Nachhaltigkeit
Wie grüne Start-ups die Wirtschaft umkrempeln wollen
Die Jablonskistraße 21 im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg wirkt unscheinbar. Bisschen Graffiti im Hauseingang. 27 Klingelschilder. Keines davon sieht aus, als würde es zu Nuventura, einem der interessantesten Start-ups Deutschlands gehören. Nanu? Offenbar haben sie hier Erfahrung mit verirrten Erstbesuchern: Eine Minute nach der verabredeten Uhrzeit öffnet sich ein paar Meter die Straße runter die Glastür eines Ladenlokals, offenbar ebenfalls Hausnummer 21. Eine fröhliche junge Frau tritt heraus und weist den Weg in den Firmensitz von Nuventura, ein ebenerdiges, helles Großraumbüro.
Die kleine Begebenheit ist bezeichnend für die grünen Start-ups hierzulande, junge Firmen, die unternehmerische Lösungen für Umwelt- und Klimaprobleme entwickeln und mit ihren Innovationen zu einer enkeltauglicheren Wirtschaft beitragen. Ihnen geht es ähnlich wie vielen deutschen Mittelständlern: Sie sind Hidden Champions. Ein bisschen versteckt, leicht zu übersehen. Wo sie sind, ist vorne. Sieht nur kaum jemand.
Das mag auch daran liegen, dass sie bisweilen Lösungen für Probleme anbieten, von denen die meisten Menschen nicht einmal wissen, dass es sie gibt. Nuventura ist dafür ein Paradebeispiel. Die Firma wurde 2017 gegründet, weil es in der Energieindustrie ein ebenso großes wie unsichtbares Klimaproblem gibt. Das schmutzige Geheimnis trägt den Namen Schwefelhexafluorid, kurz SF6. Es ist das stärkste bekannte Treibhausgas.
Grünes Gründen liegt im Trend
SF6 ist im Stromnetz allgegenwärtig. Es kommt in Schaltanlagen, in Umspannwerken etwa, als Isoliergas zum Einsatz, um Kurzschlüsse zu verhindern. 8000 Tonnen des Klimakillers landen jährlich in der Atmosphäre, Treibhausgase, so schädlich wie die Emissionen von 100 Millionen Autos. Nuventura könnte eine wichtige Rolle dabei spielen, das SF6 aus unserem Stromnetz verschwinden zu lassen.
Rund 6000 grüne Start-ups gibt es laut dem „Green Start-up Monitor 2020“ des Borderstep-Instituts für Innovation und Nachhaltigkeit, der umfassendsten Studie zu diesem Thema, in Deutschland. Etwa jede fünfte Firmengründung hierzulande ist mittlerweile im Bereich Klima- und Umweltschutz angesiedelt. Das Konzept „Mit grünen Ideen schwarze Zahlen schreiben“ gewinnt an Attraktivität.
Doch beides zusammenzubringen, grüne Ideen und schwarze Zahlen, erfordert oft noch ein Quäntchen mehr Engagement, Geschick und Glück als beim nicht-grünen Gründen – auch das ist ein Ergebnis des Green Start-up Monitors. Ein Grund dafür sei, dass viele nachhaltige Jungfirmen auf Hightech-Innovationen setzen, sagt Yasmin Olteanu vom Borderstep-Institut: „Sie brauchen Hardware, Maschinen, einen Ort, an dem sie produzieren können. Dadurch steigt im Vergleich zu digitalen Start-ups natürlich der Kapitalbedarf.“
Junge Unternehmen für die Masse unsichtbar
Zum anderen bewegen sich die Tüftler und Schrauber mit ihren Produkten oft auf sehr spezifischen, endverbraucherfernen Zielmärkten. „Der Energiesektor beispielsweise ist für junge Start-ups unheimlich schwierig“, erklärt Olteanu. „Damit haben auch Firmen wie Nuventura zu kämpfen, die eigentlich eine geniale Innovation auf den Markt bringen.“ Für die breite Masse bleiben solche hoch spezialisierten Nischenfirmen unsichtbar. Und von den Platzhirschen der Branche – im Fall von Nuventura Milliardenkonzerne wie Siemens, ABB oder Schneider Electric –, die sich im Status quo eingerichtet haben, werden sie gerne ignoriert.
