Wirtschaft
Wanderstiefel: Die Angst läuft mit
Wenn sich die Sohle des Wanderstiefels leise davonmacht - Dahinter steckt ein gemeiner chemischer Prozess - Was ein BASF-Chemiker dazu sagt
Was sagen Gummiringe für Einmachgläser im Rucksack über den Wanderer aus? Klarer Fall von Horror: Die Angst läuft mit. Die Angst davor, dass sich die Sohle ganz gemein vom Wanderstiefel löst – mitten in der Tour, nach einem gelungenen alpinen Aufstieg von 1000 Höhenmetern – vielleicht direkt am Gipfelkreuz. Die gefährlichen und für den geschundenen Wandererfuß vielfach blutigen Folgen möchte man sich gar nicht vorstellen.
Gummis, Klebeband und Ersatzschuhe
Ein paar richtig platzierte, über Schaft und Sohle gespannte Einmachgummis zur Notfixierung des übel abgelösten Teils am Schadschuh könnten über die Runde helfen, hoffen manche. Andere setzen auf robustes Textilklebeband als Nothelfer. Und die obersten Bedenkenträger sind daran zu erkennen, dass sie ein Paar Ersatzschuhe mit sich schleppen. Weit verbreitet ist aber auch das genaue Gegenteil: der arglose Wandergesell, der keinen müden Gedanken verschwendet an die Gefahr des unseligen Sohlenabfalls. Wegen Blauäugigkeit läuft dieser Wandertypus in Dauergefahr. Zu der Gruppe gehörten auch wir. Jahrzehntelang – bis es dann passiert ist.
Was am „Devil’s Punch Bowl“ geschah
Es soll hochgehen zum „Devil’s Punch Bowl“. Das ist ein Bergsee im Südwesten Irlands. Das Wetter ist irisch. Der Pfad ein Schlammgraben. Wir wollen trotzdem los. Doch schon 200 Meter vom Parkplatz entfernt steckt die Sohle im Matsch fest, als der Restschuh weiterziehen will. Schreck. Staunen. Befreites Lachen. Die Schlammschlacht zum Bowlebecher des Teufels bleibt uns erspart. Das ist der Sohlendrama-Klassiker: Der einst für viel Geld gekaufte Wanderstiefel steht jahrelang im Schuhschrank. Weil der Wanderer lange nicht wandert. Oder weil er lange Zeit ein anderes Paar, die leichteren Halbschuhe, bevorzugt. Jetzt kommt der Tag der besonderen Tour. Der bestens erhaltene, äußerlich scheinbar völlig intakte Bergschuh soll wieder ran. Und genau dann tappt man mitten in die Hydrolyse-Falle. Hydrolyse ist ein hundsgemeiner Vorgang, bei dem Wasser eine chemische Verbindung spaltet. In diesem Fall den Kunststoff Polyurethan. Aus dem besteht die Zwischensohle. Über die Jahre kriecht klammheimlich Feuchtigkeit in den Dämpfungskeil. Der wird – von außen unerkennbar – härter, porös und löst sich bröselig auf. Die Laufsohle fällt ab.
Viele Kunden sind erst einmal sauer auf den Schuhhersteller
Doch diesem Schicksal kann man davonlaufen. Im wahren Wortsinn. Wanderschuhe, die häufig im Einsatz sind, bekommen keine Hydrolyse. Bewegung hält geschmeidig. Das sagen übereinstimmend Experten der bayerischen Wanderschuhhersteller Lowa und Meindl. „Der teure Schuh war kaum getragen, wurde immer gut gelagert, sah aus wie neu. Und dann fiel beim Wandern die Sohle ab. Was ist denn das für eine Qualität?“ Solche Beschwerden bekommen Wanderschuh-Produzenten von Ihren Kunden immer wieder zu hören. „Die sind dann erstmal sauer auf den Hersteller“, sagt ein Meindl-Sprecher.
