Tourismus
Türken stürmen griechische Inseln
„Wir kommen plötzlich in der Nacht“ – mit diesen Worten drohte der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdoğan 2022 eine Invasion der griechischen Ägäisinseln an. Nun kommen die Türken tatsächlich. Allerdings nicht im Schutz der Dunkelheit, sondern am helllichten Tag. Und nicht mit Landungsbooten, sondern mit Fähren wie der „Akçakoca Cat“. Jeden Morgen um neun Uhr legt der Katamaran im türkischen Bodrum ab und erreicht 15 Minuten später die griechische Insel Kos. Die Fahrten: meist ausgebucht.
Kos ist nicht die einzige Insel, die einen regelrechten Ansturm von Besuchern aus der Türkei erlebt. Auf Rhodos, Chios, Samos, Lesbos und Leros hat sich die Anzahl der türkischen Urlauber in den vergangenen drei Jahren verdoppelt.
Die Inselbewohner haben sich auf die neue Kundschaft eingestellt. Restaurants und Tavernen bieten Speisekarten auf Türkisch an. Das fällt leicht, denn die Küchen beider Länder weisen zahlreiche Gemeinsamkeiten auf: Türkische Köfte heißen in Griechenland Keftedes, Dolma entsprechen den griechischen Dolmadakia. Die Gäste aus der Türkei lassen es sich offenbar schmecken. „Sie geben etwa doppelt so viel aus wie Pauschaltouristen aus europäischen Ländern“, berichtet Kostas Moutzouris, Gouverneur der Region Nördliche Ägäis. Zudem treten viele türkische Besucher höflicher und zurückhaltender auf.
Zwei Hauptgründe
Griechenland war fast 400 Jahre lang von den Osmanen besetzt, bis heute streiten beide Länder um Hoheitsrechte und Wirtschaftszonen in der Ägäis. Von der sprichwörtlichen Erbfeindschaft zwischen beiden Völkern ist nichts zu spüren, wenn sich die Menschen begegnen.
Für den Besucheransturm gibt es zwei Hauptgründe. Zum einen hat die hohe Inflation in der Türkei Ferien im eigenen Land stark verteuert. Zum anderen erleichtern neue Visa-Regelungen die Reise auf die griechischen Inseln. Seit dem Frühjahr 2024 können türkische Staatsbürger zwölf Ägäisinseln mit einem sogenannten Express-Visum besuchen. Das Dokument wird bei der Ankunft ausgestellt, kostet 60 Euro und berechtigt zu einem Aufenthalt von bis zu sieben Tagen. Die Reisenden dürfen allerdings die jeweilige Insel nicht verlassen; Weiterreisen auf das griechische Festland oder in andere EU-Staaten sind ausgeschlossen. 2024 wurden rund 70.000 dieser Visa ausgestellt, im vergangenen Jahr bereits mehr als 100.000.