1. FC Kaiserslautern
Die Extreme der Roten Teufel
Aus dem Unglück anderer lässt sich manchmal ganz besondere Kraft ziehen. Nicht ausgeschlossen also, dass diese 84. Minute im Zweitrunden-Pokalkrimi gegen den 1. FC Köln eine Art Wendepunkt in der Saison des 1. FC Kaiserslautern darstellt. Florian Kainz wollte einen Konter der Roten Teufel – zu mehr waren sie in der Endphase des Spiels nicht mehr imstande – unterbinden. Doch der Kölner zupfte nicht nur am Trikot von Boris Tomiak, er fuhr ihm kräftig in die Beine: Rote Karte. Die Grätsche verfehlte den Ball deutlich und traf nicht nur den Gegenspieler, sondern auch die Aufholjagd des eigenen Teams empfindlich. Der FCK darf „Danke“ sagen.
Denn fast wäre es wieder passiert. Die Mannschaft von Trainer Dirk Schuster war einmal mehr auf dem besten Weg, einen deutlichen Vorsprung zu verspielen – und das innerhalb kürzester Zeit. Die beiden Kölner Gegentore durch Jan Thielmann und Mark Uth fielen binnen zehn Minuten. Natürlich ist es hypothetisch und spekulativ, wie das Spiel ohne den Platzverweis verlaufen wäre. Und doch ist es symptomatisch: Der FCK ist derzeit in der Lage, sich in einen regelrechten Rausch zu spielen. Genauso schnell vermag er es aber, das mühsam aufgebaute wieder einzureißen. Er wandelt zwischen den Extremen, und wie das so ist mit rauschhaften Zuständen: sie machen süchtig und sind gefährlich.
Anzeichen gab es schon Anfang September
Drei Tore in Düsseldorf in elf Minuten, am Ende verloren. Drei Tore gegen den Hamburger SV, und trotzdem noch das Unentschieden kassiert. Doch dass der FCK seine Probleme damit hat, mit einem Vorsprung umzugehen, zeigte sich nicht erst bei den jüngsten Spektakel-Spielen. Fünfter Spieltag, Nürnberg ist zu Gast auf dem Betzenberg: Drei Tore zwischen Minute 19 und 30, es ist der erste dieser Sturmläufe, den die Roten Teufel in dieser Saison zu entfachen wissen. Dass das Spiel aber nicht gänzlich kippt und 3:1 endet, liegt auch an zwei wegen Abseits zurückgenommenen Treffern der Nürnberger. Die Anzeichen waren schon Anfang September erkennbar.
Zwei Monate später sind sie überdeutlich. Schießt der FCK drei Tore, besteht für die Anhänger noch lange kein Grund, sich in Sicherheit zu wiegen. Fühlt sich die Mannschaft zu sicher? Schwinden die Kräfte? Gegen Köln spielte die Mannschaft 65 Minuten souverän, verteidigte grundsolide gegen einen Bundesliga-Klub, es folgte der Einbruch. „Sie waren total platt“, stellte Effzeh-Coach Steffen Baumgart fest. Auch FCK-Trainer Schuster erkannte an, dass „hintenraus“ ein paar Körner ob des laufintensiven Spiels fehlten. Hinzu kommt der psychologische Effekt. „Dann beginnt wieder das Rattern im Kopf“, sagte er, und seine Spieler äußerten sich ähnlich. Einen Vorsprung einfach mal zu verwalten, das zählt (noch) nicht zu ihren Stärken. Sie würden ja gerne, aber es gelingt ihnen nicht. Positiv gewendet: Langeweile gibt es mit diesem FCK selten. Aber ob das über eine gesamte Spielrunde durchzuhalten ist?
Was ist schon normal beim FCK?
Dabei erinnern die Worte an die Vorsaison. Auch im ersten Zweitliga-Jahr reihten sich die nervenaufreibenden Partien aneinander: 4:4 gegen Magdeburg, 3:3 gegen Darmstadt, 2:2 gegen Heidenheim. Als die Losung des Trainers lautete, weniger Spektakel zu liefern, folgte ein 0:3 gegen den späteren Absteiger Jahn Regensburg. Das, was sich seit etwas mehr als einer Saison in Kaiserslautern abspielt, erinnert an die großen Betze-Tage, war nun nach dem Pokalsieg gegen Köln im Stadion zu hören: Stimmung, Leidenschaft, Emotionen, Dramatik. Doch auch dieses Jahr gibt es nicht nur die ganz großen Kracher, die nächsten Spiele gegen Greuther Fürth, Wiesbaden und Kiel könnten den Stempel „Alltag“ erhalten. Auch in diesen Partien muss der FCK überzeugen. Aber was ist schon normal bei dieser Mannschaft? Die Fans feiern das Spektakel, am Dienstag blieben sie noch lange nach dem Schlusspfiff im Fritz-Walter-Stadion.
Hoffnung besteht: Einen Drei-Tore-Vorsprung in Düsseldorf komplett verspielt, gegen den HSV immerhin ein Unentschieden geholt. Nun der Sieg gegen Köln. Der Trend stimmt, der Wunsch nach so etwas wie Stabilität bekommt neue Nahrung. „Vielleicht ist es für die Mannschaft eine wertvolle Erfahrung und ein besonderes Erlebnis, einen Vorsprung über die Zeit gebracht zu haben“, sagte Schuster. Auch wenn eine Rote Karte ein wenig dabei helfen musste.