Neubesohlung: So wird ein Schuh draus
Markenfirmen wie Meindl oder Lowa erzählen den Sohlenopfern dann nicht nur die Hydrolyse-Story. Sondern sie bieten auch die Neubesohlung an. So wird wieder ein Schuh draus. Wenn der Schaft, der Oberschuh also, noch brauchbar ist, können die Schuhe zum Fachgeschäft gebracht werden, das die entsprechende Marke führt. Der Händler schickt sie dem Hersteller. Dort werden die Treter neu besohlt, mit neuem Fußbett versehen, die Nähte werden kontrolliert und ausgebessert. Mit neuen Schürsenkeln versehen kommen die guten Stücke zurück zum Wanderer. Mit den für 80 bis 100 Euro reparierten Schuhen kann der wieder losziehen. Das Neubesohlen ist üblicherweise bei allen Trekking- und Alpin-Modellen möglich. Nur bei ganz leichten Schuhen mit aufgespritzten Sohlen geht das nicht. Die Reparatur lohnt sich oft auch, wenn das Profil der Sohle abgelaufen ist. Lowa hat allein in Deutschland im vergangenen Jahr 13.000 Schuhe neu besohlt. Das Unternehmen sieht das auch als Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft. Kunden können viele Hersteller auch direkt kontaktieren und die Schuhe selbst einschicken.
Seit 40 Jahren PU
Auch der Ludwigshafener Chemiekonzern BASF kennt sich mit Wanderstiefeln aus. Denn zu den Zigtausenden Produkten, die er herstellt, zählen auch Polyurethane (PU) für Zwischensohlen. „Die Hydrolyse tritt im Allgemeinen nur bei Polyester-basierten Polyurethanen auf. Polyester werden durch eine Polykondensation von Dialkoholen und Dicarbonsäuren unter Abspaltung von Wasser hergestellt. Der Vorgang wird Veresterung genannt“, sagt ein BASF-Experte in klarem Chemiker-Deutsch. Dieser Produktionsprozess sei prinzipiell umkehrbar. Das heiße, Polyester könnten in Gegenwart von Wasser wieder in ihre Ausgangstoffe, Diole und Dicarbonsäuren, überführt werden. „Dieser Prozess wird Hydrolyse genannt“, so der Chemiker. Zwischensohlen aus PU und speziellen Additiven der BASF können – „je nach Kundenanforderung“ – einen Härtetest bestehen, der einer Lebensdauer von bis zu zwölf Jahren entspricht, ehe das große Krümeln einsetzt. Seit über 40 Jahren würden Zwischensohlen aus PU hergestellt, so der BASF-Materialexperte. Es könnten auch andere Materialien verwendet werden. Doch die böten nicht die Vorteile von PU wie hohe Dämpfung und exzellenten Tragekomfort. Um der Hydrolyse zu entgehen, sollten die Schuhe trocken, kühl und dunkel gelagert werden, raten Experten. Nasse Wanderstiefel sollten nicht an der Sonne, an der Heizung oder am Lagerfeuer getrocknet werden. Und wer längere Zeit nicht dazu komme, größere Touren zu machen, der könne die Wanderschuhe öfter mal bei kleinen Spaziergängen tragen.
Schlimmes Ergebnis: Blut ist im Schuh
Das Glück im Unglück mancher Hydrolyse-Opfer: Manchmal passiert das ganz am Anfang einer Tour. Der Schaden bleibt dann begrenzt. Doch wenn es mitten in der Wanderung geschieht, weit weg von Verkehrsmitteln oder Unterkunft, ja dann wohl dem, der Einmachgummis, Klebeband oder Ersatzschuhe zur Hand hat. Aber tückische Fallen lauern auch, wenn sich die Sohle am Parkplatz direkt beim Loslaufen verabschiedet. In der Nähe des geparktes Autos könnte rein zufällig ein Bergschuh-Laden geöffnet haben. Dort kauft sich der Wanderer schnell vermeintlich passenden Ersatz. Der passt dann doch nicht richtig, wie sich im Lauf der Dinge herausstellt. Das schlimme Ergebnis: Blut ist im Schuh. Die Welt ist voller Hydrolyse-Geschichten.
