Energie
Vereint gegen Russland : Wie sich Südosteuropa vom Staatskonzern Gazprom befreien will
So viel politische Prominenz wie an diesem Dienstag hat sich wohl noch nie in Alexandroupoli versammelt: Aus Athen kommt Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis, aus Sofia und Skopje reisen die Regierungschefs von Bulgarien und Nordmazedonien an, aus Belgrad der Präsident von Serbien und aus Brüssel Charles Michel, der Präsident des Europäischen Rates. Gemeinsam werden die Politiker das Startsignal für ein Projekt geben, mit dem sich Südosteuropa bei der Gasversorgung unabhängig von Russland machen will: Flüssigerdgas (LNG), das in Tankern nach Alexandroupoli transportiert, dort regasifiziert und in Pipelines eingespeist wird, soll russisches Gas ersetzen.
Ein Jahrzehnt Planung
Knotenpunkt des geplanten Versorgungsnetzes wird ein LNG-Terminal bei Alexandroupoli sein. Gebaut wird es vom Unternehmen Gastrade. Südwestlich des Hafens soll eine schwimmende Speicher- und Regasifizierungsanlage (FSRU) verankert werden. Dafür lässt der Reeder Peter Livanos derzeit einen Gastanker in Singapur umbauen. Livanos ist einer der Anteilseigner von Gastrade. Die weiteren Aktionäre sind die griechische Copelouzos-Gruppe, der griechische Gasversorger Depa, der Netzbetreiber Desfa und die staatliche bulgarische Bulgartransgaz. Auch der nordmazedonische Pipelinebetreiber NER verhandelt über einen Einstieg.
Die Pläne für das Terminal reichen fast ein Jahrzehnt zurück. Angesichts des Kriegs Russlands gegen die Ukraine wird die Umsetzung jetzt beschleunigt. Statt Ende 2023 soll die Anlage bereits Mitte kommenden Jahres in Betrieb gehen. Die EU fördert das Projekt mit 166,7 Millionen Euro. Die Kapazität der Anlage wird im Endausbau 22 Millionen Kubikmeter täglich erreichen. Die FSRU wird über eine 18 Kilometer lange Pipeline mit dem Festland verbunden, wo das Gas ins griechische Netz eingespeist und von dort verteilt wird.
Auch Nordmazedonien soll profitieren
Wichtigstes Verbindungsglied ist eine 180 Kilometer lange Pipeline zwischen der nordgriechischen Stadt Komotini und dem bulgarischen Stara Zagoria. Die 240 Millionen Euro teure Leitung wurde von Griechenland, Bulgarien und der EU gemeinsam finanziert. Im Juni soll sie in Betrieb gehen. Damit bekommt Bulgarien nicht nur Anschluss an das Terminal in Alexandroupoli, sondern auch an den südlichen Gaskorridor, der Erdgas aus Aserbaidschan über Georgien und die Türkei nach Griechenland und Italien bringt.
Außerdem bauen Bulgarien und Serbien seit Februar mit Finanzhilfen der EU und einem Kredit der Europäischen Investitionsbank an einer Gaspipeline zwischen beiden Ländern. Sie soll im Oktober 2023 in Betrieb gehen. Damit bekäme Serbien ebenfalls Anschluss an das Terminal Alexandroupoli. Von dort soll auch Gas nach Nordmazedonien fließen.
Bisher beziehen die meisten Länder der Region den größten Teil ihres Erdgases aus Russland. Serbien, Nordmazedonien und Bosnien-Herzegowina sind fast ganz vom Lieferanten Gazprom abhängig. Wegen der wachsenden Nachfrage nach LNG plant Gastrade parallel zum Bau der ersten Einheit bereits eine zweite schwimmende Anlage bei Alexandroupoli.