Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Überragend gerettet: Verdis Oper „I masnadieri“ im Rosengarten

Mehr als eine Einspringerin: Margarita Vilsone
Mehr als eine Einspringerin: Margarita Vilsone

So eine Situation wünscht sich kein Opernhaus. Tage vor der halbszenischen Mannheimer Nationaltheater-Premiere von Giuseppe Verdis „I masnadieri“ im Rosengarten: die Hiobsbotschaft. Zsuzsanna Adám, die die Amalia singen soll, kann nicht, sie ist krank. Trotzdem wurde es eine musikalisch überzeugende Vorstellung.

Die Oper „I masnadieri“ steht selten auf Spielplänen, entsprechend rar sind die Ersatz-Soprane. Margarita Vilsone konnte, kam und war der Glücksfall. Sie singt die Amalia an der Wiener Volksoper, was man dort auf Deutsch tut. Die in Lettland geborene Sängerin mit Ausbildung in Bremen und Nürnberg hat sich den italienischen Originaltext ratzfatz draufgeschafft. Das zu können ist von sich aus schon eine Leistung , aber auf dem Podium zu stehen und den Eindruck erwecken, als sei dieser Auftritt von langer Hand vorbereitet, das steht für hohe Professionalität.Also Chapeau!

Die Frage, ob man Verdis erste Schiller-Oper nicht besser szenisch gegeben hätte erübrigt sich. Nicht nur weil das selten und selten zufriedenstellend passiert, es geht halt nicht. Auch von der Sache her scheint das ein wenig glücklicher Einfall. Das Stück ist kurios, eher Szene an Szene zusammengeleimt als stringent, noch ohne den berühmten „filo“, den schon Leopold Mozart einst eingefordert hat. Bei Verdis letzter Oper nach Schiller, dem „Don Carlo“, einem absoluten Meisterwerk, ist das dann ganz anders. Hier aber: Charaktere mit wenig bis keiner Tiefenschärfe, reichlich Humtata und das leidige stop and go einer italienischen Nummernoper Mitte des 19. Jahrhunderts. Also vergesst Schiller!

Die Lust am Mord

Bleibt das, was die Ausführenden daraus machen. Musikalisch hielt die Aufführung ein hohes Niveau. Dass GMD Roberto Rizzi Brignoli das rechte Händchen für alles Italienische hat, ist bekannt. Er hält zusammen, was gar nicht zusammenzuhalten ist, klärt, ordnet, lässt es krachen, wo die Partitur es verlangt und vernachlässigt die zurückgenommeneren Passagen an keiner Stelle. Das Orchester des Nationaltheaters spielt tadellos und tadellos ist auch der von Mannheims Chordirektor Alistair Lilley wie immer perfekt vorbereitete Chor, der den brutalen Einlassungen der Räuberbande den rechten Pfeffer mitgibt – dessen fröhliches Besingen der Lust an Mord und Vergewaltigung mit einer aufgekratzt tönenden Musik zu bekleiden, die genauso gut für patriotische Risorgimento-Gesänge passt, die man problemlos mitsingen könnte – nun, das geht auf das Konto von Meister Verdi.

Von der Einspringerin, die kein „Ersatz“ war, war schon die Rede. Margarita Vilsone hat (unter anderem) anspruchsvollste Partien wie Desdemona (Verdi), Tosca (Puccini) und Ariadne (Strauss) im Repertoire und das hört man an ihrer Amalia, die bei Verdi und seinem Librettisten Andrea Maffei vor allem vor sich hin leiden darf. Wenn man das so fein und technisch ausgereift tut wie Margarita Vilsone, ist der Erfolg beim Publikum schon fest einprogrammiert.

Gebremstes Großtalent

Als „eines der größten europäischen Operntalente“ annonciert war der ukrainische Tenor Vasyl Solodkyy, Jahrgang 1991. Nun, bei seinem sehr soliden Carlo Moor ist noch etwas Luft nach oben. Nicht unbedingt der große Strahlemann, der die Brüche und Ungereimtheiten dieser zwischen Sentimentalität und verbittertem Rachedurst angelegten Figur vokalprächtig zukleistern könnte – eine in Zukunft noch manches versprechende erste Begegnung wars aber allemal, wenn auch eine gebremst eindrucksvolle.

Nur Gutes derweil vom Mannheimer Ensemble, Evez Abdulla als abgefeimt böser Bruder Francesco, mit sattem Bariton zu großer Form auflaufend im großen Dialog mit Pastor Moser, aus dem Marcel Brunner mehr als einen Stichwortgeber macht, dann Sung Ha, der seinen kernigen Bass für den unglücklichen Vater Massimiliano Moor klug zu zügeln weiß, Christopher Diffey als Diener Arminio und last but not least Uwe Eikötter, dessen Räuber Rolla von einer immensen musikalischen Erfahrung und Erfahrung profitiert – alles übrigens Rollendebüts.

Von einer (halb)szenischen Einrichtung durch die Regieassistentin Eva Collura war zu lesen, aber wenig Sinnvolles zu sehen. Beispiele? Die Räuber trugen rote Halstücher und streckten die rechte Faust in die Höhe. Ansonsten trug man Frack, nur Carlo eine Art Anzug und – warum auch immer – ein altmodisches Schwert. Amalia wurde am Ende nicht erdolcht, sondern mit dem Räubertuch erwürgt. Francesco bedrängt Amalia? Geht nicht, stehen zu weit auseinander .... Bitte das nächste Mal einfach singen, ohne Deko!

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