Interview RHEINPFALZ Plus Artikel ZEW-Präsident: „Wir müssen auch künftig Energie importieren“

Die Flamme der Brenner an Herden in Deutschland wird so gut wie nicht mehr mit russischem Erdgas gespeist.
Die Flamme der Brenner an Herden in Deutschland wird so gut wie nicht mehr mit russischem Erdgas gespeist.

Vor fast einem Jahr begann der Ukraine-Krieg. Seither ist in der deutschen Energiepolitik nichts mehr wie es war. Wolfgang Blatz sprach mit Achim Wambach, dem Präsidenten des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim.

Herr Professor Wambach, die „Zeitenwende“ für Deutschland angesichts des russischen Angriffs auf die Ukraine ist nicht aufs Militärische beschränkt. Die Bundesrepublik hat auch ihren Öl- und Gasbezug aus Russland gekappt. Doch hat sich Deutschland wirklich erfolgreich von der bisherigen Abhängigkeit gelöst?
Deutschland hat sich in einem Kraftakt von seiner Abhängigkeit befreit. Aber nicht unbedingt von den Lieferungen. Wer weiß, was in ein paar Jahren ist und ob wir dann nicht wieder Lieferungen aus Russland beziehen können. Aber derzeit steht das natürlich nicht an.

Flüssiggas-Terminals, längere Laufzeiten für Atommeiler, ein Revival für Kohlekraftwerke – der Verzicht auf russisches Gas hat manches möglich gemacht, was vor Kurzem undenkbar war. Wird es in diesem Tempo weitergehen? Ich denke da zum Beispiel an die Diskussion über Erdgas-Fracking in Deutschland.
Man muss zwei Sachen unterscheiden. Erstens die unmittelbare Reaktion auf die Energiekrise, die ja noch nicht vorbei ist. Zur ihrer Eindämmung braucht es Maßnahmen bis zum Frühjahr nächsten Jahres. Zweitens müssen wir wegen der Klimakrise unsere Wirtschaft umbauen. Auch hier gibt es einen erheblichen Zeitdruck, weil die Konzentration der Klimagase steigt. Außerdem will Deutschland bis 2045 klimaneutral werden.

Dafür muss noch vieles geschehen ...
Ja, erneuerbare Energien und Stromnetze müssen stark ausgebaut werden, die Industrie wird sich ziemlich umstellen müssen. Auch wird es notwendig sein, das Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) einzufangen und zum Beispiel unschädlich in leere unterirdische Gaslagerstätten zu pressen. Aufgrund der neuen Flüssiggas-Terminals schätze ich den Druck, auch in Deutschland Fracking zu erlauben, als nicht sehr hoch ein.

Deutschland hatte, wenn man so will, Glück im Unglück. Weil in China aufgrund des dortigen Corona-Ausbruchs die Wirtschaft schwächelte, brauchten die Chinesen nicht so viel Flüssiggas – und die Tanker konnten in der EU anlanden. Dort wurden die hohen Gaspreise bezahlt; viele afrikanische und asiatische Staaten hatten das Nachsehen. Nun zieht die Wirtschaft in China wieder an. Wie blicken Sie in Richtung Winter 2023/2024?
Bei Öl und Kohle gibt es einen funktionierenden Weltmarkt: Wenn wir nicht bei Russland kaufen wollen, bedienen wir uns eben woanders – und die Russen liefern in andere Staaten. Bei Erdgas ist die Lage etwas anders. Auch, weil große Mengen Erdgas durch Pipelines fließen, die kann man nicht mal eben woanders hin liefern. Mit Flüssiggas indes ist mehr Flexibilität möglich – sowohl auf der Käufer- wie auf der Lieferseite. Aber es stimmt, wir haben mit Blick auf die chinesische Nachfrage Glück gehabt.

Ist Deutschland, unterm Strich, also auf dem richtigen Weg?
Ja. Es wird, Stand heute, wohl nicht mehr zu diesen absurd hohen Preisspitzen beim Gas kommen. Außer wenn es in 2023/24 einen sehr, sehr kalten Winter gibt.

Ins Positive gewendet: Bewirkt der Krieg, dass es in Deutschland, ja in der ganzen Europäischen Union, nun schneller vorangeht mit dem Ausbau erneuerbarer Energien?
Ich denke schon. Die Regierung in Berlin hat mit dem Planungs- und Beschleunigungsgesetz beim Ausbau der Stromnetze und der Windkraftanlagen die richtigen Weichen gestellt. Hinzu kommt meinem Eindruck nach, dass so gut wie überall verstanden worden ist, dass wir diese erneuerbaren Energien wirklich brauchen. Der politische Widerstand ist spürbar geringer geworden.

Bundeskanzler Olaf Scholz spricht mit Blick auf die rasche Errichtung von Flüssiggas-Terminals an Nord- und Ostsee gerne von der „neuen Deutschland-Geschwindigkeit“, die nun für Infrastrukturprojekte gelte. Doch können die LNG-Projekte als Maßstab dienen für den Ausbau der erneuerbaren Energien und den Bau von Stromleitungen?
Der Bau der LNG-Terminals war ein Sonderfall. Nicht jedes Projekt erhält die volle Aufmerksamkeit des Bundeskanzlers, des Bundeswirtschaftsministers und des Ministerpräsidenten im jeweiligen Bundesland. Man darf Zeiten der Not nicht verallgemeinern. Aber ermutigend ist schon zu sehen, dass es schnell gehen kann, wenn man sich auf ein Ziel fokussiert.