Im Großraumbüro in der Jablonskistraße erzählt Ira Garbuz, die Kommunikationsleiterin von Nuventura, wie alles begann: damit, dass Manjunath Ramesh, ein indischstämmiger Elektroingenieur, der in Bayern für einen Konzern Schaltanlagen entwickelte, den Glauben an die gängige klimaschädliche Technik verlor. „Manju kündigte seinen Job und zog aus Regensburg nach Berlin“, erzählt Garbuz. „Er dachte halt, das ist der Ort, wo man ein Start-up gründet.“
Zusammen mit zwei Partnern, die kaufmännische Expertise, Kapital und Kontakte einbrachten, gründete er Nuventura. Und begann, einen Prototyp zu entwickeln, der komplett ohne SF6 auskommt – und stattdessen, dank einiger raffinierter, inzwischen patentierter Designänderungen, ganz normale Luft verwendet. Nach nur drei Jahren Entwicklungszeit haben Ramesh und sein Team nun ihre erste klimafreundliche Mittelspannungsschaltanlage zur Marktreife gebracht, die genauso kompakt und sicher ist wie eine SF6-basierte.
Überlebenskampf im „Tal des Todes“
Schon jetzt habe das kleine Start-up „der Energiebranche einen großen Tritt verpasst“, ist Garbuz überzeugt. Denn die Schaltanlagen des Start-ups sind im Vergleich zu SF6-basierten Systemen kostengünstiger in der Wartung und können mit Sensoren ausgestattet werden, die sie fit für die internetbasierte „Industrie 4.0“ machen.
Ein weiterer, noch größerer Tritt könnte in absehbarer Zeit aus Richtung der EU-Kommission folgen. Schon seit Längerem plant sie mit Blick auf die Klimaziele, die Verwendung von SF6 in Schaltanlagen stärker zu regulieren. Auch ein Verbot ist mittelfristig, wenn sich praktikable Alternativen auf dem Markt bewährt haben, denkbar.
Nuventura möchte die Revolution, die es im Energiesektor heraufziehen sieht, nicht im Alleingang bewältigen, sondern Lizenzen für seine patentierte Erfindung an mittelständische Anlagenhersteller vergeben. Damit sehen sich die Gründer in einer guten Position, um das „Tal des Todes“ zu überstehen. So nennen sie in der Start-up-Szene jene Phase, die auf die ersten erfolgreichen Schritte folgt und in der die junge Firma einen strammen Wachstumsschub hinlegen muss, um ihr Geschäftsmodell profitabel zu machen und sich am Markt etablieren zu können. Wem keine Lizenzgeschäfte oder Kooperationen möglich sind, der braucht dafür oft ein Investment in Millionenhöhe.
CO2 -neutrale Produktion von Silizium
Zudem, so Natalie Gips, Projektmanagerin Nachhaltigkeit beim Bundesverband Deutsche Start-ups, leiden grüne Start-ups unter einem Imageproblem: „Noch immer herrscht bei Investoren das Vorurteil, dass nachhaltige Investments mit Renditeverzicht einhergehen.“ Manche Start-ups würden aus diesem Grund sogar „Greenhushing“ betreiben, ergänzt Yasmin Olteanu vom Borderstep-Institut. „So nennen wir es, wenn sie den ökologisch-sozialen Wirkungsaspekt ihres Geschäftsmodells gegenüber Investoren herunterspielen. Sie wollen damit gar nicht erst den Eindruck entstehen lassen, dass ihnen die klassischen ökonomischen Zielgrößen nicht wichtig genug seien.“
Jan-Philipp Mai kennt die Vorbehalte, die grünen Start-ups von Investoren entgegengebracht werden, nur zu gut. Er sagt: „Man muss abwägen zwischen dem, was an Nachhaltigkeit möglich wäre, und dem, was ich heute auch im Markt platzieren kann.“ Mai ist Gründer von JPM Silicon, einem Verbund aus mittlerweile drei Firmen in Braunschweig und Hongkong, der sich zum Ziel gesetzt hat, Solarenergie nachhaltiger zu machen – durch die CO2-neutrale Produktion des Solarzellenrohstoffs Silizium. Möglich machen soll das zum einen innovatives Recycling von Solarmodulen, zum anderen Silizium aus nachwachsenden Rohstoffen wie Zucker sowie Asche von Getreidespreu. Wesentlich kürzere Lieferketten und ein niedriger Energieverbrauch bei der Herstellung sollen das umweltfreundliche Silizium günstiger machen als klassische Solarzellen.
