Wirtschaft RHEINPFALZ Plus Artikel Siemens sieht die Pandemie als Chance

Wegen eines riesigen Kohlebergwerkprojekts in Australien hatte sich Siemens über Wochen den Unmut von Umweltschützern zugezogen.
Wegen eines riesigen Kohlebergwerkprojekts in Australien hatte sich Siemens über Wochen den Unmut von Umweltschützern zugezogen.

Noch leidet der Münchner Technologiekonzern relativ moderat unter der Coronavirus-Krise. Ausgeklammert bleibt dabei allerdings die Abspaltung der defizitäre n Tochter Siemens Energy, die etwa ein Drittel des Konzernumsatzes ausmacht.

Siemens klagt nicht. „Die Coronakrise bietet für uns große Chancen“, sagte Konzernchef in spe Roland Busch zur Vorlage eines Zwischenberichts in München. Die Digitalisierung der Wirtschaft werde von der Pandemie beschleunigt und damit das Geschäft der Münchner – zumindest perspektivisch. Sie werde auch eine tiefgreifende Neujustierung von Fertigung und Lieferketten nach sich ziehen. „In Hochlohnländern wird dann wieder mehr produziert“, glaubt der Manager, der Joe Kaeser spätestens kommenden Februar an der Spitze des Technologiekonzerns ablösen wird und bereits das Wort führt. Bislang steuern die Münchner relativ robust durch die Krise, obwohl der aktuelle Quartalsgewinn um zwei Drittel auf noch knapp 700 Millionen Euro eingebrochen ist.

Gerade einmal 7400 der global 386.400 Siemensianer arbeiten derzeit kurz. Stellenabbau wegen der Pandemie ist kein Thema. Der Umsatz im zweiten Geschäftsquartal von Januar bis März blieb bei 14,2 Milliarden Euro fast konstant. Der Auftragseingang ist zwar um knapp ein Zehntel auf gut 15 Milliarden Euro gesunken, aber der gesamte Auftragsbestand steht mit 150 Milliarden Euro auf Rekordniveau. Zählt man 11,4 Milliarden Euro Liquiditätsreserven dazu, scheint Siemens für die Krise gerüstet wie kaum ein anderer Konzern.

Das gilt allerdings nur für das eine Siemens mit Digital- und Bahntechnik als Kerngeschäft. Das andere Siemens ist die Abspaltung mit allen Energieaktivitäten namens Siemens Energy, die Kaeser als eine seiner letzten Amtshandlungen und trotz Pandemie unvermindert diesen Herbst an die Börse bringen will. Ein Börsengang im herkömmlichen Sinn ist es nicht. Der wäre nicht mehr möglich. Die Aktien von Siemens Energy werden im September bestehenden Siemens-Aktionären vielmehr als Sachdividende ins Depot gebucht. Wie es aktuell geschäftlich um die Abspaltung bestellt ist, verschweigen Busch und Kaeser. Dazu verpflichten sie Börsenregularien wegen der Nähe des Börsengangs.

Unglücklich ist das Duo wohl kaum über die Stillhalteverpflichtung. Siemens Energy ist ein defizitärer Sanierungsfall, dessen Ausklammern die Bilanz der Mutter schönt. 317 Millionen Euro Verlust haben „nicht fortgeführte Aktivitäten“ im zweiten Siemens-Quartal verbucht. Unter diesem Begriff wird Siemens Energy subsummiert.

Bei dem Defizit wird es nicht bleiben. Erst im laufenden dritten Geschäftsquartal werde die Pandemie auch bei Siemens ihre volle Negativwirkung entfalten, räumte Kaeser ein. „Wir gehen von einer längeren Bodenbildung aus“, sagt er zur Dauer des Einbruchs. Im Mutterkonzern soll das vom Umsatz her im Geschäftsjahr 2019/20, das am 30. September endet, auf ein überschaubares Minus von maximal 5 Prozent beschränkt bleiben. Eine neue Gewinnprognose gibt es aber nicht.

Wie es bei Siemens Energy weitergeht, lässt die Konzernspitze völlig offen und verweist auf einen für Ende Mai geplanten Abspaltungsbericht. Es könnte ein Dokument des Grauens werden. Mit dem schon vor der Pandemie maroden Energiegeschäft spaltet Siemens etwa ein Drittel des Konzerns ab. Im Auftragsbestand entfallen sogar 81 Milliarden Euro an den Börsenkandidaten gegenüber 69 Milliarden Euro, die im Mutterkonzern verbleiben. Einen ungünstigeren Zeitpunkt für den Börsengang eines solchen Kalibers wie Siemens Energy dürfte es historisch kaum gegeben haben.

Auch Tochter Flender als Weltmarktführer für mechanische Antriebssysteme mit 8500 Beschäftigten und und 2 Milliarden Euro Jahresumsatz will Siemens per Abspaltung frühestens 2021 an die Börse bringen. Der bei weitem größere Brocken ist Siemens Energy. Am 9. Juli muss eine außerordentliche Siemens-Hauptversammlung final über diesen Großbörsengang entscheiden. Das Treffen der Aktionäre wird zeitgemäß rein online über die Bühne gehen, was Kritik erschwert. Dem Management dürfte das nur willkommen sein.

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