Wo hakt es am meisten beim Umbau der Energiestruktur? Was müsste sich schnellstens ändern? Oder anders gefragt: Kämpfen wir immer noch mit Altlasten?
Das größte Problem ist wirklich die Dauer der ganzen Verfahren. Es ist nicht die Frage nach dem Geld. Viel Kapital steht bereit, auch viele Unternehmen sind in den Startlöchern – doch es dauert alles sehr lange. Ich sage mal so: Wir haben den Umweltschutz sehr gut in unsere Planungs- und Genehmigungsverfahren integriert, was ja auch richtig ist. Aber der Klimaschutz hat nicht das gleiche Gewicht. Die Bundesregierung will nun den Ausbau der Erneuerbaren zur Frage der nationalen Sicherheit erklären.

Sehr hohe Energiepreise wie derzeit gefährden die Zukunft des Industriestandortes Deutschland, weil dessen Produkte teurer werden. Hinzu kommt, dass nun auch die USA sowie China massiv in Klimaschutz und „grüne“ Produkte investieren wollen – und über Subventionen europäische Unternehmen zu sich locken könnten. Wird paradoxerweise mehr Klimaschutz zum Risiko für EU-Firmen?
Erst einmal sollte festgehalten werden, dass es eine positive Nachricht ist, dass die zwei größten Wirtschaftsmächte große Summen in den Klimaschutz investieren wollen. Für uns stellt sich nun allerdings die Frage: Wie sieht das Wirtschaftsmodell eines Landes aus, wenn Energie dort sehr viel teurer wird? Auch Flüssiggas ist ja um einiges teurer als das Pipelinegas, das Deutschland bisher bezogen hat. Was jetzt schon zu beobachten ist: Bereiche, die Gas benötigen und nur eine geringe Wertschöpfung haben, können sich in Deutschland nicht mehr halten.

Die Wertschöpfung bezeichnet den Unterschied zwischen dem, was man an Geld zur Herstellung in ein Produkt hineinsteckt, und dem Betrag, den man später beim Verkauf erlöst. Könnten Sie ein Beispiel geben?
Die Produktion von Ammoniak findet nicht mehr in Deutschland statt. Wir haben den Stoff lange Zeit exportiert, jetzt wird Ammoniak – wichtig zum Herstellen von Dünger und Chemikalien – importiert. Die Fabrikation lohnt sich einfach nicht, wenn Gas teuer ist. Im Ergebnis muss man sich daher in Deutschland auf die Sachen konzentrieren, bei denen man eine höhere Wertschöpfung hat. Das ist indes eine natürliche Entwicklung.

Aber was ist mit den Subventionen?
Das ist in der Tat ein Problem. Es droht ein Subventionswettlauf zwischen den USA, China und der EU. Gegenüber den USA ist es sicherlich die beste Lösung, weiter zu verhandeln. Wenn sich jeder der beiden Wirtschaftsräume abschottet, leiden beide darunter. Ziel muss es sein, dass auch europäische Unternehmen von den US-Subventionen profitieren und weiter dorthin liefern können und umgekehrt. Das wird in der Realität jedoch leider wohl nur zum Teil möglich sein.

Seit dem Ausbruch des Krieges versucht Deutschland in Energiefragen verstärkt mit Ländern zu kooperieren, die bisher in der zweiten Reihe standen. Mit afrikanischen Staaten wie dem Senegal, mit arabischen wie Katar, mit Chile, Argentinien ... Wird diese Strategie aufgehen?
Es ist sicherlich gut, sich nicht mehr von einem oder wenigen Ländern abhängig zu machen. Dazu sind weitere Handelsabkommen notwendig. Die neueren Handelsverträge haben dabei nicht nur den billigen Preis im Blick. Geachtet wird auch auf Versorgungssicherheit. Dazu kommen geostrategische Überlegungen: Mit dem Engagement in Afrika, unserem Nachbarkontinent, wird auch ein Gegengewicht gebildet zu China, das dort breit mitmischt.

Kürzlich hat Saudi-Arabien angekündigt, Milliarden in die Produktion von Wasserstoff zu stecken. Erwarten Sie, dass der Mittlere Osten eine neue Rolle für Deutschland/die EU bekommt: als Lieferant von klimafreundlicher Energie statt von Öl und Gas? Entstehen beim Umbau des Energiesektors „alte neue“ Abhängigkeiten?
Es ist ganz klar, dass wir Deutschen immer Energieimporteure bleiben werden. Irgendwann wird es der „grüne“ Wasserstoff sein, der von außen nach Deutschland geliefert wird – und zwar in einem sehr großen Ausmaß. Der große Vorteil bei Wasserstoff ist, dass mehr Länder potenziell als Lieferanten in Frage kommen als dies bisher bei Öl und Gas der Fall war. Denn diese fossilen Ressourcen sind nun einmal höchst ungleich über den Erdball verteilt und konzentrieren sich in bestimmten Gebieten. Beim Wasserstoff wird beispielsweise Saudi-Arabien im Wettbewerb mit anderen Staaten sein, die ebenfalls im Sonnengürtel des Erdballs liegen.

Zur Person

Das 1990 gegründete Leibniz-Zentrum ZEW in Mannheim mit über 130 Wissenschaftlern gilt als eines der führenden europäischen Wirtschaftsforschungsinstitute. Im April 2016 übernahm Achim Wambach (54) das Amt des Präsidenten. Er ist Doktor der Physik, lehrte dann aber als Professor für Volkswirtschaftslehre an verschiedenen Universitäten und ist unter anderem seit 2006 Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums.

ZEW-Präsident Achim Wambach
ZEW-Präsident Achim Wambach
x