China ist heute der weltgrößte Solarmarkt. Deshalb hat JPM Silicon die, wie Mai es nennt, „anwendungsnahen Sachen“ nach Hongkong verlegt. Die Pilotanlagen sollen in China stehen. Forschung und Entwicklung aber bleiben in Braunschweig. Was ihn hier halte, erklärt Mai, sei „ein exzellentes Netzwerk in der Region, was Forschungseinrichtungen und Industriepartner angeht – vor allem unter den kleinen und mittleren Unternehmen“.
Tesafilm aus „Pflanzenplastik“
Auch in Hamburg gibt es glückliche grüne Gründer, bei denen alles ineinandergreift: eine innovative Idee, Unterstützung von der Hochschule, Industriekontakte, ein florierendes Start-up-Ökosystem. Wie Daniela Arango, geboren in Kolumbien, Wahl-Hamburgerin, Doppelabschluss in Biotechnik und Wirtschaft. Sie gehört zum Gründungsteam von Lignopure, einem Start-up, das Kunststoffe auf Pflanzen- statt Erdölbasis entwickelt.
Lignopure hat seinen Sitz in einem Gründerzentrum am Harburger Binnenhafen. Arango kramt in einer Kiste und legt einige Gegenstände auf den Tisch, die nicht sind, was sie auf den ersten Blick zu sein scheinen: Lederlappen, Kunststoffplatten, eine Klebebandrolle. Weder liegt vor uns Leder, noch enthalten die Platten synthetischen Kunststoff. Alles basiert auf Lignin, einem der Hauptbestandteile von Hölzern und Gräsern, von dem allein bei der Papierherstellung Millionen Tonnen pro Jahr als Abfallprodukt anfallen – und meist verbrannt werden.
„Das wollen wir ändern“, sagt Arango. „Wir wollen Anwendungen für Lignin entwickeln und so einen Markt für dieses Biopolymer schaffen.“ Mit entsprechendem Know-how weiterverarbeitet, lässt sich der Rohstoff als eine Art Pflanzenplastik nutzen. Die hellbraune Rolle, die Arango auf den Tisch gelegt hat, entstammt einer Zusammenarbeit zwischen Tesa und der TU Hamburg. „Der allererste Prototyp“, sagt Arango mit Blick auf die etwas unförmige, faserige Anmutung des ligninbasierten Tesa-Films.
Nachhaltiger Ersatz für Palmöl
Nicht hübsch, aber er zeigte, was mit Lignin möglich ist. Und: dass es dafür auch einen Markt gibt. Denn Tesa signalisierte Interesse an einer Zusammenarbeit – unter der Bedingung, dass hochwertiges Lignin in einer größeren Menge zur Verfügung stünde, als es die kleine Bioraffinerie der TU Hamburg herzustellen vermag: etwa 50 Kilogramm. Im Monat. Als einer der nächsten Schritte soll Lignin deshalb im Industriemaßstab für den Einsatz in höherwertigen Produkten aufbereitet werden.
„Unser Plan ist, um die 30 Tonnen Lignin-Rohstoffe pro Jahr zu produzieren“, sagt Arango. Zunächst einmal aber nicht für Klebebänder, sondern für Mikropartikel, die in der Kosmetikindustrie Anwendung finden. „Damit können wir erdölbasierte Zutaten überflüssig machen. Und auch solche auf Basis von Palmöl, für das Regenwälder gerodet und verheerende Monokulturen angelegt werden.“
Ein Hindernis könnte die Farbe sein. „Mit Lignin haben wir nichts als Schattierungen von Braun“, so Arango. Die Palette reicht von hellem Beigebraun bis zu fast schwärzlichem Dunkelbraun. „Andererseits, wenn man heutzutage einen Bio-Supermarkt betritt – da ist ja auch alles braun. Die Menschen verbinden mit der Farbe inzwischen etwas, das nachhaltiger ist.“ Arangos Blick hellt sich auf. „Das eröffnet uns ganz neue Möglichkeiten.“