Sonderposten
Schokolade und Salzstangen: Über die Trittbrettfahrer der Krise
Meine Frau stammt aus Thüringen. Dort gelten weder zweistellige Minusgrade noch plötzlich einsetzender Starkregen als akzeptabler Grund, nicht zu grillen. Deshalb ist es extrem wichtig, immer genügend Grillkohle zu Hause zu haben. Und Bratwürste und Rostbrätel aus der Heimat, versteht sich.
Entsprechend panisch reagierte ich, als ich dieser Tage die Kohle beim Discounter um die Ecke nicht gleich fand. Schon kroch der Verdacht in mein Bewusstsein, dass auch hier die Ukraine und/oder Russland die Hauptlieferanten sein könnten. Aber: Alles ist gut! Die bislang blaue Verpackung musste nur einer schwarzen weichen. Das Zeug kommt zu „100 Prozent (aus) Namibia – 0 Prozent Regenwald“. Naja, trotzdem ein ziemlich weiter Weg.
Aber man staunt dieser Tage schon, was so alles aus Osteuropa in unseren Supermarktregalen und Fabrikhallen landet. Beziehungsweise gerade nicht dort landet. Getreide und Öle sind noch einigermaßen leicht nachvollziehbar. Aber Kabelbäume aus der Ukraine für die Autoindustrie ist schon überraschend. Galt doch lange Zeit China als Werkbank der Welt.
Salzstangen bevorraten
Auch die Landwirte leiden unter dem Ukraine-Krieg. Denn mit Russland hat einer der größten Düngerproduzenten den Export eingestellt. Das könnte die Preise für Grundnahrungsmittel zusätzlich in die Höhe schnellen lassen. Wir erinnern uns: Die Mutter der Kunstdüngerproduktion ist das sogenannte Haber-Bosch-Verfahren zur großindustriellen Ammoniaksynthese; und das ist untrennbar mit der BASF in Ludwigshafen verbunden.
Aber es gibt gewiss auch einige Trittbrettfahrer der Krise. Selbstverständlich ist es nachvollziehbar, wenn Verbandsvertreter mit Nachdruck die Interessen ihrer Branche vertreten. Das ist ihr Job. Dass sich aber beispielsweise die Süßwarenindustrie für systemrelevant erklärt, ist nur schwer nachvollziehbar. Und dabei haben wir noch nicht darüber geredet, dass eines ihrer Unternehmen wegen des Russland-Geschäfts gerade heftig in der Kritik stand.
Ja, das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt tatsächlich, sich für Notsituationen auch mit Schokolade, Keksen oder Salzstangen zu bevorraten. Das steht aber erst ganz am Ende der Liste unter „Sonstiges nach Belieben“. Thüringer Bratwürste sind im Fall der Fälle auch nicht wirklich wichtig.