Wirtschaft Wieder Ärger wegen Handelsüberschüssen
«Taormina/Berlin». US-Präsident Donald Trump hat seine Kritik an den deutschen Handelsüberschüssen bekräftigt. Er brachte das Thema in einem Treffen mit EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker und EU-Ratspräsident Donald Tusk zur Sprache. Das bestätigten gestern Juncker und Trumps Sprecher Sean Spicer.
Beide widersprachen allerdings einem „Spiegel“-Bericht, wonach sich der US-Präsident aggressiv über Deutschland äußerte. Dies sei nicht zutreffend, betonte Juncker vor dem Gipfel der G7-Staats- und Regierungschefs im sizilianischen Taormina. „Er hat nicht gesagt, die Deutschen benehmen sich schlecht“, fügte er hinzu. „Er hat gesagt: Wir haben ein Problem, wie andere auch, mit dem deutschen Überschuss.“ Spicer wies den Bericht als falsch zurück und ergänzte: „Der Präsident sprach von Handelsungleichgewichten.“ Dabei habe Trump das Wort „unfair“ benutzt. „Er hat einen enormen Respekt vor Deutschland.“ Auch Trumps Wirtschaftsberater Gary Cohn wandte sich gegen den Eindruck, der Präsident habe etwas gegen die Deutschen. Bei dem Treffen mit Juncker und Tusk habe Trump betont, dass sein Vater deutsche Wurzeln habe. Auslöser war ein „Spiegel“-Bericht, in dem Trumps Kritik an Deutschlands Handelsüberschüssen mit den Worten zitiert wurde: „Die Deutschen sind böse, sehr böse.“ Juncker signalisierte, dass es sich dabei um eine falsche Übersetzung handele. „Ich bin kein Spezialist im Englischen, aber bad heißt nicht böse – schlecht reicht ja.“ Nach Darstellung Cohns sagte Trump, die Deutschen seien beim Handel sehr schlimm. „Aber er hat kein Problem mit Deutschland.“ Der „Spiegel“ zitierte zudem eine Bemerkung Trumps über deutsche Autoexporte: „Schauen Sie sich die Millionen von Autos an, die sie in den USA verkaufen. Fürchterlich. Wir werden das stoppen.“ An der Frankfurter Börse gerieten deswegen Autoaktien unter Druck. Trump hatte den Exportüberschuss Deutschlands schon mehrfach kritisiert. Ein Sprecher der Bundesregierung sagte in Berlin, der deutsche Überschuss sei weder gut noch böse. Er sei vielmehr das Ergebnis des Zusammenspiels von Angebot und Nachfrage auf den Weltmärkten. Der Überschuss könne nicht unmittelbar durch wirtschafts- und finanzpolitische Schritte Deutschlands beeinflusst werden. Vielmehr spielten andere Faktoren eine Rolle, etwa der Ölpreis, der Euro-Kurs und Auslandsinvestitionen deutscher Unternehmen. Nach der scharfen Kritik von US-Präsident Donald Trump an Deutschlands Handelsüberschuss hat die Industrie sich entschieden verteidigt. Die deutsche Automobilindustrie „exportiert nicht nur sehr erfolgreich in die USA, sondern sie produziert auch immer stärker in den USA“, sagte gestern der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie, Matthias Wissmann, dem SWR. Die US-Wirtschaft profitiere von den deutschen Autobauern. Die Anzahl der in den USA produzierten Fahrzeuge großer deutscher Hersteller habe sich von 250.000 im Jahr 2009 auf zuletzt 850.000 erhöht, sagte er dem Sender. Ein großer Teil davon gehe in den Export und stärke so die US-Handelsbilanz. „Wir stehen inzwischen mit der deutschen Automobilindustrie für 110.000 Jobs in den USA“, so der Verbandspräsident. Wirtschaftsforscherin Galina Kolev sagte der „Heilbronner Stimme“, Trump verkenne „die Bedeutung der deutschen Hersteller“ für die US-Wirtschaft. Die Konzerne sicherten Hunderttausende Arbeitsplätze und exportierten in den USA hergestellte deutsche Marken in die ganze Welt. Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer verwies auf die Verteilung des Marktanteils beider Länder. Im Jahr 2011 hätten deutsche Autobauer in den USA mit 8,6 Prozent ihren höchsten Marktanteil gehabt, in den ersten vier Monaten dieses Jahres seien es nur 7,3 Prozent gewesen. Umgekehrt hätten die USA mit Herstellern wie Fiat-Chrysler, Ford und Opel-General Motors zum Jahresende gut 18 Prozent Marktanteil am deutschen Markt gehabt. Trump argumentiere „nicht auf der Lage von Fakten“, monierte Dudenhöffer. Trump schaffe sich seine Urteile durch „alternative Fakten, etwa wie viele Autos er gerade auf einer Straße in New York sieht oder welche Autos gerade im Trump-Tower parken“.