Kandel RHEINPFALZ Plus Artikel Ukraine-Krieg: Große Spendenbereitschaft sorgt für Stau

Am Samstag waren 30 Ehrenamtliche bei der Spendenaktion im Einsatz.
Am Samstag waren 30 Ehrenamtliche bei der Spendenaktion im Einsatz.

Ein großer Lastwagen voller Hilfsgüter ist das Ergebnis der Spendensammlung in Kandel. Dennoch hat sich diese Aktion für viele anders angefühlt, als die Hilfe für die Flutopfer. Die RHEINPFALZ hat mit engagierten Menschen vor Ort gesprochen.

Die Menschen brennen darauf, zu helfen. Es ist Freitagspätnachmittag, gegen 17 Uhr. Schon vor dem offiziellen Beginn der Spendenannahme vor und im Lager des städtischen Bauhofs in der Bismarckstraße kommen Leute, um etwas vorbeizubringen. Laura Loreth informiert die rund 20 Helfer und gibt letzte Anweisungen. Am nächsten Tag werden es sogar 30 Ehrenamtliche sein, die bei der Bewältigung des Spendenstroms mithelfen. Alles muss gut organisiert sein, damit es nicht zum Chaos kommt. „Sagt auch bitte gerne ’nein’, denn wir wollen gute Sachen abgeben“, sagt sie. Bezugspunkt hierfür wird eine genaue Bedarfsliste sein, die eingehalten werden muss.

Erst Muffins verkauft, dann Sachspenden gesammelt

Das wird dann auch ganz gut funktionieren, auch wenn es ab und an dazu kommt, dass Leute Dinge wieder mit nach Hause bringen müssen. Am Montag hatte die Familie Loreth zunächst mit dem Verkauf von Muffins Spendengelder für die Ukraine gesammelt, ehe man darauf kam, dass mehr getan werden müsse. Gemeinsam mit Stadtbürgermeister Michael Niedermeier und mit großer Unterstützung des städtischen Bauhof-Teams wurde die Aktion ab Dienstag auf die Beine gestellt. Sogar eine Umleitung über den Bahnhof wurde eingerichtet, damit die Autos reibungslos an- und wieder wegfahren können.

Denn die Menschen kommen. Zu Fuß, mit dem Fahrrad und vor allem mit dem Auto. Die Loreths, die mit dem Weihnachtspäckchenkonvoi bereits Spendenorganisationserfahrung haben, greifen dieses Mal auf das Lions Club-Netzwerk von Vater Marc zurück. Wer sich die Bedarfsliste genauer anschaut, dem fallen klare Bezüge zu Feldlazaretten und Frontstrukturen auf: Schlafsäcke, dicke Decken, Zelte, Feldbetten, Handfunkgeräte, Dieselgeneratoren, Panzerkekse und Dosenfleisch, Bergschuhe oder Thermounterwäsche für erwachsene Männer. Laura Loreth ist sich dessen bewusst. „Natürlich weisen zum Beispiel die Medikamente darauf hin, dass Menschen verletzt sind“, sagt sie. „Aber es wird gebraucht und daher ist das Sammeln auch nicht verwerflich. Aber es fällt einem schon schwer, wenn man daran denkt. Auch, dass es vielleicht Kritik geben könnte“.

Spenden, um aus der Schockstarre heraus zu kommen

Man wisse schon, wofür man sammelt, assistiert Bürgermeister Niedermeier der jungen Frau. Und schließlich wollten und brauchten die Menschen in der Ukraine das alles nur, um wieder Frieden im Land zu erhalten. Marcell Thiry und Rachel Badke aus Wörth, die gerade feste Bergschuhe vorbeibringen, spüren das Neue der Situation ebenfalls. „Ich habe ein unruhiges Gefühl. Beim Spenden für das Ahrtal fühlte ich mich gut, aber jetzt geht es in ein Kriegsgebiet“, sagt Marcell. Dennoch spenden sie jetzt, „um aus der Hilflosigkeit und Schockstarre über den Krieg herauszukommen“, sagt Rachel.

Derweil staut sich die Autoschlange manchmal schon vorne am Bahnhof. Petra Tritsch aus Rheinzabern arbeitet für den Pflegedienst Goldene Hand in Karlsruhe und hat im Auftrag der Chefin viele Medikamente und Verbandsmaterial dabei. Mitarbeiter vom Schuhhaus Grahn wiederum bringen kistenweise stabile Schuhe. Viele Unternehmen aus der Region unterstützen die Aktion, sagt Niedermeier. Vor der Sparkasse sitzt Karl-Heinz Grün aus Schaidt. Er hatte in Kandel zu tun und hat seinen kleinen Enkeln jetzt noch ein Eis ausgegeben. Er werde wie immer Geld spenden, sagt der Unternehmer. „Ich finde es gut, dass die Menschen hier so viel abliefern“, sagt er. Die von der Großmutter erzählten Kriegsgeschichten mitsamt dem Wiederaufbau des zerstörten Familienhauses seien immer noch präsent, sagt er: „Krieg ist immer hart. Und die Menschen in der Ukraine haben jetzt nichts mehr, weil alles kaputt gemacht wird.“

Hilfsgüter aus dem Freundeskreis im Kofferraum

Sarah und Tobias Kuhn sind aus Bornheim bei Landau gekommen und haben das Auto mit Hilfsgütern vollgepackt. Alles gesammelt im Verwandten- und Freundeskreis. „Jetzt machen wir das Taxi“, versucht sie es mit ein wenig Humor. Doch selbst das Herfahren nach Kandel sei „emotional schwierig“ für sie gewesen, schränkt sie ein. Unterdessen schaut Bürgermeister Niedermeier zufrieden auf den Trubel. Er sei immer „begeistert, wenn aus einem Gespräch etwas entsteht und auf einmal viele Feuer und Flamme sind, um helfen zu können“.

„Wir sind voll zufrieden“, bilanziert Laura Loreth dann am Samstagabend, als alles vorbei und ordentlich verbucht ist. Auch damit, dass ihr die Eltern die ursprüngliche Idee, die Aktion in der privaten Garage durchzuführen, ausgeredet hatten. Denn insgesamt konnten nun 34 Paletten mit Hilfsgütern zusammengestellt werden, die einen kompletten 40-Tonner-Lastwagen füllen.

Unter anderem jeweils 600 Schlafsäcke und Decken, 200 Zelte, 300 Isomatten oder auch 300 Paar Berg- und Wanderschuhe gehen jetzt auf die Reise ins Lions Club-Zwischenlager im tschechischen Pilsen oder die slowakische Grenzstadt Kosice. „Wir sind froh über die Lions-Kontakte, die bis in ukrainische Krankenhäuser oder zu Soldaten reichen“, sagt Loreth. Jetzt hofft sie nur noch, dass der Transport am Ende auch wirklich ankommt. „Wenn man einen sicheren Transportweg in die Ukraine hat, dann weiß man leider nicht, ob dem zwei Tage später immer noch so ist“, offenbart sie einen pragmatischen Realismus.

Auch Schlafsäcke und Isomatten standen auf der Liste.
Auch Schlafsäcke und Isomatten standen auf der Liste.
Schlange stehen vor der Abgabe der Spenden.
Schlange stehen vor der Abgabe der Spenden.
Eine private Garage hätte für die Hilfsgüter nicht ausgereicht.
Eine private Garage hätte für die Hilfsgüter nicht ausgereicht.
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