Jazz diesmal, nicht weil man sich eine Frauenquote auferlegt hätte, sondern weil es sich einfach so ergeben habe. „Wir befinden uns auf einem natürlichen Weg“, meint Kern. Es gibt inzwischen einfach genug exzellente Musikerinnen, um die Männerdomäne Jazz erfolgreich zu attackieren.

Carla Bley hat ihren Platz in der Jazzgeschichte natürlich schon längst sicher. Die 83-jährige Pianistin war neben dem verstorbenen Charlie Haden Kopf und Herz des Liberation Music Orchestra, hat aber vor allem mit ihren wunderbaren Kompositionen geglänzt und selbst ganz unterschiedliche kleinere Ensembles geleitet. Mit einer Reunion ihres Quartetts The Lost Chords wird sie das Festival im BASF-Feierabendhaus in Ludwigshafen eröffnen. Auch das Abschlusskonzert wird einer Frau überlassen. Die griechische Komponistin und Pianistin Eleni Karaindrou, die vor allem durch ihre Filmmusiken für Theo Angelopoulos bekannt geworden ist, kommt in großer Besetzung ins Mannheimer Opernhaus.

Ein Star ist auch die US-amerikanische Jazz- und Soulsängerin Dee Dee Bridgewater, die man ebenfalls im BASF-Feierabendhaus erleben kann. Zu den zahlreichen jungen Musikerinnen im Programm zählen die Vokalistin Lucia Cadotsch, die Schweizer Pianistin Marie Kruttli, die afrikanische Trompeterin Sheila Maurice-Grey und Keyboarderin Liz Kosack, die beim Festival den SWR-Jazzpreis erhalten wird.

Künstler aus 28 Ländern sind gebucht

Neben der regionalen Vernetzung ist Internationalität für Rainer Kern entscheidend für die Festivalplanung – „die Öffnung für eine transnationale Kultur“, wie er es nennt. In Zeiten, in denen AfD-Politiker aus leicht durchschaubarer populistischer Absicht heraus nach der Herkunft von Künstlern fragen, ist Internationalität zu einer politischen Botschaft geworden. Bei Enjoy Jazz gehören Musiker aus der Region, aus Deutschland und aus 27 weiteren Ländern ganz selbstverständlich zum Gesamtbild einer bunten, vielfältigen Jazzszene. Die US-amerikanische Saxophonlegende Archie Shepp wird da mit dem deutschen Pianisten Joachim Kühn ein Duo bilden, der Bassist und Sänger Richard Bona aus Kamerun tritt mit dem kubanischen Pianisten Alfredo Rodriguez auf, und Dave Holland, Chris Potter und Zakir Hussain, gebürtig aus Großbritannien, USA und Indien, bilden das großartige Cross Currents Trio.

Auch Elektroniktüftler geben sich die Ehre

Es gibt also auch noch genug Männer im Programm. Musiker wie Tubaspieler Theon Cross, Fusion-Keyboarder Mark Guiliana, Jazz-Funk-Pianist Kamaal Williams oder Posaunist Ryan Porter, zu dessen Band auch Saxophon-Shootingstar Kamasi Washington gehört, lassen spannende Konzerte erwarten. Ein „Spotlight Polen“ bringt eine Konferenz, die Austauschmöglichkeiten zwischen deutscher und polnischer Musikindustrie erörtert, und einen Konzertabend mit Nachwuchsjazzern aus dem Nachbarland. Und der norwegische DJ, Remixer und Elektroniktüftler Jan Bang ist diesmal Artist in Residence und plant unter anderem ein Projekt mit dem Frankfurter Ensemble Modern. Neben den abendlichen Konzerten gibt es wieder Matineen, Filmprogramme, Masterclasses und ein Big-Band-Projekt für Schüler. Der Festivaletat liegt bei knapp 1,5 Millionen Euro, Zuschüsse kommen von den drei beteiligten Städten und den Bundesländern Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Hauptsponsoren sind der Softwarehersteller SAS und die BASF.

Programm und Karten

  • Komplettes Programm und Eintrittskarten im Netz unter www.enjoyjazz.de sowie bei den bekannten Vorverkaufsstellen.

Eröffnet das Festival: Carla Bley. Foto: Archiv/Frei
Eröffnet das Festival: Carla Bley.
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