Wirtschaft Wo Flexibilität auf Feldern Früchte trägt
«Bobenheim-Roxheim». Wandern auf den Spuren der regionalen Wirtschaft: Dazu laden wir mit der Serie Wirtschaftswandern ein. Im Mittelpunkt der heute vorgestellten Tour steht der Nonnenhof am Rande von Bobenheim im vorderpfälzischen Rhein-Pfalz-Kreis. Der landwirtschaftliche Betrieb mit seinen zahlreichen Gebäuden ist ein naturnahes Kleinod mit reicher Geschichte.
Seit 2013 wird das Gut von Ludwig von Heyl junior (32), einem Diplom-Agraringenieur, in fünfter Generation geleitet. Sein Vater Ludwig (69), ein Doktor der Agrarwissenschaften, unter anderem auch bekannt als Vorsitzender des Vereins Deutsches Kartoffelmuseum in Fußgönheim, geht seinem Sohn noch zur Hand, wenn Bedarf ist. Der junge Gutsherr, überzeugter Landwirt, Jäger und Naturschützer, hat einen Arbeitsplatz in einer „Unternehmenszentrale“, die wie ein Idyll wirkt. Davon können wir uns beim Start unserer Wanderung Richtung Osten zum Rheinufer überzeugen. Wir haben vor Beginn der Anliegerstraße geparkt und gehen an einer Pferdekoppel vorbei, um dann den Blick in den Innenhof des großflächigen Guts (369 Hektar, davon 100 Hektar Auwald mit Wasserflächen und Grünland) zu werfen. Es gibt sieben Wirtschafts- und fünf Wohngebäude. Während die Hälfte der Wirtschaftsgebäude heute ungenutzt ist, wird etwa die Hälfte der 15 Betriebswohnungen von verrenteten früheren Mitarbeitern mietfrei genutzt. Man sieht, auf dem Hofgut geht es sozial zu. Wir bewundern das teils als Kulturdenkmal geltende Areal mit seinem mitunter morbiden Charme. Wie der Bobenheim-Roxheimer Heimatforscher Klaus Graber weiß, war das Gelände unter Karl dem Großen ein Mustergut – und der Herrscher hielt sich dort in den Jahren 772, 786 und wohl auch 790 höchstwahrscheinlich sogar persönlich auf. Zurück in die Gegenwart: Das vordere rechte Gebäude ist der Sitz des Vereins Wildvogel-Auffangstation (siehe „Zur Sache“), dem von Heyl junior ebenfalls angehört. Auch die Heinz-Sielmann-Stiftung nutzt eine Fläche auf dem Nonnenhof. Der Gutsherr ist vielseitig engagiert und ein sorgsamer Unternehmer: Die Ertragssituation des landwirtschaftlichen Betriebs, der einen Lehrling beschäftigt, bezeichnet er als gut. 50 Prozent der rund 277 Hektar Ackerfläche sind verpachtet. Bis 1983 stand der anfangs von Leonhard Freiherr von Heyl geleitete Nonnenhof noch für intensive Milchvieh- und Schweinehaltung und Ackerbau. Eine Lore verkehrte zwischen Hof und Rheinufer, wo Schiffe mit den Gütern beladen wurden. Doch der Familie von Heyl war klar, dass man sich der stark verändernden Agrarwirtschaft und dem Strukturwandel anpassen musste. Flexibilität war Trumpf. So kam es, dass der Ackerbau mit eigener Bewässerung zum alleinigen Betätigungsfeld wurde. Die ungefähren Jahresernten gibt von Heyl junior folgendermaßen an: 400 Tonnen Weizen, 135 Tonnen Braugerste, 90 Tonnen Erbsen, 200 Tonnen Spinat, 3200 Tonnen Zuckerrüben. Die Erbsen gehen überwiegend in die Niederlande, der Spinat wird vom rund 135 Mitarbeiter zählenden Bobenheim-Roxheimer Werk Rheintal des Tiefkühlkost-Herstellers Frosta AG aufgekauft – und die Zuckerrüben kommen nach Neu-Offstein ins Werk der Südzucker AG. Wir laufen links am Nonnenhof vorbei, dann rechts auf Wirtschaftswegen nach Osten. Schnell entfaltet sich eine urwüchsige und trotz großer Ackerflächen abwechslungsreiche Landschaft. „Tradition und ein verantwortlicher Umgang mit der Natur prägen die moderne Arbeitsweise“, bescheinigt Heimatforscher Klaus Graber der Familie von Heyl. Dazu passt, dass das Heyl’sche Wäldchen 19 als Naturdenkmale ausgewiesene Alt- und Toteichen aus der Zeit Napoleons I. beherbergt. Über den Eckbach und vorbei an einem Gedenkkreuz für drei Opfer eines 1944 erfolgten alliierten Bombenangriffs geht es geradeaus weiter und dann rechts ab. In der Ferne sieht man die Bundesstraße 9 zwischen Ludwigshafen/Frankenthal und Worms. Da mal wieder Westwind ist, huschen die Fahrzeuge lautlos vorbei und wir bleiben im Einklang mit der Natur. Wie schön wäre es, auf dem Nonnenhof zu wohnen und in den Rheinauen mit dem Hund zu laufen, zu joggen oder zu radeln. Daran fänden bestimmt auch andere Gefallen. Die von Heyls denken jedenfalls darüber nach, wie man den alten Gebäudebestand nutzen und wie man attraktiven Wohnraum schaffen könnte. Bald geht es nach links an Weihern vorbei zu einer Überführung. Darunter auf der B9 fahren – jetzt deutlich vernehmbar – die Autos. Rechter Hand liegt die Freilichtbühne „Im Busch“. Wir aber gehen geradeaus und gelangen ans Rheinufer mit Blick zum Lampertheimer Biedensand. Wer ernten will, muss auch säen – ein Spruch, den die von Heyls auch im übertragenen Sinn seit Langem beherzigen. Doch das Ackern muss sich nachhaltig lohnen. Da wiederum beklagt von Heyl , dass die bei uns streng kontrollierten landwirtschaftlichen Umweltstandards durch Billigimporte aus Ländern mit geringeren Hürden ausgehebelt würden: Die „große Macht des Lebensmitteleinzelhandels“ und der „Preisdruck der Lebensmittelkartelle“ sei täglich zu spüren. Und die Kunden griffen, meint von Heyl weiter, „zu gerne zu billigen Lebensmitteln“. Der Anteil von Bio-Produkten und regionalen Waren sei gering und werde von Supermärkten und Discountern oft nur als Image-Lockmittel benutzt. Motto: Draußen Pfälzer Kartoffeln, drinnen billige aus Ägypten. Auch wenn die von Heyls selbst keine Kartoffeln mehr anbauen, beklagen sie die Diskrepanz zwischen Reden und Handeln. Bio sollte also kein Lippenbekenntnis sein, sondern durch den Magen gehen.