Wirtschaft RHEINPFALZ Plus Artikel Streit um Versicherungen gegen Starkregenschäden

Die Versicherungssituation für Hochwasserschäden in Deutschland habe sich in den vergangenen Jahren nicht verbessert, kritisiert
Die Versicherungssituation für Hochwasserschäden in Deutschland habe sich in den vergangenen Jahren nicht verbessert, kritisiert die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz.

Nur wenige Versicherer bieten Hausbesitzern von sich aus als Teil der Gebäudeversicherung eine Absicherung gegen Hochwasser- oder Starkregenschäden an. Das ist das Ergebnis einer Umfrage der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. Es ist nicht einfach, sich in Deutschland gegen solche Schäden zu versichern, kritisieren die Verbraucherschützer. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) empfiehlt diesen Versicherungsschutz zwar auch, hält jedoch nicht viel von der Umfrage.

53 Versicherer wurden angeschrieben. Lediglich sechs davon bieten in Risikogebieten von sich aus mit der Gebäudeversicherung einen Schutz gegen Schäden durch Hochwasser und Starkregen an. Darüber informiert die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. Die Verbraucherschützer wollten wie bereits in den Jahren 2015 und 2017 prüfen, ob es für Hausbesitzer einfacher geworden ist, sich gegen Schäden durch Naturgewalten zu versichern. Sie fordern schon länger, dass Politik und Versicherungswirtschaft eine entsprechende Pflichtversicherung auf den Weg bringen.

„Das Ergebnis unserer Umfrage ist enttäuschend“, sagt Michael Wortberg, Versicherungsexperte der Verbraucherzentrale. 18 der 53 befragten Versicherungsgesellschaften – alle bieten in Rheinland-Pfalz Gebäudeversicherungen an – hätten gar nicht oder unverständlich auf die Frage geantwortet, ob sie in ihren Verträgen automatisch einen Schutz anbieten, der Schäden durch Starkregen oder Hochwasser abdeckt. „Starkregen kann überall runterkommen und das macht ihn für viele Versicherer offenbar zu einem unkalkulierbaren Risiko“, sagt Wortberg.

Sturm- und Hagelschäden sind in den Gebäudeversicherungen normalerweise enthalten. Starkregen und Hochwasser hingegen gehen üblicherweise über den Abdeckungsbereich einer Hausrat- oder Wohngebäudeversicherung hinaus: Für sie wird eine Elementarschadenversicherung benötigt.

Branchenverband: „Fahrlässige Schlussfolgerung“

Aus Sicht des GDV sind immer noch zu wenige Hausbesitzer gegen Hochwasser- oder Starkregenschäden versichert. Der Verband empfiehlt einen solchen Versicherungsschutz zwar, übt allerdings Kritik an der Untersuchung der Verbraucherzentrale: Diese liefere kein vollständiges Bild. „Die Umfrage berücksichtigt nur die Anträge, bei denen die Elementarschadenversicherung vorgedruckt und bereits angekreuzt auf dem Antragsformular steht“, teilt eine GDV-Sprecherin auf RHEINPFALZ-Anfrage mit.

Viele Offerten der Versicherer, etwa auf Anfrage des Kunden, im persönlichen Gespräch oder in der Online-Beratung, lasse die Verbraucherzentrale außen vor, heißt es vom GDV. Sie leite aus ihrer Untersuchung ab, dass die Angebote der Versicherer unzureichend seien. Es sei jedoch fahrlässig, aus der Umfrage zu schlussfolgern, dass Wohngebäude nicht versicherbar seien, sagt Oliver Hauner, Leiter Sachversicherung im Verband.

Die Verbraucherschützer hingegen kritisieren, der GDV behaupte immer wieder, dass Wohngebäude in 99 Prozent der Fälle problemlos versicherbar seien. Sie gehen davon aus, dass die Versicherer kein Interesse daran haben, ihren Kunden Schutz gegen Elementarschäden zu gewähren.

Die Verbraucherzentrale interessiere sich nur für die Hälfte der Wahrheit, beanstandet wiederum der GDV. Rund 70 Wohngebäudeversicherer in Rheinland-Pfalz bieten laut Verband Elementargefahrenschutz auf vielfältigen Wegen an. „Es gibt kein Angebotsproblem. Fast jeder kann seine Immobilie zu erschwinglichen Preisen gegen Naturgefahren versichern“, sagt Hauner.

Opt-Out-Modell als eine Art Rundum-Schutz

Die Verbraucherzentrale spricht sich deutlich für das sogenannte Opt-Out-Verfahren aus: Dabei wird dem Kunden der Hochwasser- und Starkregenschutz in der Gebäudeversicherung mit angeboten. Wer auf diesen speziellen Schutz verzichten wolle, müsse sich dann aktiv dagegen entscheiden und die entsprechende Klausel im Vertrag streichen lassen. „Unseres Erachtens ist das die Variante, die man anbieten muss, solange es keine Pflichtversicherung gibt“, sagt Michael Wortberg.

Der GDV bringt noch das Opt-In-Modell zur Sprache. Auch dieses würden Versicherer anbieten. Bei dieser Variante werde dem Kunden der Elementarschaden-Baustein vorgedruckt im Antragsformular vorgelegt. Er könne ihn dann durch Ankreuzen hinzuwählen, wenn er den Schutz wünsche. Und: Kunden könnten natürlich auch aktiv nach einem Schutz gegen Elementarschäden fragen, sagt der GDV.

Differenzen in Sachen Pflichtversicherung

Auch wegen der Kosten plädiert die Verbraucherzentrale für eine bundesweite Pflichtversicherung gegen Elementarschäden. Nur dann folge man dem Solidarprinzip und es komme zu bezahlbaren Preisen für alle, heißt es im online einsehbaren Fazit der Umfrage. „In gefährdeten Gebieten bieten 87 Prozent aller angefragten Gesellschaften nicht automatisch eine Absicherung gegen Starkregen und Hochwasser an“, ist in der Auswertung zu lesen. „Bei einem so geringen Angebot kann es nicht verwundern, wenn dort die Preise offenbar so hoch sind, dass sich nur ein Bruchteil der Hauseigentümer versichert.“ Andere Länder, etwa die Schweiz, zeigten, dass das System einer Pflichtversicherung reibungslos funktioniere.

Doch der GDV ist gänzlich anderer Meinung: Durch eine Pflichtversicherung werde das Problem nicht gelöst. „Sie nimmt jeden Anreiz für Prävention, mehr Schäden wären die Folge“, lautet eine Begründung des Verbands. Die Pflichtversicherung sei außerdem verfassungs- und europarechtlich unzulässig. Beispiele aus dem Ausland zeigten die Grenzen eines solchen Systems auf. Was mehr bringen würde, seien bessere Informationen. Der GDV setze sich deshalb für ein nationales Naturgefahrenportal ein: ein zentrales Informationssystem, in dem Bürger gebündelte Infos zu Naturgefahren und klimatischen Veränderungen bekommen.

2020 war ein Jahr mit vielen Naturkatastrophen weltweit, Deutschland und Mitteleuropa sind allerdings noch glimpflich davongekommen. Mehr dazu lesen Sie in diesem Artikel.

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